Der Schock sitzt tief. Die Stimme von Rosy Bianchi zittert, wenn sie über den 27. Juli spricht. An diesem Freitag tauchten die Gerichtsvollzieher in der Spielbank von Campione auf. Die Beamten des Konkursamtes von Como schickten die Angestellten und Kunden nach draussen. Es war 13.30 Uhr. Kurz darauf waren alle Eingänge versiegelt. Das spielerische «Rien ne va plus» war bitterer Ernst geworden. Eine der grössten Spielbanken Europas: geschlossen wegen Konkurs.

Drei Wochen sind mittlerweile vergangen. Auf dem Parkplatz vor dem gigantischen Spielbankgebäude haben die Anstellten eine Mini-Zeltstadt aufgebaut. Hier werden Kaffee und Kuchen angeboten, am Mittag gemeinsam gekocht. «SOS Campione is dead» heisst es etwa auf einem Spruchband. Die Spielbankmitarbeitenden tragen weisse T-Shirts mit der Aufschrift #salviamoCampione (Retten wir Campione). Auch in brütender Hitze sitzen sie auf den Bänken unter den Plastikplanen, um Passanten zu informieren und sich gegenseitig Mut zu machen. «Es ist ein unglaubliches Drama für uns, unsere Familien und das ganze Dorf», so Rosy Bianchi, Präsidentin des Betriebsrats. Seit etlichen Jahren arbeitete sie als Croupier im Casinò Municipale, einer Spielbank mit langer Geschichte. 1933 war diese auf Betreiben von Benito Mussolini wiedereröffnet worden, nachdem sie zuvor nur zwischen 1917 und 1919 in Betrieb war. Nur einmal, 1983, war sie wegen einer Mafia-Affäre, schon mal kurz geschlossen.

Zukunft ungewiss

Doch nun ist vollkommen unklar, wie es weitergeht. Die Hoffnung, dass die Spielbank nach einigen Tagen wiedereröffnen würde, hat sich zerschlagen. Ein gewaltiger Schuldenberg von 132 Millionen Euro (zirka 155 Millionen Franken) lastet auf der Institution. Bei einer Bürgerversammlung im Januar hatte Gemeindepräsident Roberto Salmoiraghi (68) zwar «Blut und Tränen» angekündigt, um Campione zu retten. Doch niemand hat mit einem solchen Ende gerechnet.

Leonardo Pace arbeitet seit 20 Jahren in der Spielbank, davon 16 als Croupier. Wie viele seiner Kollegen wohnt er im Tessin, hat dort ein Haus gekauft, fährt zur Arbeit nach Campione. Er macht sich grosse Sorgen, die Hypothek nicht mehr bezahlen zu können. «Wir fühlen uns einfach von allen im Stich gelassen», sagt er. Vor der Präfektur in Como und dem Sitz der Region Lombardei in Mailand hat man schon protestiert. «Alle sind nett und freundlich, aber niemand interessiert sich wirklich für unser Schicksal», moniert er. Und in Rom seien sie im August sowieso alle in den Ferien. Wegen der Tragödie von Genua hat man ein geplantes Schreiben an Staatspräsident Sergio Mattarella aufgeschoben.

Das Schicksal der Spielbank und dasjenige der Gemeinde sind unmittelbar verwoben. Ohne Spielbank hat die Gemeinde keine Einkünfte. Die wenigen Steuereinnahmen von natürlichen Personen der 2000-Seelen-Gemeinde, in der viele Pensionäre leben, reichen nicht, um den aufgeblähten Beamtenapparat des Dorfes am Leben zu halten. Anfang Woche hat die Gemeinde den Rotstift radikal angesetzt: 86 von 102 Gemeindeanstellten wurden in den so genannten «Mobilitätsstatus» versetzt, der bei Massenentlassungen geltend gemacht werden kann. Bei der Gemeindepolizei bleiben so nur noch 2 von 22 Beamten übrig. Der Kindergarten wird geschlossen genauso wie das Tourismusbüro.

«Sicher ist: Ohne die Spielbank läuft hier gar nichts», sagt der Gerant der Bar Campione. Manche fordern nun einen Anschluss Campiones an die Schweiz. Aufgetaucht ist auch der Vorschlag einer Klinikgruppe, das von Mario Botta gebaute Spielbankgebäude in ein Spital und in Privatwohnungen zu konvertieren.

Solche Perspektiven sind für die suspendierten Spielbankangestellten Gift. Sie wollen zurück an die Spieltische, denken gar über eine Kooperative nach, um den Betrieb in Eigenregie laufen zu lassen. Derweil ärgern sie sich über anderen Spielbanken, die aus ihrer Situation Profit zu schlagen versuchen. Das Casino von St. Moritz wirbt in einem Video etwa einleitend mit dem Konkurs von Campione, um Spieler ins kühle Engadin zu locken. Bei den Campionesi kommt das gar nicht gut an: «Mit den Schicksalsschlägen von anderen sollte man nicht spielen.»