Schule
Richtich oder valsch? «Schreiben nach Gehör» steht in mehreren Kantonen auf der Kippe

In vielen Schulen dürfen Primarschüler so schreiben, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Der Kanton Nidwalden ist vorgeprescht und verbannt das lautgetreue Schreiben neu ab der 2. Klasse aus den Schulzimmern. Das will nun auch der Zuger Bildungsrat prüfen.

Camille Kündig
Merken
Drucken
Teilen
Mit der Lernmethode «Schreiben nach Gehör» üben die Kinder zunächst, die Laute der Wörter herauszuhören und sie phonetisch aufzuschreiben.

Mit der Lernmethode «Schreiben nach Gehör» üben die Kinder zunächst, die Laute der Wörter herauszuhören und sie phonetisch aufzuschreiben.

watson.ch

«Mein Nahme ist Lena und ich besize eine Kaze»: Sätze wie diesen schreibt so mancher Primarschüler in sein Aufsatzheft – und das ganz ohne Rotstift-Korrektur des Lehrers. In vielen Schweizer Schulen dürfen Primarschüler so schreiben, wie sie sprechen. «Schreiben nach Gehör» heisst das Konzept aus dem Lehrplan 21 – und es ist umstritten. Der Kanton Nidwalden wird das lautgetreue Schreiben nun ab der 2. Klasse aus den Schulzimmern verbannen, wie die «NZZ» berichtet.

Der Widerstand wächst nun auch in anderen Kantonen. Stephan Schleiss, Zuger Regierungsrat (SVP) und Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (D-EDK), sagt auf Anfrage von watson: «Ich werde diese Frage im kantonalen Bildungsrat auf die Traktandenliste setzen.»

Der für die Deutschschweiz geltende Lehrplan 21 sieht eigentlich vor, dass die Lehrer erst ab der 3. Klasse in der Schriftsprache auf Korrektheit pochen. Die heutigen Lehrmittel zum Lesen- und Schreibenlernen bauen auf dieser Methode auf.

Seit Jahren kritisiert

Die Lernmethode wird bereits seit geraumer Zeit scharf kritisiert. Der Nidwaldner Bildungsdirektor Res Schmid (SVP), der in seinem Kanton nun früher auf korrekte Orthographie setzt, sagte gegenüber der NZZ: «Es ist der Rechtschreibung nicht dienlich, wenn man zu spät damit beginnt.» Es brauche einen grossen Aufwand, wenn die Schülerinnen und Schüler zwei Jahre lang orthografisch falsch schreiben dürften und dann ab der 3. Klasse die Fehler, die sich verstetigt hätten, korrigiert werden müssten.

Die Verbannung des «Schreibens nach Gehör» wünscht sich auch SVP-Nationalrätin Verena Herzog, wie die Bildungspolitikerin letztes Jahr zu watson sagte. Besonders für Migrantenkinder sei das ein zusätzliches Erschwernis. Besser wäre es laut Herzog, wenn Kinder Schritt für Schritt mit viel Übungsmöglichkeiten wie Diktaten gute Grundlagen in Deutsch erarbeiten könnten. «Das gibt ihnen Sicherheit und motiviert zu schreiben.»

Befürworter der Methode argumentieren hingegen, dass man mit zu frühem Insistieren auf die Rechtschreibung vielen Kindern die Freude am Lesen- und Schreibenlernen nehme. Marion Heidelberger, Vizepräsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes Schweiz, sagt zudem: «Die Textanalyse ist in der heutigen Zeit von Fake-News auch besonders wichtig.» Dass dies teilweise auf Kosten der Rechtschreibkenntnisse der Schüler gehe, sei «gut möglich».

Die Kantone Uri und Bern stehen weiter zum «Schreiben nach Gehör», wie die jeweiligen Erziehungsdirektionen auf Anfrage von watson mitteilen. «Bis jetzt haben wir diesbezüglich keine kritischen Feedbacks erhalten», sagt Martin Werder, Sprecher der Berner Erziehungsdirektion.

Wer hat's erfunden?

An der Lernmethode scheiden sich auch in der Forschung die Geister. Tatsächlich gibt es seit den 1970er-Jahren Studien, die das lautorientierte Schreiben als eine «wesentliche Entwicklungsphase» beschreiben. Gleichzeitig wird das Konzept von verschiedenen Forschern als problematisch angesehen. Besonders für Legastheniker, Kinder aus bildungsfernen Schichten und Kinder mit fremdsprachigem Migrationshintergrund sei das Konzept fragwürdig. Diese Schüler würden im Elternhaus keine zusätzliche Unterstützung bekommen oder hätten Mühe, Diktiertes lautgetreu wiederzugeben.

Entwickelt hat die umstrittene Methode der Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen. Er lehnte es strikt ab, Kinder beim Schreibenlernen mit Rechtschreibregeln zu überfordern. In Diktaten und Rotstift sah er «unproduktives, totes Buchstabenwissen und Ausfluss einer kollektiven Zwangsneurose».