Medizin

Rezept gegen Ärztemangel verlangt eine ordentliche Dosis «Franken-Medizin»

Jeder zweite Arzt, der neu eingestellt wird, hat nicht in der Schweiz studiert. Nun wurde eine parlamentarische Initiative eingereicht. Sie verlangt unter anderem, dass sich der Bund an den Ausbildungskosten beteiligt, falls die Kantone nicht zahlen.

Ärzte sind immer gefragter. Denn die alternde Gesellschaft bezieht immer mehr Leistungen und die Ärzte folgen dem Trend, nur noch Teilzeit zu arbeiten. Eine Volksinitiative hätte dem wachsenden Mangel entgegenwirken sollen. Sie verlangte vom Bund, mehr Humanmediziner auszubilden. Doch sie scheiterte im ersten Anlauf.

«Das Sammeln der 100 000 Unterschriften war schwieriger, als wir erwartet haben», sagt Initiant Daniel Häuptli, der sich deswegen nicht entmutigen lässt. Jetzt sei Plan B an der Reihe. Dazu wurde die grünliberale Nationalrätin Margrit Kessler eingespannt. Sie hat die Volks- in eine parlamentarische Initiative umgewandelt und sie mit der Unterstützung von 71 Ratskollegen letzte Woche eingereicht. Bereits zuvor stimmte der Nationalrat dem Ausbau der Studienplätze in Humanmedizin zu. Die Knacknuss ist der Ständerat, der das Begehren damals abgelehnt hatte.

Verhängnis des 9. Februars

Allerdings hat sich seit dem 9. Februar die Ausgangslage verändert - eine begrenzte Zuwanderung verschärft den Ärztemangel zusätzlich. Wie der Bundesrat in einem Bericht vor fünf Jahren vorrechnete, müssten rund doppelt so viele Ärzte als heute ausgebildet werden, um den Bedarf auch in Zukunft zu decken.

Das aktuelle System, die fehlenden Ärzte im Ausland zu rekrutieren, ist spätestens seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative zu überarbeiten. Die Herausforderung ist gross. Heute hat bloss jeder zweite neu eingestellte Arzt in der Schweiz studiert. Häuptlis Forderung, mehr Ärzte in der Schweiz auszubilden, gewinnt daher an neuer Brisanz.

An allen Unis mehr Studenten

Um das System zu ändern, müssen nicht nur Politiker, sondern auch die Universitäten mitspielen. Dass diese seit Jahren in der Kritik stehen, zu wenig Ärzte auszubilden, ärgert Jaromir Bregy von der Schweizerischen Rektorenkonferenz. «Die Universitäten sahen der Entwicklung nicht tatenlos zu», sagt er. So hätten diese die Kapazitäten seit 2006 um 45 Prozent auf 793 Studenten im 2014/2015 ausgebaut. Lausanne und Zürich haben im letzten Jahr je 60 neue Studienplätze geschaffen, Bern und Basel ziehen nach und erhöhen im nächsten Jahr um 40 Studienplätze.

Häuptli sagt dazu: «Das ist nichts weiter als ein Tropfen auf den heissen Stein.» Es handle sich um ein strukturelles Problem: «Die Kantone sind nicht bereit, die zusätzlichen Kosten zu tragen, um genügend Ärzte auszubilden.» Seine Initiative finde dafür ein Rezept, indem der Bund die subsidiäre Kompetenz erhält, als Financier einzuspringen, falls die Kantone nicht zahlen.

Die Regierung schob bisher die Verantwortung auf die Kantone ab. Gleichzeitig empfahl sie, 1200 bis 1300 Studenten pro Jahr auszubilden. Das wären 500 zusätzliche Studienplätze. Häuptli fordert noch mehr. Er spricht von 600 bis 800 Ausbildungsplätzen. Ganz grundsätzlich findet er, dass «ein reiches Land wie die Schweiz, das sich Bildung gross auf die Fahne schreibt, mehr talentierten Jugendlichen die Ausbildung zum Arzt ermöglichen sollte». Denn von den 3300 Maturanden, die sich dieses Jahr fürs Medizinstudium anmelden, wird nicht einmal ein Drittel zum Abschluss kommen.

Auch Margrit Kessler hat die Initiative eingereicht, weil sie es diskriminierend finde, dass nicht alle Jungen, die Medizin studieren wollen, dies auch tun können. Ihr seien Fälle von Schweizern bekannt, die den Ausweg übers Ausland suchten und ihr Studium dort selber finanzierten.

Die Farce um den Numerus clausus

Immer wieder kommt deshalb die Frage über den Sinn eines Numerus clausus aufs Tapet. Maturanden, die sich für ein Medizinstudium einschreiben, müssen die Zulassungsprüfung bestehen. Der Grossteil fällt durch und darf das Studium nicht aufnehmen. Der Numerus clausus ist aber der falsche Zankapfel, wenn es darum geht, diese Diskriminierung aufzuheben. In der Romandie, wo keine Vorprüfung besteht, sieben die Universitäten die überzähligen Studenten im ersten und zweiten Jahr aus. Die Studienplätze fehlen beidenorts. Die Frage, ob eine Vorprüfung oder die bessere Selektion ergibt, ist wieder eine andere.

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