Fifa-Präsident Infantino
Revolutionäre Welt-Fussball-Liga für Frauen: "Sie sollen nicht die Männer kopieren"

Fifa-Präsident Gianni Infantino macht sich für den Frauenfussball stark. Mit einer Weltliga sollen sich die Frauen-Klubteams der ganzen Welt das Jahr durch messen können. Das grosse Interview.

François Schmid-Bechtel und Rainer Sommerhalder
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FIFA-Präsident Gianni Infantino will den Frauenfussball fördern.

FIFA-Präsident Gianni Infantino will den Frauenfussball fördern.

KEYSTONE/EPA/TATYANA ZENKOVICH

Gianni Infantino (46) bleibt ein Mann der Ideen. Der Präsident des Weltfussball-Verbandes möchte an der nächsten WM 2018 in Moskau bereits den Videobeweis anwenden und für mehr Transparenz bei den Geldflüssen und im Transfergeschäft sorgen.

Gianni Infantino: Herr Infantino, wo sind Sie bei Ihren Plänen unterdessen angelangt? Wird die WM ab 2026 mit 40, 48 oder 64 Mannschaften gespielt?

(lacht) Wir müssen auf die Gesundheit der Spieler achten. Deshalb ist unser Ziel: Wenn wir das Teilnehmerfeld von 32 erhöhen, was absolut positiv wäre, sollen die Spieler nicht stärker belastet werden. Sowohl mit 40 als auch mit 48 Teams gibt es die Möglichkeit, dass die WM nicht länger dauert und die Finalisten wie bisher sieben Partien bestreiten.

Es gibt eine ganz schreckliche Idee von Ihnen: Einen WM-Modus mit 48 Teams, bei welchem 32 Teams drei Tage vor dem Beginn der Gruppenphase Playoffs bestreiten. Damit wäre die WM für 16 Teams schon nach einem Spiel vorbei!

Nehmen wir Island als Beispiel. Fragen Sie dort mal nach, ob sie nicht froh wären, für ein WM-Spiel gegen Kamerun nach China oder in die USA zu reisen. Die Isländer wären beseelt vom Traum, sich für die Gruppenphase zu qualifizieren. Dieses eine Spiel hätte eine unglaublich elektrisierende Wirkung, es wäre für die Isländer wie ein WM-Final.

Umso grösser wäre die Ernüchterung bei einer Niederlage.

Wir haben schon heute die Playoffs in der WM-Qualifikation. Wenn wir diese vom November in den Juni transferieren und im Rahmen der WM spielen, ist das viel besser für die Dramaturgie.

Wir hören schon den Aufschrei der Klubs. Können Sie nicht mindestens drei WM-Partien garantieren?

Wir haben einen Modus für 48 Mannschaften ausgearbeitet, der jedem Team zwei Partien garantiert, 32 Teams sogar deren drei. Es ist mein präferierter Plan, 48 Mannschaften in 16 3er-Gruppen einzuteilen. Die beiden Gruppenersten ziehen in die Sechzehntelfinals, dann Achtelfinals und so weiter.

Fifa-Präsident Gianni Infantino liebäugelt mit einer Aufstockung des Teilnehmerfeldes an der nächsten Weltmeisterschaft. Getty Images

Fifa-Präsident Gianni Infantino liebäugelt mit einer Aufstockung des Teilnehmerfeldes an der nächsten Weltmeisterschaft. Getty Images

FIFA via Getty Images

Ist es denkbar, dass der Videobeweis an der WM 2018 in Russland bereits zum Einsatz kommt?

Es ist nicht nur denkbar, sondern sogar wünschenswert. Wir testen derzeit erfolgreich die Technologien, so auch heute beim Finalspiel der Klub-Weltmeisterschaft in Japan.
Sie wollen auch den Prozess der WM-Vergabe ändern. Also ist bei den Vergaben der WM nach Russland und Katar unter Ihrem Vorgänger Sepp Blatter etwas krumm gelaufen?
Es gilt, die Lehren aus den teilweise berechtigten Kritiken zu ziehen. Aber eigentlich schaue ich lieber nach vorne.

Nehmen Sie auch die Kritik der Menschenrechtsorganisationen ernst?

Auf jeden Fall. Es gilt, Menschenrechtsaspekte in eine WM-Vergabe einfliessen zu lassen.

Also unter Präsident Gianni Infantino heisst es nicht mehr wie in der Vergangenheit: «Die Zustände auf den WM-Baustellen in Russland oder Katar gehen uns nichts an»?

Die Fifa ist auch unter mir primär ein Fussballverband und nicht eine Menschenrechts-Organisation. Aber die Fifa ist in der Welt tätig und kann sich solchen Themen nicht länger verschliessen. Die Wahrung der Menschenrechte muss im Kandidatur-Verfahren zur WM-Vergabe auf den Tisch gelegt und diskutiert werden.

Sie entwickeln wöchentlich neue Ideen. Kaum jemand scheint Ihrem Tempo folgen zu können?

Wenn man als Organisation transparent sein will, gehört auch dazu, im Dialog Debatten anzustossen. Ich teste gerne Reaktionen, wenn wir darauf zusteuern, Entscheide zu fällen.

Vom Mann der Kugeln zum Fifa-Präsidenten

Keine Auslosung ohne den Mann der Kugeln: Unter den Fussball-Fans erlangte Gianni Infantino als Zeremonienmeister bei EM- und Champions-League-Auslosungen Kultcharakter. Was steckt hinter dem Charisma des Glatzkopfs?

Der Sohn italienischer Gastarbeiter wurde am 23. März 1970 geboren und stammt wie sein Vorgänger Sepp Blatter aus dem Wallis. Er studierte Rechtswissenschaften und arbeitete als Advokat, ehe im Jahr 2000 seine Karriere als Fussballfunktionär begann. Beim europäischen Fussballverband Uefa hatte er diverse Ämter inne, unter anderem leitete er die Rechtsabteilung.

2009 wurde er zum Generalsekretär und somit zum Geschäftsführer der Uefa. Ein enger Weggefährte Infantinos war der langjährige Uefa-Präsident und frühere französische Spitzenfussballer Michel Platini.

Als Platini 2015 von der Fifa-Ethikkommission gesperrt wurde und die Kandidatur zur Wahl des Fifa-Präsidenten zurückziehen musste, schlug Infantinos Stunde. Anstelle seines Freundes Platini wollte nun er Fifa-Präsident werden. Mit Erfolg: Bei der Wahl am 26. Februar 2016 in Zürich setzte er sich im zweiten Wahlgang gegen Scheich Salman bin Ibrahim al Chalifa durch.

Neben einer 48er-WM wollen Sie jetzt auch noch eine Klub-WM mit 32 Mannschaften initiieren ...

... ich sollte vielleicht etwas weniger reden.

Haben Sie sich verplappert?

Nein. Es wurde zwar so geschrieben, aber ich habe nie von einer Klub-WM mit 32 Mannschaften gesprochen.

Also was jetzt? 16 Klubmannschaften, die im Juni in den ungeraden Jahren den WM-Titel ausspielen?

Ja, darüber können wir sprechen. Aber die Klub-WM ist komplizierter als die Nationalmannschafts-WM. Generell soll eine Fifa-WM ein spezielles, herausragendes Ereignis sein. Aktuell wird die Klub-WM in Japan ausgetragen. Ich weiss gar nicht, ob Sie darüber im Bild sind. Viele Menschen sind es jedenfalls nicht. Dass die Klub-WM neben Winterthur gegen Zürich untergeht, zeigt, dass man über den Anlass zumindest diskutieren muss. Wir sollten ein Turnier organisieren, das den Klub-Fussball auf die Weltbühne hebt.

Wollen Sie mit der Klub-WM die Champions League konkurrenzieren?

Nein, sicher nicht. Das ist auch nicht möglich. Die Champions League ist ein solch herausragender Wettbewerb. Die Klub-WM soll etwas anderes sein. Etwas, das den Klubs in Europa, aber auch in der ganzen Welt etwas bringt.

Die englische Premier League nimmt jährlich 2,3 Milliarden Euro allein durch die TV-Vermarktung ein. Sie ist also reicher als die Fifa. Wie gross ist die Gefahr, dass sie sich nach dem Vorbild der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL abspaltet und ihre Spieler nicht mehr für die WM abstellt?

Es ist gut, dass es den Engländern gut geht. Meine Aufgabe als Fifa-Präsident ist aber, dass es den Engländern weiterhin gut geht, den anderen aber etwas besser als bisher. Als Fifa-Präsident muss ich Kompromisse finden. Für die Premier League oder die Champions League ist es von Vorteil, wenn sich der Fussball in allen Erdteilen entwickelt.

Entwicklungshilfe machen die grossen europäischen Top-Klubs schon länger. Insbesondere in Wachstumsmärkten wie China oder Indien.

Das ist begrüssenswert. Auf dem Planet Fussball soll jeder seinen Platz haben. Wichtig ist aber, dass man zusammen und nicht gegeneinander arbeitet.

Finden Sie die geplante Reform der Champions League gut?

(lacht) Endlich mal etwas, für das ich nicht verantwortlich bin. Sagen wir es so: Was auch immer als Resultat einer Diskussion entschieden wird, sollte ein mehrheitsfähiger Kompromiss sein. Die Uefa hat in den letzten Jahren bewiesen, dass sie flexibel genug ist, zu erkennen, wenn etwas nicht in die richtige Richtung laufen sollte.

Sie propagieren Nulltoleranz gegenüber Missbräuchen. Jetzt könnten Sie ein starkes Zeichen setzen, indem Sie Lionel Messi, der in Spanien wegen Steuerhinterziehung zu 21 Monaten Haft verurteilt worden ist, von der Fifa-Gala am 9. Januar in Zürich ausladen.

Lionel Messi auszuladen, der notabene immer noch Fussball spielt, wäre kein starkes Zeichen. Denn die Fifa ist nicht die Weltpolizei, sondern soll sich auf den Fussball konzentrieren. Es ist Aufgabe der Justiz, über Recht und Unrecht zu entscheiden, und nicht der Fifa.

Aber Messis Steuerhinterziehung wird wohl kaum mit den Werten Ihrer Fifa vereinbar sein?

Nein, sicher nicht. Menschen sind menschlich und machen Fehler. Aber es ist nicht an der Fifa, über private Angelegenheiten der Protagonisten zu urteilen.

Die Fussball-Leaks entlarven den Fussball als schmutziges Geschäft mit Spielern und Beratern, die den Hals nicht vollkriegen.

Alles, was den Fussball beschmutzt, kann mir nicht gefallen. Wenn es um die Geldflüsse im Fussball geht, haben wir noch ziemlich viel Arbeit vor uns. Wichtig ist, dass wir das Transfergeschäft transparenter gestalten können.

Das Kernstück Ihrer Reformen ist die markante Erhöhung der Entwicklungsgelder. Die 1,4 Milliarden Dollar in vier Jahren bedeuten eine Vervierfachung gegenüber vorher. Woher kommt das Geld?

Von den 5,6 Milliarden Franken Einnahmen der Fifa, die von TV-Rechten, Sponsoren und von den Weltmeisterschaften stammen. Und diese 1,4 Milliarden entsprechen nur 25 Prozent unserer Einnahmen. Diese Gelder, welche Mitgliederverbände erhalten, können wir in Zukunft sogar erhöhen.

Übernimmt sich die Fifa nicht mit den Entwicklungsgeldern? Schliesslich hat sie mit dem Zugpferd Weltmeisterschaft zuletzt «nur» 2,3 Milliarden Dollar eingenommen.

Sie können beruhigt sein: Wir haben das durchgerechnet. Die Zahlen werden erstmals vollkommen transparent veröffentlicht. Für den Vierjahreszyklus 2015 bis und mit 2018 rechnen wir mit 5,6 Milliarden Einnahmen. Die Frage sollte viel eher lauten ...

... wohin das Geld früher geflossen ist.

Genau. Aber ich weiss es nicht.

Haben Sie kein Interesse daran, dies in Erfahrung zu bringen?

Doch, doch. Deshalb haben wir bei einer internationalen Auditfirma eine Untersuchung in Auftrag gegeben.

Fifa-Präsident Gianni Infantino zu Besuch auf der Redaktion der AZ Medien in Aarau.
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Fifa-Präsident Gianni Infantino zu Besuch auf der Redaktion der AZ Medien in Aarau
Der Walliser stellt sich den nicht unkritischen Fragen der Journalisten
Der Walliser stellt sich den nicht unkritischen Fragen der Journalisten
AZ-Chefredaktor Christian Dorer und Sportredaktor Rainer Sommerhalder begrüssen den Fifa-Präsident im Telli in Aarau
Fifa-Präsident zu Besuch auf der Redaktion der AZ Medien in Aarau
Gianni Infantino im Gespräch mit Tele M1

Fifa-Präsident Gianni Infantino zu Besuch auf der Redaktion der AZ Medien in Aarau.

Erstaunlich ist, dass die Fifa nicht sparen muss. Schliesslich sind mit Sony und Emirates zwei Partner abgesprungen. Wie machen Sie das?

Indem wir andere namhafte Partner dazugewinnen. Das Interesse ist riesig.

Trotz des enormen Imageverlustes?

Ja. Denn der Imageverlust ist Vergangenheit. Jetzt sind wir auf dem aufsteigenden Ast.

Sie kalkulieren bereits mit dem Geld, obwohl diese Partner noch nicht unterschrieben haben?

Auf jeden Fall. Der Grossteil unserer Einnahmen ist gesichert. Und was noch nicht gesichert ist, ist relativ sicher. Die Verhandlungen sind im Endspurt.

Zuletzt wurde die Sportwelt einmal mehr durchgeschüttelt. Waren Sie schockiert vom Ausmass des McLaren-Berichts über systematisches Doping in Russland?

Wenn man das liest, ist man auf jeden Fall schockiert. Aber man muss das alles erst mal analysieren, die Verfahren vorantreiben, damit möglichst alles ans Tageslicht kommt.

Ein Mitglied des Fifa-Rats, Witali Mutko, kommt im Bericht vor. Ist der Chef des WM-OKs eine Hypothek für die Fifa?

Nein. Richard McLaren hat in seinem zweiten Bericht festgehalten, dass bei Mutko keine direkten Hinweise auf Manipulation bestehen. Die Fifa steht in Kontakt mit der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Und die Fifa hat die Instanzen, um diese Angelegenheiten zu analysieren. Ich jedenfalls beteilige mich nicht an Spekulationen.

Russlands Nationalteam ist in schlechter Verfassung. Die Erwartungen im Gastgeberland der WM 2018 sind enorm hoch. Da liegt der Verdacht nahe, dass mit unerlaubten Mitteln nachgeholfen wird.

Ich garantiere eine hundert Prozent saubere WM, wenn es um Doping geht.

Sie haben sich die Förderung des Frauenfussballs auf die Fahne geschrieben. Bis dato ist wenig davon spürbar. Bleiben die Frauen also doch das fünfte Rad am Wagen?

Nein, im Gegenteil. Aber erst mussten wir die Frauen-Division ins Leben rufen. Die neue Direktorin Sarai Bereman aus Neuseeland ist erst vor ein paar Wochen engagiert worden. Wir haben neu auch sechs Frauen im Fifa-Rat und mit Fatma Samoura haben wir erstmals eine Generalsekretärin. Der Frauenfussball braucht innovative, kreative Inputs. Die letzte WM in Kanada war zwar sehr erfolgreich. Aber in den nationalen Meisterschaften harzt es noch.

Noch keine konkreten Ideen?

Oh, ich habe schon ein paar.

Warum so zurückhaltend. Sonst sind Sie doch ziemlich gesprächig, was neue Ideen betrifft.

Wir brauchen noch Zeit, müssen die verschiedenen Ideen erst noch reifen lassen. Wichtig ist, dass sich die grossen Klubs stärker im Frauenfussball beteiligen. Und die grosse Anziehungskraft, die Nationalmannschafts-Wettbewerbe entwickeln, sollte noch besser genutzt werden. Das sind vorerst die dringlichsten Punkte.

Gibt es für das Daily Business des Frauenfussballs, also den nationalen Meisterschaftsbetrieb, bei der Fülle an Fussball überhaupt Platz?

Wir müssen neues Interesse generieren. Die Frauen sollen nicht die Männer kopieren. Sie sollen etwas Neues machen. Und es geht darum, Events zu kreieren. Ausserdem brauchen wir viel mehr Mädchen und Frauen, die Fussball spielen.

Sie sind der Fifa-Präsident der vielen Ideen. Welche Idee schwebt Ihnen konkret im Frauenfussball vor?

Ich muss erst mal ein paar bisherige Ideen in die Praxis umsetzen (lacht). Aber eine Weltliga für den Frauenfussball, das wäre eine interessante Sache.

Apropos Frauen, wie häufig sehen Sie Ihre vier Töchter?

Nicht so häufig, wie ich möchte. Ich bin viel unterwegs. Wenn ich sie aber sehe, dann so intensiv wie möglich.

Ihre drei ältesten Töchter sind in der Pubertät. Löst der Fifa-Präsident Teenager-Probleme auch per Anordnung?

(lacht) Kommt darauf an, in welcher Stimmung ich gerade bin. Im Ernst: Anordnungen kommen in unserer Familie generell schlecht an. Ich lerne jeden Tag dazu, wie Töchter in diesem Alter funktionieren – und bin fasziniert.

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