Die Trauer um die im Comersee ertrunkene Fussballerin Florijana Ismaili ist gross. 24 Jahre alt, Nationalspielerin, Spitzensportlerin: Ismaili ist nicht jemand, von dem man erwarten würde, dass ein Sprung in den See tödlich enden kann. Doch das ist eine Fehleinschätzung. «Im Wasser kann es jeden treffen», sagt Philipp Binaghi, Sprecher der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft. Die Details zum Fall Ismaili kennt Binaghi nicht, doch auch gut trainierte Menschen würden manchmal einen Schwächeanfall erleiden, sagt er.

Bei hohen Temperaturen wie am Wochenende kann es ausserdem gefährlich sein, überhitzt ins Wasser zu springen. Die plötzliche Kälte setzt den Körper unter Stress. Mögliche Folgen des Kälteschocks sind Krämpfe, Kreislaufprobleme oder auch Ohnmacht.

Dunkelziffer von «Beinahe-Ertrinkungsunfällen»

In den vergangenen Tagen sei bei der Lebensretter-Gesellschaft viel los gewesen, sagt Binaghi, wie immer, wenn die Temperaturen hoch schnellen und Tausende ans Wasser strömen. Dadurch steigt auch das Risiko tödlicher Unfälle. Am Wochenende, auf dem Höhepunkt der Hitzewelle, kam es zu mehreren Unfällen. Am Sonntag ertrank in Freiburg ein Mann in der Saane. Am selben Tag wurde in Arbon ein Mann tot aus dem Bodensee geborgen, berichtet die «NZZ». Am Samstag verletzte sich ein 66-jähriger Nichtschwimmer in der Reuss in Luzern lebensgefährlich.

Die Zahlen bleiben in der Regel relativ stabil. Im vergangenen Jahr sind laut Schweizerischer Lebensrettungs-Gesellschaft in hiesigen Gewässern 37 Menschen ertrunken, im Jahr zuvor waren es 41. 2016 ertranken 58 Menschen. Über eine Zeitspanne von zehn Jahren kamen pro Jahr im Durchschnitt 44 Personen ums Leben. Die Anzahl der «Beinahe-Ertrinkungsunfälle» dürfte ebenfalls hoch sein. Gesicherte Zahlen gibt es zwar nicht, laut der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft dürften allerdings auf jeden Todesfall noch einmal fünf bis zehn «Beinahe-Ertrinkungsunfälle» kommen.

«Lautloses Ertrinken»: Das Aufklärvideo der SLRG

Menschen ertrinken leise

Am häufigsten von tödlichen Badeunfällen betroffen sind junge Männer zwischen 15 und 30 Jahren. «Sie sind im Umgang mit Risiken manchmal fahrlässig», sagt Binaghi. Junge Männer würden eher zu Selbstüberschätzung neigen. Sie loten Grenzen aus, führen waghalsige Manöver durch – und geraten so in Notsituationen.

Ein Problem dabei: Ertrinken sieht nicht aus wie Ertrinken im Film. Wenn jemand im Wasser in Not gerät, bekommen andere Badegäste das oft nicht mit. «Es ist nicht wie in Filmen, wo jemand schreit und mit den Armen winkt», sagt Binaghi. «Dazu fehlt ihnen die Kraft.» Vielmehr würde es ihnen kaum gelingen, den Kopf über Wasser zu halten. «Menschen ertrinken fast immer leise.»

Um auf die Problematik aufmerksam zu machen, haben die Rettungsschwimmer gemeinsam mit der Versicherung Visana vor wenigen Tagen ein neues Projekt lanciert. «Save your friends», heisst die Kampagne, die sich vor allem an junge Männer richtet. In Videos werden Situationen gezeigt, die man vermeiden sollte: der Sprung in trübes oder unbekanntes Gewässer, betrunken zu schwimmen oder Gummiboote zusammenzubinden. Die Clips enden immer gleich. Über den verunfallten Jugendlichen, der bewegungslos am Ufer liegt, wird ein weisses Laken gezogen. «Es ist wichtig, auf die Gefahren klar und deutlich hinzuweisen», sagt Binaghi. «Jeder Ertrunkene ist einer zu viel.»