Matthias Huss, diesen Winter lag in den Bergen ausserordentlich viel Schnee. Hat das den Schweizer Gletschern genützt?

Unsere Messungen zeigen, dass die Gletscher am Ende des Winters in gutem Zustand waren. Wir haben mit den Messungen im Rahmen des schweizerischen Gletschermessnetzes festgestellt, dass es im April 20 bis 60 Prozent mehr Schnee hatte als in einem gewöhnlichen Jahr. Der Winter war schneereich, weshalb die Gletscher Anfang Sommer gut gerüstet waren.

Allerdings erleben wir seit April eine Phase von Wärme und Trockenheit. Was sind die Folgen davon?

Die hohen Temperaturen führen dazu, dass der Schnee und das Eis der Gletscher schneller schmilzt. Dazu kommt aber auch die extreme Trockenheit. Seit Mitte Mai ist auf den Gletschern kein einziges Mal mehr Neuschnee gefallen. Den Gletschern hilft es, wenn es immer wieder kurze Niederschläge gibt. Eine kleine Schicht Neuschnee – auch wenn es nur fünf Zentimeter sind – reflektiert die Sonnenenergie und sorgt so dafür, dass die Schmelze nicht so schnell vorangeht. In den letzten heissen Jahren konnten die Gletscher immer mal wieder davon profitieren. Dieses Jahr bisher nicht.

Wie sieht es jetzt auf den Gletschern aus?

Viele kleine Gletscher sind jetzt schon komplett schneefrei. Ein Gletscher, der Ende Sommer nicht zu mindestens 60 Prozent von Schnee bedeckt ist, ist auf lange Sicht zum Sterben verurteilt. Auf grösseren Gletschern wie etwa auf dem Aletschgletscher liegt in höheren Lagen trotz des warmen Sommers noch Schnee. Doch auch hier begann die Schmelze früher als in anderen Jahren. Das macht den positiven Effekt des schneereichen Winters zunichte.

Unter dem Strich bleibt also nichts?

Wir sind noch nicht ganz so schlecht dran wie letztes Jahr. 2017 war eines der schlimmsten Jahre für die Gletscher. Die Eisschichten schmolzen im September aber nicht mehr. Bleibt es dieses Jahr weiterhin so warm und trocken, könnte das Jahr 2018 trotz des vielen Schnees im Winter deshalb noch schlimmer werden als 2017.

Der Gletscherschwund lässt sich, ähnlich wie ein Meeresdampfer, nicht sofort stoppen. Wird es in der Schweiz in einigen Jahrzehnten keine Gletscher mehr geben?

Es gibt nicht nur die Trägheit der Gletscher, sondern auch jene des Klimas selbst. Wenn wir sagen, wir hören heute auf, CO2 auszustossen, dann ist das Klima nicht von heute auf morgen auf konstantem Niveau. Das dauert Jahrzehnte. Und erst dann können die Gletscher anfangen, sich wieder zu stabilisieren. Unsere Gletscher sind mit Blick auf das aktuelle Klima zu gross. Wenn das Klima so bleibt, werden sich die Gletscher weiter zurückziehen. Gletscher, die bis in grosse Höhen reichen, können sich vielleicht noch stabilisieren, für die kleinen und tiefer gelegenen ist die Erderwärmung aber schon zu weit fortgeschritten. Wir haben einen Zeitverlust von mehreren Jahrzehnten.

Was bedeutet das für unsere Schweizer Gletscher?

Man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es für die kleinen Gletscher, wie zum Beispiel den Pizolgletscher, keine Rettung mehr gibt. Solche Gletscher sind viel zu klein, um sie noch mit Klimaschutzmassnahmen zu retten. Mit Klimaschutz kann man aber trotzdem einen Unterschied machen bis ins Jahr 2100: zwischen gar keinen Gletschern oder wenigstens noch ein paar Gletschern.

Was droht, wenn die Schweizer Gletscher verloren gehen?

Bei kleinen Gletschern nicht allzu viel, das Landschaftsbild verändert sich. Der Rückgang hat aber Einfluss auf die Hangstabilität, und deswegen können Steinschläge häufiger werden. Das gilt auch für kleinere Gletscher und noch mehr für grössere. Solche grossen wie der Aletschgletscher sind ausserdem wichtig für den Wasserhaushalt. Ihr Schwund verändert die Wasserabflüsse. Das Wasser fliesst im Sommer nicht mehr ins Tal, wenn es gebraucht wird.

Warum?

Das hat verschiedene Gründe, die noch nicht alle erforscht sind. Gletscher zeigen unterschiedliche Verletzlichkeiten. Das hängt unter anderem damit zusammen, ob sie nord- oder südexponiert sind, steil oder flach.

Hochwasser in Lenk

Juli 2018: Hochwasser in Lenk

Der Gletschersee Faverges auf der Plaine Morte hat sich entleert. Die Simme und der Trübbach führen deshalb Hochwasser. Rund 100 Personen sind von einem Campingplatz und einem Restaurant evakuiert worden.

Verändern sich die Gletscher mehr in der Länge oder der Dicke?

Beides, wie unsere Messungen zeigen. Die Länge ist relativ einfach zu beobachten und verändert sich aus verschiedenen Gründen schneller oder langsamer: schneller, wenn die Gletscherzunge über einer steilen Felsstufe liegt; langsamer, wenn die Zunge in eine Mulde führt. Die Messung der Länge zeigt den generellen Trend an. Die aufwendigere Messung der Veränderung der Eisdicke zeigt, was sich im Gletscher durch das Jahr hindurch abspielt. Die Dicke wird bei etwa einem Dutzend Gletscher gemessen, die Länge an hundert Gletschern.

Seit wann gehen Gletscher deutlich zurück?

Es gab mehrere Phasen der Beschleunigung. In den 40er-Jahren gab es schon starke Verluste. Bis 1985 waren viele Gletscher dann aber im Gleichgewicht. Danach folgte ein starke Beschleunigung des Schwunds. Und seit 2011 geht es mit den Verlusten nun noch schneller. Wir messen eine Häufung der extremen Jahre, wie zum Beispiel 2011, 2012, 2015 sowie 2017. Am schlimmsten war aber immer noch das Jahr 2003 mit seinem Hitzesommer.

Und der Grund für den Verlust ist die Erderwärmung?

Ja, die Gletscher folgen ziemlich genau der Veränderung der Lufttemperatur. Es gibt noch andere Faktoren, die eine Rolle spielen – wie der Schnee im Winter oder die Sonneneinstrahlung. Aber ausschlaggebend ist die Temperatur.

In der Schweiz werden Teile von Gletschern an einigen Orten mit Folien abgedeckt. Wirkt das?

Lokal ist das sehr effizient. Wenn man die Folie anbringt, kann man die Schmelze darunter um 50 bis 70 Prozent reduzieren. Um eine Skipiste über den Sommer zu erhalten, kann sich das auf einer Fläche von zum Beispiel 100 mal 100 Metern durchaus lohnen. Der Aletschgletscher aber bedeckt eine Fläche von 80 Quadratkilometern – die Kosten dafür wären enorm und würden den wirtschaftlichen Nutzen bei weitem übersteigen.

Sommer-Sonnenschutz für den Titlisgletscher

Mai 2018: Sommer-Sonnenschutz für den Titlisgletscher

Arbeiter bedecken rund 6000 Quadratmeter des Titlisgletschers mit Folie. Die Folie soll das wegtauen des Gletschers in der Sommerhitze reduzieren, die auch auf über 3000 Metern über Meer zu spüren ist.

Wie könnte man den Gletschern denn helfen?

Mit Klimaschutz kann man wenigstens die grossen Schweizer Gletscher noch retten – halt nicht mehr in der Grösse und Form von heute. Aber wenn man das Pariser Abkommen umsetzt, könnten eventuell 30 Prozent des Schweizer Eisvolumens gerettet werden. Macht man nichts, geht bis auf ein paar Eisflecken auf über 4000 Meter Höhe praktisch alles verloren.

Skulpturen auf dem Rhonegletscher

Juni 2018: Skulpturen auf dem Rhonegletscher

Oberhalb von Gletsch wurde das Gletscherende des Rhonegletschers wie jedes Jahr mit Planen abgedeckt. Die Abdeckung soll das Abschmelzen verhindern. Unter der abgedeckten Gletscherzunge liegt eine der Touristenattraktionen der Schweizer Alpen. Seit 1870 wird hier jedes Jahr eine Höhle mit faszinierend blauen Wänden neu ins Eis geschlagen.