Serie: Könige der Schweiz
Reporter-König Glogger mischt in den Adel gern die Frivolität

Er gilt als der beste Kenner der europäischen Königshäuser und mailt an alle. Helmut Maria Glogger. Der 64-jährige Münchner, der seit Jahrzehnten in Zürich lebt, ist ein Urgestein des Schweizer und Deutschen Boulevardjournalismus.

Max Dohner
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«Er bekommt die Krone!» Helmut-Maria Glogger in Zürich.

«Er bekommt die Krone!» Helmut-Maria Glogger in Zürich.

Mathias Marx

Seit vorgestern sind es drei. Drei Anwärter für die englische Krone: Grossvater, Papa und der eben geborene Filius. Alle drei scheinen robuste Gene mit auf den Weg bekommen zu haben, müssen sich also in Geduld üben. Am längsten tut das bereits Grosspapa, Prinz Charles. Kürzt er jetzt vielleicht das Warten seiner Nachfolger auf den Thron ab, indem er darauf selber verzichtet?

«Auf gar keinen Fall!» Nicht den Hauch eines Zweifels hat ein Mann, von dem man annehmen muss, dass er besser Bescheid weiss in dieser Frage als alle anderen: Helmut-Maria Glogger. Er sagt von sich: «Ich bin der letzte Royal-Watcher der Schweiz.» Die Anspielung an die «Wal-Gucker» kann beabsichtigt sein oder nicht – leise selbstironisch klingt sie auf jeden Fall. Glogger mag sich drum die Krone – sozusagen als «Königsreporter der Könige» – nicht aufs eigene Silberhaar setzen; er stülpt sie einem Porträtband des Prinzen of Wales über: «Dem nächsten König von England.»

Warum ist er da so sicher? Glogger nennt eine Reihe von Zeugnissen, dazu Namen von Leuten, die Prinz Charles nahe stehen – oder standen. Selbst gewagtere Thesen, die wir anderswo noch nie gehört hatten, untermauert Glogger mit Quellenangaben. Natürlich im Wissen, dass der Gesprächspartner ein schmales
Royal-Know-how mitbringt. Also mit dem Instinkt des langjährigen Boulevard-Reporters für Medien-Pappenheimer, die kaum in der Lage sind, die solid wirkenden Quellen eines Kenners haarklein zu überprüfen.

Die gewagtere These ist schlüpfrig: Queen Mum, die Mutter der Langzeit-Königin Elisabeth II., «dürfte das uneheliche Kind ihres Vaters mit einer jungen Magd aus Wales gewesen sein.» Selbst bei der Zeugung von Elisabeth II. deutet Glogger eine künstliche Befruchtung an. «Ohne bürgerliche Blutauffrischung», sagt er allgemein, «wären viele Monarchen heute in geschlossenen Anstalten für Imbezile, Debile, Inzest-Schwachsinnige, Syphilitiker oder zumindest in Epilepsie-Zentren.»

Das klingt nicht nach Kitschzeugnis eines pennälerhaften Royal-Bewunderers, von denen es Legionen gibt. Glogger scheint Blut-immun, solange jedenfalls behauptet wird, dass es blau sei. Zu abgebrüht, um sich mit geborgtem Glamour der Lächerlichkeit auszusetzen, ist Glogger doch nicht frei von der Eitelkeit jener, die in der Aura von Royals und Stars irgendein nutzbares Stimulans finden. Vor allem dort, wo Frivoles beigemengt wird. Glogger schreibt denn auch sein nächstes Buch über den englischen Monarchen Edward VII., genannt «Bertie der Bordell-König». Eine süffigere Suppe kann man nicht anrühren – oder? «Die Grimaldis in Monaco», antwortet Glogger, «aber das bleibt Piraten-Adel.»

Zu reden ist aber unbedingt auch vom zweiten Leben Gloggers, das ihm in jüngster Zeit ungleich mehr Bekanntheit einbrachte: von Glogger, dem Blogger. Das tut er im «Blick am Abend», unter dem Titel «Glogger mailt ...» Gelesen werden die Einwürfe an beliebige Adressaten, namhafte und namenlose, gnadenlos – Glogger muss einstecken.

Wenn schreibende Normalos ab und zu in den Genuss eines Shit-Storm gelangen, dann scheint sich am publizistischen Graben «Glogger mailt ...» geradezu ein Shit-Heereslager aufgebaut zu haben. «Ach», schreibt einer, «wenn es ein so simples Rezept nur auch gegen hirnlose Kolumnisten gäbe!» Statt Glogger zu plagen, rät ein anderer: «Lasst doch einen Schimpansen zufällig auf ein Keyboard tippen.» Sogar die juristische Abteilung des eigenen Verlags nannte die Kolumne mal einen nicht tief schürfenden «Schnellschuss».

Glogger zeigt sich gelassen. Er bezeichnet sich als «Handwerker». Als solcher weiss er, dass Spontankritik aus allen Lagern nicht gegen Handwerk spricht. Dass er Emotionen einfliessen lässt, ist ihm bewusst, «auch Hass». Aber ein Problem bleibt ungelöst: das zwischen E und U. Der Sohn klassischer Bildungsbürger und Freizeitmusiker mit Anspruch neigt eigentlich zum E, zum ernsten Fach. Da sei noch etwas zu erwarten, sagt er. Er möchte seine Begegnungen beschreiben, damit keiner vergessen geht. Egal, ob ruhmreich oder nicht.