Altersreform
Rentner fürchten sich nicht vor einer Zwei-Klassen-AHV

Nur die Neurentner bekommen 70 Franken mehr AHV. Die Seniorenverbände stellen sich dennoch hinter die Altersreform.

Doris Kleck
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Aus Sicht der Wirtschaft wird das ursprüngliche Reformziel einer nachhaltigen Sicherung der AHV mit der geplanten Rentenreform klar verfehlt. (Symbolbild)

Aus Sicht der Wirtschaft wird das ursprüngliche Reformziel einer nachhaltigen Sicherung der AHV mit der geplanten Rentenreform klar verfehlt. (Symbolbild)

Keystone/GAETAN BALLY

«Junge verraten, Rentner bestrafen»: Mit diesem Spruch werben die Gegner der Altersreform 2020 in den sozialen Medien. Auf ihrer Internetseite warnen sie vor der Zwei-Klassen-AHV. Denn den AHV-Zustupf von 70 Franken gibt es nur für Neurentner, um deren Einbussen in der zweiten Säule zu kompensieren. Die aktuellen Rentner bekommen keine Erhöhung: Das sei ungerecht und widerspreche dem zentralen Gedanken der AHV, dass alle gleich behandelt werden, argumentieren die Gegner.

Der Begriff «Zwei-Klassen-AHV» hatte bereits die Parlamentsdebatte geprägt. Das sei schwierig zu erklären, monierte im März der grünliberale Nationalrat Thomas Weibel (der sich nach einer wundersamen Wende nun aber für die Reform einsetzt). Und Thomas de Courten (SVP/BL) meinte in derselben Debatte: «Das ist in der Volksabstimmung angreifbar!»

Eigene Rente sichern

Nur: Die Rentner lassen sich davon nicht beeindrucken. Diese Woche stellte sich mit Pro Senectute die grösste Seniorenorganisation der Schweiz hinter die Reform. Sie sei ein wichtiger Schritt zur Sicherung der heutigen und künftigen Renten. Die Stiftung betont, dass das Leistungsniveau erhalten bleibe. Das sei zentral, da in der Schweiz jeder achte Rentner von Altersarmut betroffen sei.

Auch der Schweizer Seniorenrat, der den Bundesrat in Altersfragen berät, unterstützt die Reform. Der Rat setzt sich zusammen aus Delegierten des bürgerlichen Verbandes für Seniorenfragen und dessen linkem Pendant VASOS. Co-Präsident Roland Grunder trat gestern zusammen mit einem bürgerlichen Pro-Komitee vor die Medien Die Zwei-Klassen-AHV sei im Seniorenrat thematisiert worden: «Noch wichtiger war aber die Sicherheit der heutigen Renten», sagt der einstige Freisinnige. Die Rentner würden sich davor fürchten, dass bei einem Scheitern der Reform einschneidende Sanierungsmassnahmen notwendig werden, die auch die aktuellen Renten tangieren.

Diese Sorge kommt nicht von ungefähr. Die Bundesratsvorlage enthielt ursprünglich einen Interventionsmechanismus für den Fall, dass die AHV in Schieflage gerät. Demnach hätte die Anpassung der Renten an die Preis- und Lohnentwicklung ausgesetzt werden können. Grunder sagt: «Die heutigen Rentner bekommen nichts mit der Reform, aber sie verlieren auch nichts.» Zwar bezahlen sie ebenfalls mehr Mehrwertsteuer. Diese Massnahme sei in seinen Reihen jedoch völlig unbestritten.

FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler reagiert gelassen auf die Positionsbezüge: «Diese Organisationen repräsentieren nicht alle 1,4 Millionen Rentner», sagt der Gewerbedirektor. Die Stellungnahme von Pro Senectute, die von Alt- Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) präsidiert wird, sei «politisch motiviert». Bigler hält fest: «Mit dieser Reform wird der Generationenvertrag aufgelöst.» Die Enkel der Rentner würden ein Milliardenloch erben.

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