Altersvorsorge
Rentenreform: Wer gewinnt und wer verliert – exklusive Berechnung zeigt es

Am 24. September 2017 stimmt die Schweiz über die Rentenreform ab. Eine exklusive Auswertung der zeigt, wie stark die verschiedenen Alterklassen vom Umbau des Systems betroffen sind.

Andreas Schaffner
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Die Rentenreform kostet auch die heutigen Rentner – nur ohne dass diese vom AHV-«Zustupf» von 70 Franken profitieren. (Symbolbild)

Die Rentenreform kostet auch die heutigen Rentner – nur ohne dass diese vom AHV-«Zustupf» von 70 Franken profitieren. (Symbolbild)

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Wer jung ist, den kümmert die eigene Altersvorsorge naturgemäss nur wenig. Zu weit entfernt liegt die Zeit, in der die Rente ein Auskommen garantieren muss. Doch exklusive Berechnungen des VZ Vermögenszentrum im Auftrag der «Nordwestschweiz» zeigen nun: Nicht nur Menschen, die bald in Pension gehen, sollten sich für die Altersreform 2020 interessieren, über die am 24. September 2017 abgestimmt wird. Die Reform trifft auch Junge. Und sogar Menschen, die bereits heute Rente beziehen, droht Ungemach.

Klar ist: Allen heute noch nicht 65-Jährigen werden künftig zwar höhere AHV-Renten versprochen, dafür werden die Leistungen der Pensionskassen gesenkt. Für die Reform bezahlen werden primär die Jungen, aber auch die heutigen Rentner werden belangt. Denn der Generation dazwischen werden Ausgleichsmassnahmen versprochen.

Die «Nordwestschweiz» hat von den Spezialisten vom VZ Vermögenszentrum die Auswirkungen auf verschiedene Altersgruppen berechnen lassen. In einem ersten Schritt haben die Experten errechnet, wie sich die Revision auf die erste Säule, also die AHV, auswirkt. Ob etwa die vorgesehene Erhöhung der AHV-Leistungen nicht von der Erhöhung der Mehrwertsteuer geschluckt wird.

So wirkt sich die Reform konkret aus:

Wie sich die Rentenreform konkret auswirkt, erfahren Sie in der Bildstrecke.
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Mann (35): Folgen für die AHV Diese Generation wird die zweistufige Erhöhung der Mehrwertsteuer zu spüren bekommen. Kauft die Person jedes Jahr mehrwertsteuerpflichtige Waren für 30 000 Franken ein, bezahlt der 35-Jährige bis zu seiner Pensionierung 5100 Franken mehr Mehrwertsteuern als bei der aktuellen Situation. Gesamthaft werden durch Mehrwertsteuer-Erhöhung und höhere Lohnbeiträge zusätzlich 13 200 Franken der AHV zufliessen. Nach der Pensionierung sieht es so aus: Bis zum Alter von 84 Jahren – dem durchschnittlichen Lebensalter für Männer heute – würde der Mann in dieser Altersgruppe im Vergleich zur heutigen Regelung 15 960 Franken mehr Rente erhalten.
Folgen für die zweite Säule Diese Generation wird auch hier mehr einzahlen müssen. Bis zum Rentenalter 65 werden es bezogen auf einen Lohn von 100 000 Franken 30 900 Franken sein, die der einzelne (Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge) mehr in der Pensionskasse anspart. Dieses Geld soll reichen, um die «Mehrausgaben» auszugleichen. Fazit: Weil der Umwandlungssatz wie vorgeschlagen sinkt, erhält der 35-jährige Mann – trotz zusätzlichen PK-Beiträgen von rund 15 000 Franken (und einem ebenso hohen Beitrag des Arbeitgebers) rund 43 900 Franken weniger Rente auf dem obligatorischen Teil ausbezahlt. Das sind rund 2300 Franken weniger Rente pro Jahr. Bei dieser Generation gibt es keine Ausgleichszahlungen.
Mann (45): Folgen für die AHV Im Vergleich zu heute bezahlt der Mann, der 2018 45 Jahre alt wird, bis zur Pensionierung 3330 Franken mehr an Mehrwertsteuer bei einem Warenkorb von 30 000 Franken. Auch hier wirkt sich die Erhöhung der AHV-Beiträge aus. Gesamthaft werden somit durch Mehrwertsteuer-Erhöhung und höhere Lohnbeiträge zusätzlich rund 8400 Franken der AHV zufliessen. Nach der Pensionierung sieht es so aus: Bis zum Alter von 84 Jahren würde auch der Mann in dieser Altersgruppe im Vergleich zur heutigen Regelung 15 960 Franken mehr Rente erhalten als mit der heutigen Regelung.
Folgen für die zweite Säule Die Altersgruppe, die im nächsten Jahr 45 Jahre alt sein wird, wird am längsten von den Ausgleichsmassnahmen profitieren. Geht man davon aus, dass das Rentenniveau erhalten bleibt, fallen dennoch Mehraufwendungen an. In der zweiten Säule führt die Reform dazu, dass der Mann mit 65 Jahren im obligatorischen Teil rund 19 500 Franken mehr angespart hat. Die Hälfte davon sind Arbeitnehmerbeiträge. Sprich – der 45-Jährige bezahlt knapp 10 000 Franken mehr ein zur Finanzierung der gleichen Rentenleistung. Fazit: Auch hier ist klar, dass die Erhöhung der AHV die Einbussen bei der zweiten Säule und den höheren Beiträgen für die AHV und Pensionskasse nicht wettmachen kann. Dies wird jedoch voraussichtlich vollständig ausgeglichen.
Paar (60/59): Folgen für die AHV Von der beschlossenen Erhöhung der Rente um 70 Franken profitieren vor allem die Männer. Bis zum Alter von 84 Jahren – dem durchschnittlichen Lebensalter für Männer mit Alter 60 – erhalten sie im Vergleich zu heute 15 960 Franken mehr AHV-Rente. Bei Frauen ist es umgekehrt. Nicht zuletzt, weil sie ein Jahr später in Rente gehen. Sie verlieren im Vergleich zu heute bis zum Alter von 87 Jahren – dem durchschnittlichen Lebensalter für Frauen – 9720 Franken. Sind die beiden ein Ehepaar: Hier gibt es Verbesserungen. Ist der Mann 2018 60 Jahre alt und die Frau 59 Jahre alt, werden sie bis zum 87. Lebensjahr der Frau zusammen 40 800 Franken mehr AHV-Rente erhalten als heute.
Folgen für die zweite Säule Die Altersgruppe, die im nächsten Jahr 45 Jahre alt sein wird, wird am längsten von den Ausgleichsmassnahmen profitieren. Geht man davon aus, dass das Rentenniveau erhalten bleibt, fallen dennoch Mehraufwendungen an. In der zweiten Säule führt die Reform dazu, dass der Mann mit 65 Jahren im obligatorischen Teil rund 19 500 Franken mehr angespart hat. Die Hälfte davon sind Arbeitnehmerbeiträge. Sprich – der 45-Jährige bezahlt knapp 10 000 Franken mehr ein zur Finanzierung der gleichen Rentenleistung. Fazit: Auch hier ist klar, dass die Erhöhung der AHV die Einbussen bei der zweiten Säule und den höheren Beiträgen für die AHV und Pensionskasse nicht wettmachen kann. Dies wird jedoch voraussichtlich vollständig ausgeglichen.
Frau (70): Folgen für die AHV Anders als vielfach angenommen, werden die heutigen Rentner nicht in Genuss der im Gesetz vorgeschlagenen AHV-Erhöhung von 70 Franken kommen. Das heisst nicht, dass sie von der Reform nicht betroffen wären. Laut den Berechnungen des VZ, die auf einem durchschnittlichen Kauf von Gütern von 30 000 Franken pro Jahr ausgehen, kostet die Reform die Rentnerin, die 2018 70 Jahre alt ist , bis im Alter von 88 Jahren 2700 Franken zusätzlich. «Auf der Verliererseite stehen bisherige Rentner, welche die berufliche Vorsorge aufgebaut haben, aber selber keine Chance mehr haben, ihre Pensionskassenrenten aufzubessern», kritisiert deshalb der Arbeitgeberverband die Reform.
Folgen für die zweite Säule Die Altersgruppe, die im nächsten Jahr 45 Jahre alt sein wird, wird am längsten von den Ausgleichsmassnahmen profitieren. Geht man davon aus, dass das Rentenniveau erhalten bleibt, fallen dennoch Mehraufwendungen an. In der zweiten Säule führt die Reform dazu, dass der Mann mit 65 Jahren im obligatorischen Teil rund 19 500 Franken mehr angespart hat. Die Hälfte davon sind Arbeitnehmerbeiträge. Sprich – der 45-Jährige bezahlt knapp 10 000 Franken mehr ein zur Finanzierung der gleichen Rentenleistung. Fazit: Auch hier ist klar, dass die Erhöhung der AHV die Einbussen bei der zweiten Säule und den höheren Beiträgen für die AHV und Pensionskasse nicht wettmachen kann. Dies wird jedoch voraussichtlich vollständig ausgeglichen.

Wie sich die Rentenreform konkret auswirkt, erfahren Sie in der Bildstrecke.

Keystone/GAETAN BALLY

In einem zweiten Schritt wurde berechnet, wie gross die «Rentenlücke» wird, wenn die angekündigten Neuerungen in der zweiten Säule, bei den Pensionskassen also, in Kraft treten sollten. Denn für genau diese Lücken sieht das Gesetz, über das abgestimmt wird, bei Altersgruppen ab 45 Jahren Ausgleichsmassnahmen vor. Wie diese ausgestaltet werden, ist jedoch noch nicht entschieden. Der Bundesrat hat vergangene Woche zwei Varianten in die Vernehmlassung geschickt.

Weniger Rente: Gilt nicht für alle

Bei den Berechnungen gehen die VZ-Spezialisten von Annahmen aus. Etwa, dass die jährlichen mehrwertsteuerpflichtigen Ausgaben 30 000 Franken betragen und die Personen 100 000 Franken verdienen. Und sie berechnen die Rentenlücke ohne die Ausgleichsmassnahmen.

Gemäss diesen Berechnungen zeigt sich ein klares Bild. Viele werden nach der Reform weniger Rente haben. Nicht alle trifft es jedoch gleich hart. «Es ist eine individuelle Betrachtung notwendig bezüglich der einzelnen Massnahmen», sagt Michael Mathys, Niederlassungsleiter im VZ Aarau, der gemeinsam mit Jan Theiler, Niederlassungsleiter im VZ Baden, die Berechnungen durchgeführt hat.

Während Junge unter 45, die nicht von den Ausgleichszahlungen profitieren können, zu den Verlierern zählen, profitieren vor allem Männer und Ehepaare, die kurz vor dem Erreichen des Rentenalters stehen.

So erhält ein 60-jähriger Mann bis zum Erreichen der durchschnittlichen Lebenserwartung von 84 Jahren knapp 16 000 Franken mehr aus der AHV bei gleichen Pensionskassenleistungen. Eine 59-jährige Frau wird dagegen bis ins Alter von 87 Jahren rund 9700 Franken weniger aus der AHV erhalten. Sind die beiden verheiratet, so ist der Saldo bei der AHV mit über 40 000 im Vergleich zur heutigen Regelung positiv.

Die Rentenkürzungen in der zweiten Säule werden alle, die nach der Reform pensioniert werden, zu spüren bekommen. «Am besten ist es, sich möglichst früh mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denn unabhängig von der Rentenreform kann die eigene Situation optimiert werden», sagt Jan Theiler vom VZ.

Die wichtigsten Punkte

Durch die geplante Erhöhung des Rentenalters der Frauen auf 65 Jahre werden die Frauen länger arbeiten müssen und erhalten ein Jahr weniger AHV-Leistungen.

- Es werden auch die jährlichen Leistungen der Pensionskassen gesenkt. Dies in erster Linie, weil der Umwandlungssatz gesenkt wird. Dieser Satz bestimmt, in wie viele Teile – Jahre – das angesparte Kapital aufgeteilt wird. Der Satz sinkt, weil die Lebenserwartung ansteigt und weil aufgrund des Tiefzinsumfeldes die PK-Gelder langfristig weniger Rendite abwerfen. Betroffen sind Löhne bis 84 600 Franken – also nur der sogenannte obligatorische Teil der zweiten Säule. Die Renten sinken in diesem Bereich theoretisch um 12 Prozent. Laufende Renten sind von der Kürzung nicht betroffen.

- Im überobligatorischen Bereich sind die Kassen frei. Viele haben hier den Umwandlungssatz schon sehr tief gesenkt. Bei Versicherten mit einer Trennung des obligatorischen und überobligatorischen Guthabens führt die Reform zu tieferen Renten. Wer heute bei einer sogenannten umhüllenden Kasse (einheitlicher Umwandlungssatz für gesamtes PK-Kapital) angeschlossen ist, wird nicht mittelbar von der Rentenreform tangiert. Schon heute beträgt der «umhüllende» Umwandlungssatz bei vielen Kassen nur noch 5 Prozent oder sogar darunter.

- Als Ausgleich für die Senkung des Umwandlungssatzes soll die AHV-Rente für Einzelpersonen um 70 Franken pro Monat erhöht werden. Damit verbessert die Reform die Altersvorsorge von Personen, die keiner Pensionskasse angeschlossen sind. Davon profitieren vor allem Frauen: Knapp ein Viertel oder rund 500 000 erwerbstätigen Frauen sind nur über die erste Säule, also die AHV, nicht über die zweite Säule, also die Pensionskassen, versichert.

- Auch Ehepaare können von den vorgeschlagenen Änderungen profitieren. Sie erhalten heute nicht zwei AHV-Maximalrenten, sondern nur 1,5 – sprich 150 Prozent. Dieser Plafond für Ehepaare soll künftig auf 155 Prozent der AHV-Maximalrente angehoben werden.

- Zur Finanzierung sollen schrittweise zusätzliche 0,6 Prozentpunkte von der Mehrwertsteuer für die AHV verwendet werden (0,3 Prozentpunkte im 2018 und 0,3 Prozentpunkte im 2021).

- Um die Senkung abzufedern, wurden Ausgleichsmassnahmen beschlossen, wie die Senkung und Flexibilisierung des Koordinationsabzugs, die Anpassung der Altersgutschriftensätze (Beträge, die vom Lohn abgezogen werden), und wer bei Inkrafttreten des Gesetzes, also 2018, 45 Jahre oder älter ist, erhält Zuschüsse durch den Sicherungsfonds. Hierzu schlägt der Bundesrat zwei Varianten vor.

- Ein weiterer Punkt betrifft die Flexibilisierung: Neu sollen sich Erwerbstätige zwischen 62 und 70 Jahren pensionieren lassen können. Heute ist es unterschiedlich: Die AHV kann zwischen 63 und 70 (Männer) beziehungsweise 62 und 69 (Frauen) bezogen werden, Leistungen der Pensionskasse können je nach Pensionskasse zwischen 58 und 70 Jahren bezogen werden. Mit der Annahme der Reform könnte bei einem vorzeitigen Altersrücktritt also keine Rente mehr bezogen werden.

- Auf die Höhe der AHV-Altersrente hat das höhere Frauenreferenzalter keine Auswirkung, hingegen verbessert sie die Altersrente der beruflichen Vorsorge. Das zusätzliche Jahr Erwerbstätigkeit hat zur Folge, dass die Arbeitnehmerin und ihr Arbeitgeber ein Jahr länger in die 2. Säule einzahlen und das Alterskapital auch länger verzinst wird. Daraus ergibt sich ein höheres Alterskapital, was zu höheren Pensionskassenrenten führt.