Wer jung ist, den kümmert die eigene Altersvorsorge naturgemäss nur wenig. Zu weit entfernt liegt die Zeit, in der die Rente ein Auskommen garantieren muss. Doch exklusive Berechnungen des VZ Vermögenszentrum im Auftrag der «Nordwestschweiz» zeigen nun: Nicht nur Menschen, die bald in Pension gehen, sollten sich für die Altersreform 2020 interessieren, über die am 24. September 2017 abgestimmt wird. Die Reform trifft auch Junge. Und sogar Menschen, die bereits heute Rente beziehen, droht Ungemach.

Klar ist: Allen heute noch nicht 65-Jährigen werden künftig zwar höhere AHV-Renten versprochen, dafür werden die Leistungen der Pensionskassen gesenkt. Für die Reform bezahlen werden primär die Jungen, aber auch die heutigen Rentner werden belangt. Denn der Generation dazwischen werden Ausgleichsmassnahmen versprochen.

Die «Nordwestschweiz» hat von den Spezialisten vom VZ Vermögenszentrum die Auswirkungen auf verschiedene Altersgruppen berechnen lassen. In einem ersten Schritt haben die Experten errechnet, wie sich die Revision auf die erste Säule, also die AHV, auswirkt. Ob etwa die vorgesehene Erhöhung der AHV-Leistungen nicht von der Erhöhung der Mehrwertsteuer geschluckt wird.

So wirkt sich die Reform konkret aus:

In einem zweiten Schritt wurde berechnet, wie gross die «Rentenlücke» wird, wenn die angekündigten Neuerungen in der zweiten Säule, bei den Pensionskassen also, in Kraft treten sollten. Denn für genau diese Lücken sieht das Gesetz, über das abgestimmt wird, bei Altersgruppen ab 45 Jahren Ausgleichsmassnahmen vor. Wie diese ausgestaltet werden, ist jedoch noch nicht entschieden. Der Bundesrat hat vergangene Woche zwei Varianten in die Vernehmlassung geschickt.

Was bedeutet die Rentenreform für einen Mann, der im nächsten Jahr 35 Jahre alt ist?

Michael Mathys, Niederlassungsleiter VZ Aarau

Was bedeutet die Rentenreform für einen Mann, der im nächsten Jahr 45 Jahre alt ist?

Jan Theiler, Niederlassungsleiter VZ Baden

Was passiert mit einer Frau, die 59 Jahre alt ist, respektive, einem Mann mit 60?

Michael Mathys, Niederlassungsleiter VZ Aarau

Was bedeutet die Rentenreform für einen Mann, der bereits 70 Jahre alt ist?

Jan Theiler, Niederlassungsleiter VZ Baden

Weniger Rente: Gilt nicht für alle

Bei den Berechnungen gehen die VZ-Spezialisten von Annahmen aus. Etwa, dass die jährlichen mehrwertsteuerpflichtigen Ausgaben 30 000 Franken betragen und die Personen 100 000 Franken verdienen. Und sie berechnen die Rentenlücke ohne die Ausgleichsmassnahmen.

Gemäss diesen Berechnungen zeigt sich ein klares Bild. Viele werden nach der Reform weniger Rente haben. Nicht alle trifft es jedoch gleich hart. «Es ist eine individuelle Betrachtung notwendig bezüglich der einzelnen Massnahmen», sagt Michael Mathys, Niederlassungsleiter im VZ Aarau, der gemeinsam mit Jan Theiler, Niederlassungsleiter im VZ Baden, die Berechnungen durchgeführt hat.

Während Junge unter 45, die nicht von den Ausgleichszahlungen profitieren können, zu den Verlierern zählen, profitieren vor allem Männer und Ehepaare, die kurz vor dem Erreichen des Rentenalters stehen.

Was sind die Herausforderung der Altersvorsorge in der Schweiz und was kann der einzelne tun?

Jan Theiler, Niederlassungsleiter VZ Baden

So erhält ein 60-jähriger Mann bis zum Erreichen der durchschnittlichen Lebenserwartung von 84 Jahren knapp 16 000 Franken mehr aus der AHV bei gleichen Pensionskassenleistungen. Eine 59-jährige Frau wird dagegen bis ins Alter von 87 Jahren rund 9700 Franken weniger aus der AHV erhalten. Sind die beiden verheiratet, so ist der Saldo bei der AHV mit über 40 000 im Vergleich zur heutigen Regelung positiv.

Die Rentenkürzungen in der zweiten Säule werden alle, die nach der Reform pensioniert werden, zu spüren bekommen. «Am besten ist es, sich möglichst früh mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denn unabhängig von der Rentenreform kann die eigene Situation optimiert werden», sagt Jan Theiler vom VZ.

Die wichtigsten Punkte

Durch die geplante Erhöhung des Rentenalters der Frauen auf 65 Jahre werden die Frauen länger arbeiten müssen und erhalten ein Jahr weniger AHV-Leistungen.

  • Es werden auch die jährlichen Leistungen der Pensionskassen gesenkt. Dies in erster Linie, weil der Umwandlungssatz gesenkt wird. Dieser Satz bestimmt, in wie viele Teile – Jahre – das angesparte Kapital aufgeteilt wird. Der Satz sinkt, weil die Lebenserwartung ansteigt und weil aufgrund des Tiefzinsumfeldes die PK-Gelder langfristig weniger Rendite abwerfen. Betroffen sind Löhne bis 84 600 Franken – also nur der sogenannte obligatorische Teil der zweiten Säule. Die Renten sinken in diesem Bereich theoretisch um 12 Prozent. Laufende Renten sind von der Kürzung nicht betroffen.
  • Im überobligatorischen Bereich sind die Kassen frei. Viele haben hier den Umwandlungssatz schon sehr tief gesenkt. Bei Versicherten mit einer Trennung des obligatorischen und überobligatorischen Guthabens führt die Reform zu tieferen Renten. Wer heute bei einer sogenannten umhüllenden Kasse (einheitlicher Umwandlungssatz für gesamtes PK-Kapital) angeschlossen ist, wird nicht mittelbar von der Rentenreform tangiert. Schon heute beträgt der «umhüllende» Umwandlungssatz bei vielen Kassen nur noch 5 Prozent oder sogar darunter.
  • Als Ausgleich für die Senkung des Umwandlungssatzes soll die AHV-Rente für Einzelpersonen um 70 Franken pro Monat erhöht werden. Damit verbessert die Reform die Altersvorsorge von Personen, die keiner Pensionskasse angeschlossen sind. Davon profitieren vor allem Frauen: Knapp ein Viertel oder rund 500 000 erwerbstätigen Frauen sind nur über die erste Säule, also die AHV, nicht über die zweite Säule, also die Pensionskassen, versichert.
  • Auch Ehepaare können von den vorgeschlagenen Änderungen profitieren. Sie erhalten heute nicht zwei AHV-Maximalrenten, sondern nur 1,5 – sprich 150 Prozent. Dieser Plafond für Ehepaare soll künftig auf 155 Prozent der AHV-Maximalrente angehoben werden.
  • Zur Finanzierung sollen schrittweise zusätzliche 0,6 Prozentpunkte von der Mehrwertsteuer für die AHV verwendet werden (0,3 Prozentpunkte im 2018 und 0,3 Prozentpunkte im 2021).
  • Um die Senkung abzufedern, wurden Ausgleichsmassnahmen beschlossen, wie die Senkung und Flexibilisierung des Koordinationsabzugs, die Anpassung der Altersgutschriftensätze (Beträge, die vom Lohn abgezogen werden), und wer bei Inkrafttreten des Gesetzes, also 2018, 45 Jahre oder älter ist, erhält Zuschüsse durch den Sicherungsfonds. Hierzu schlägt der Bundesrat zwei Varianten vor.
  • Ein weiterer Punkt betrifft die Flexibilisierung: Neu sollen sich Erwerbstätige zwischen 62 und 70 Jahren pensionieren lassen können. Heute ist es unterschiedlich: Die AHV kann zwischen 63 und 70 (Männer) beziehungsweise 62 und 69 (Frauen) bezogen werden, Leistungen der Pensionskasse können je nach Pensionskasse zwischen 58 und 70 Jahren bezogen werden. Mit der Annahme der Reform könnte bei einem vorzeitigen Altersrücktritt also keine Rente mehr bezogen werden.
  • Auf die Höhe der AHV-Altersrente hat das höhere Frauenreferenzalter keine Auswirkung, hingegen verbessert sie die Altersrente der beruflichen Vorsorge. Das zusätzliche Jahr Erwerbstätigkeit hat zur Folge, dass die Arbeitnehmerin und ihr Arbeitgeber ein Jahr länger in die 2. Säule einzahlen und das Alterskapital auch länger verzinst wird. Daraus ergibt sich ein höheres Alterskapital, was zu höheren Pensionskassenrenten führt.