Waffenplatz Thun
Rekrut Roboter, daher! Sieben Tage Wacheschieben!

Eine Schau von Unbemannten Boden-Vehikeln (UGV) zeigt: Der Krieg wird sich ändern, nicht der Mensch.

Max Dohner
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Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde
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RobotermesserM-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde
Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde
Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde
Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde
Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde
Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde
Miltiärrobertermesse auf dem Waffenplatz in Thun
Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde
Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde
Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde
Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde

Robotermesse M-ELROB auf dem Waffenplatz in Thun, wo unter Anderem ein ferngesteuertes Fahrzeut (Eagle) gezeigt wurde

Chris Iseli

«Werfen Sie es durch ein Fenster, in ein Loch oder über eine Mauer! Es wird da einfach weitergehen.» Das tönt nach einer Katze, die nach abenteuerlichen Stürzen oder Sprüngen überall auf die eigenen Füsse fällt. Der Bodensurri hat auch ungefähr die Masse einer Katze: acht Zentimeter hoch, rund zwanzig Zentimeter lang, bis zu zwei Kilo schwer. Wie ein flinkes Tier wuselt es um die Schuhe von Zivilisten, von da weiter zu den Stiefeln der Militärs, die in grosser Zahl ebenfalls herumstehen. Es wirkt, als röche es an allen Sohlen. Manchmal hebt ein Zweibeiner ein Bein – aus Vorsicht, nicht aus Furcht oder Erstaunen. Offenbar hat man sich an die Kobolde am Boden gewöhnt, speziell hier.

Wir befinden uns an der M-ELROB, einer Messe mit Wettbewerb für militärische Roboter. Sie wurde diese Woche in Thun durchgeführt, zum ersten Mal in der Schweiz (vorher fand sie dreimal in Deutschland statt). Das Wiesel am Boden ist ein Ausstellungsstück. Ein Roboterchen, entwickelt in Deutschland, genannt iSnoop. Elektronische Geräte werden längst nach dem Ich des Menschen genannt (iPad, iPhone), um dieses Ich zu steigern oder seine Mängel zu beheben. Nun also auch Roboter.

iSnoop ist nichts als eine Walze aus Kunststoff, mit dicken Rädern an beiden Enden. Drei gebogene Drähte lugen hervor und wippen wie Insektenfühler. So wendig es auch auf dem Boden herumkurvt, leise enttäuscht ist man doch: «Star Wars» – Pustekuchen! Nicht mal in Ansätzen. Solche gstabigen Dinger mit Kameraaugen und Greifern sind in Science-Fiction-Filmen höchstens am Rand zu sehen. Sogar «Wall-E» war beeindruckender im Trickfilm, der rumpelnde Abfallräumer nach dem Ende der Menschheit. Wo sind die Tausendsassa-Killer der Computerspiele? Wo die «chirurgischen» oder «intelligenten Waffen» mit dem Zeug, die Welt auch solo in die Luft zu jagen, sobald die Spielkonsole des Kommandos im fernen Bunker spinnt und spukt?

Im Vergleich dazu hat iSnoop nicht bloss einen niedlichen Namen, er ist auch herzig. Aber seine Unscheinbarkeit täuscht: Die Radwalze ist so robust wie komplex. Sie kann sehen und riechen. Ein Kameraauge zeichnet auf, was sich in der Nähe tut (in einer Trümmerhöhle etwa, nach dem Einsturz eines Hauses). Zudem erschnuppert und analysiert iSnoop die Luft (etwa darin vermischtes lebensgefährliches Gas). Die Möglichkeiten, ihn anzuwenden, liegen auf der Hand – im Guten wie im Bösen.

Ein Buchstabe signalisierte an der Messe, dass es nicht nur um das Gute geht, dessen der Mensch fähig wäre (nämlich anderen im Unglück zu helfen). Sondern auch ums Kriegerische. Bis heute brachte der Mensch das nicht unter Kontrolle und wird auch in Zukunft nicht in der Lage sein. Erstens handelt es sich um eine archaische Lust (nachklingend im Wort «Kriegsgurgel»), vermischt mit dem dunklen Wunsch nach Katharsis dank Krieg nach lang schwelenden Konflikten. Zweitens zeigt sich darin bisweilen auch Notwendigkeit, kaum unterscheidbar vom Blutdurst, eine nicht weniger trügerische «Pflicht». Da, wo eine Gemeinschaft bei «Bedrohung» glaubt (oder sich einbildet), sich «schützen und verteidigen zu müssen».

Der Signal-Buchstabe war das «M» (für Militär). Den Rest – ELROB – gibt’s auch zivil. Nun setzte man in Thun zwar das «M» vorne dran, und der Ort der Schau stimmte auch: der Waffenplatz, wo neben der Halle dauernd Panzer ratterten und Aufmerksamkeit abzogen. Doch dann wurden laufend die zivilen Zwecke der M-Roboter betont: Roboter räumen Minen, retten Verwundete, säubern Schadenplätze, kundschaften in feindlichem Gelände, fahren bei Truppentransporten vorneweg, um in mögliche Sprengfallen zu düsen – kaputtes Blech statt verstümmelte Männer auf den Lastern.

Von Krieg war in Thun nie die Rede. Nicht offen. Man verstand sich indes auch so, unter hochrangigen Militärs. In Festreden wurden noch «Schutz und Rettung» herausgestrichen. Einmal unter sich, begrüsste dann ein deutscher Kollegen in Uniform mit den Worten: «Wir gehören doch alle zusammen, als Freunde der Robotik, die darauf schauen, dass diese Technik vorangebracht wird ...» (und selbstredend irgendwann auch «scharf» gemacht wird).

Im Krieg werden Bodenroboter längst gebraucht. Gross (sprich: enorm) sei ihr Marktpotenzial in unmittelbarer Zukunft, teilt die Ruag mit, der schweizerisch-internationale Rüstungs-, Luft- und Raumfahrt-Konzern mit Holdingsitz in Bern. Die Ruag arbeitet fieberhaft daran, «schnellstmöglich ein einsatztaugliches unbemanntes Bodenfahrzeug anbieten zu können». In Thun stellte der Konzern vorerst einen Rüstsatz vor, der auf beliebige Fahrzeuge montiert werden kann. Dann kann man sie von einem Bunker aus pilotieren. In Thun war das ein «Eagle»-Radpanzer. Später soll die Autonomie des Fahrzeugs Schritt um Schritt verbessert werden. Das Steuern erfordert hohe Konzentration, wie ein Augenschein im Ruag-Container zeigte. Mit Gameboy-Daddeln lässt sich so was nicht meistern, auch wenn gewisse Steuerstationen von Robotern wie Spielkonsolen wirkten.

Die Fachbezeichnung der neuen Maschinen ist UGV (unbemannte Boden-Vehikel – Boden, engl. Ground). Ein Amerikaner sagte an der Eröffnung der M-ELROB, in Irak seien bisher 10000 UGVs eingesetzt worden. Der Mann heisst Henrik Christensen und ist Vorsitzender von KUKA-Robotics und Dozent am Georgia Institute of Technology. «Wir dürfen», empfahl er, «solche Technik nicht in den Einsatz schicken, ehe wir wissen, wie sie funktioniert» – das alte Lied vom Zauberlehrling.

Von UGVs hört man allerdings weniger als von unbemannten Objekten in der Luft (UAVs), von Drohnen. Ihnen sehen schliesslich auch wir zu, bequem von der Couch aus in der heimischen Stube. Drohnen sind breit mobilisiert. Letzte Woche begann in Emmen die Armasuisse mit Evaluationsflügen der «Aufklärungs-Drohne Heron 1» der Israel Aerospace Industries. Noch zwei Systeme von ursprünglich elf sind im Rennen. Die Tests werden bis Oktober dauern.

Drohnen dienen den USA in Pakistan und anderswo zur Eliminierung von «Terroristen», nahezu ohne Risiko eigener Verluste, dafür mit sogenannten Kollateralschäden. Sich darüber zu entsetzen, hat der Westen spätestens seit 9/11 sich abgewöhnt. Man lauscht ohne spezielle Regung den Argumenten der Militärs, wonach die Zivilbevölkerung unter Drohnen zahlenmässig weit weniger leide als während der Bombardements des Zweiten Weltkriegs und den «Bombenteppichen» in Vietnam. Trotzdem bezeichnen Kritiker mit einigem Recht Kampfdrohnen als «Terrorwaffe des Westens». Ihr Einsatz mag strategisch seine Logik haben, völkerrechtlich bleibt er umstritten.

Über die traumatisierten Steuerpiloten sodann im viele Tausend Kilometer entfernten Bunker gab es – ebenfalls diese Woche – Presseberichte: Privatleben im Reiheneinfamilienhaus mit Kind und Kegel und dazwischen «anonym» töten bringt man offenbar nicht zusammen.

«Weitab vom SCHUSS gibt alte Krieger», feixte der klassische Füsilier noch im Schützengraben. Heute gilt das nicht mehr. Die Kampfdistanz hat im Lauf der Jahrhunderte stetig zugenommen. Die Distanz zum Feind, zum Blut, zum Tod. Es brauchte Kraft und Wendigkeit, um dem Gegner eine Keule in den Schädel zu rammen. Es brauchte Mut, vielleicht blutrünstigen Wahnsinn, mit dem Schwert oder Messer Kehlen aufzuschlitzen. Noch bei den ersten Feuerwaffen blickte man dem Feind in die Augen und drückte dennoch ab. Offenbar kostete es enorme Überwindung, hinterher wollte niemand gross darüber reden. Geschah es aus Scham, aus Entsetzen über sich selbst, die Bestie, wenn man das Töten immer weiter von sich rückte, da man es schon nicht lassen konnte?

Oder war es einfach effizienter?

Scharfschützen heute erkennen kaum den Punkt mehr, den sie fällen. Neuartige Patronen, computergestützt, «fliegen um die Ecke»: Selbst das in der Deckung verharrende Opfer wird getroffen. Und jetzt also die Roboter: Übernehmen sie das blutig-dreckige Handwerk? Glaubt ihr Erfinder tatsächlich, er könne seine Hände damit sauber halten?

Oder sind auch sie nur effizienter?

Ein Fernseh-Reporter fragte in Thun den CEO von Ruag Defence, Urs Breitmeier: «Militärroboter – stellen sich da nicht ethische Fragen?» Welche Überraschung! Wie, bei Kriegsgerät stellen sich «ethische Fragen»?

Ab wann wird das denn «sensibel», das mit der «Ethik»? Warum erst jetzt, beim Roboter? Weil der keinen Tropfen Ethik im Kasten hat, geschweige denn einen Funken Verstand? Was ist mit dem Faustkeil des Höhlenbewohners? Der Keil half, ein Bärenfell vom Fleisch zu kratzen und einen Rivalen zu erledigen. Was ist mit dem Steigbügel? Scheinbar eine harmlose Erfindung. Der Steigbügel revolutionierte den Krieg, weil er Reiterheeren enorme Vorteile verschaffte (sie blieben fest im Sattel).

Zurück zum Roboter: In Thun interessierten sich auch Minensuch-Equipen für die Maschinen. «Curiosity» auf dem Mars macht uns laufend Freude (gestern entdeckte er da Kieselsteine). Schweizer Tüftler filmten Bergsteiger in Pakistan, schafften fantastische Bilder, dank einer Multi-Rotoren-Drohne, vergleichbar mit einem Militär-Typen, der in Thun zu sehen war. Kalifornien bewilligte vorgestern fahrerlose Autos. Eben solche wurden in Thun im Gelände präsentiert, leicht umzurüsten, um zu zerstören und zu töten.

Kurzum: Zivil wie militärisch ist das Rennen um die Roboter-Rallye im vollen Gang. Konkurrenz überall. Anwendungsmöglichkeiten auch. Oder: Stellen sich «ethische Fragen», so schaue der Mensch in den Spiegel!

So lag in Thun Zukunft in der Luft. Dafür waren wohl so viele aufmarschiert: um den Krieg neu zu erfinden. Das hatte zuweilen noch etwas Wertneutrales, etwas Ulkiges. Intelligente Roboter überwinden verschiedene Hindernisse, aber im Morast bleiben ihre Raupen einfältig stecken. Drum war man froh um guten Wetterbericht. Und die Ruag hatte vorgesorgt bei ihrem «Eagle»: Ihr System hat eine erfindungsreiche Vorrichtung, um schlamm-verspritzte Kameraaugen zu reinigen.

Am Ende hat vielleicht sogar der gemeine klassische Füsel etwas vom Hightech-Kram. Korpskommandant Dominique Andrey, Chef Heer, sagte es: «Das öde Wacheschieben könnte an den Roboter delegiert werden.» Und die Scheisshaus-Tour!, fügen wir an, die war noch schlimmer.