Rekordwert
Die Stimmbeteiligung war 2021 so hoch wie nie mehr seit 1949

Die zweite Abstimmung über das Covid-Gesetz lockte 65,7 Prozent der Stimmbürgerinnen und -bürger an die Urne. Damit ist klar: Im laufenden Jahr hat sich ein so grosser Teil der Stimmberechtigten an Abstimmungen beteiligt, wie nie mehr seit 72 Jahren.

Christoph Bernet
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Stimmberechtigte warten vor dem Zürcher Stadthaus darauf, ihr Couvert einwerfen zu können. Im Hintergrund die Grossmünsterkirche.

Stimmberechtigte warten vor dem Zürcher Stadthaus darauf, ihr Couvert einwerfen zu können. Im Hintergrund die Grossmünsterkirche.

Michael Buholzer / KEYSTONE

Der Urnengang über das Covid-Gesetz vom Sonntag mobilisierte gemäss provisorischem amtlichem Ergebnis 65,7 Prozent der Stimmberechtigten. Das ist der vierthöchste Wert seit der Einführung des Frauenstimmrechts 1971. Lediglich die Abstimmung über den Beitritt zum EWR 1992 mit 78,8 Prozent Stimmbeteiligung, die Überfremdungsinitiative 1974 (70,3 Prozent) und die Armeeabschaffungsinitiative 1989 (69,2 Prozent) lockten mehr Leute an die Urne.

Der letzte Abstimmungssonntag war nicht der einzige des Jahres, der stark mobilisierte. Auch am 13. Juni 2021, als unter anderem die Agrarinitiativen und das CO2-Gesetz zur Abstimmung standen, nahmen mit 59,7 Prozent überdurchschnittlich viele Stimmberechtigte teil.

Corona, Klimawandel und Gleichstellung mobilisieren

Diese Häufung von überdurchschnittlich hohen Stimmbeteiligungen hat auch mit der Pandemie zu tun. Die durchschnittliche Stimmbeteiligung in den letzten zwei Jahren liege deutlich über dem Durchschnitt seit dem Jahr 2000, schreibt die Politikwissenschafterin Cloé Jans auf der Website des Forschungsinstituts Gfs Bern: «Ein wesentlicher Grund für die hohe Stimmbeteiligung ist die Corona-Pandemie, die viel Aufmerksamkeit auf die Politik und die Funktion der Demokratie lenkt». Jede Abstimmung der letzten sei damit immer auch ein Stück weit« ein Referendum über die Arbeit der Behörden im Zusammenhang mit der Pandemiebekämpfung».

Neben Corona seien auch gesellschaftliche Debatten wie die Klimafrage oder die Gleichstellungsthematik ein Faktor: Diese erhöhten das Interesse an Politik im Moment nicht nur in der Schweiz, sondern global. Ausserdem zeigten sich die Folgen neuer Formen der Vernetzung und Mobilisierung via soziale Medien: «Sie sorgen für dynamische Kampagnen, Kommunikation und Diskussionen.»

Auch 1949 ging es um den Umgang mit einer Krankheit

Gemäss Berechnungen von CH Media lag die durchschnittliche Stimmbeteiligung bei den vier Urnengängen 2021 bei 57,1 Prozent. Konsultiert man die entsprechenden Werte, welche das Bundesamt für Statistik für die Vergangenheit errechnet hat, muss man weit zurück gehen, um einen höheren Wert zu finden: Bis ins Jahr 1949, lange bevor die Schweizerinnen das Stimmrecht erhielten.

Bemerkenswert: Damals kamen unter anderem die «Ergänzungen zum Bundesgesetz betreffend Massnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose» und die Volksinitiative «Rückkehr zur direkten Demokratie», die das im zweiten Weltkrieg eingeführte Vollmachtenregime beendete, zur Abstimmung. Es ging also um ähnliche Themen wie heute: Der Umgang mit einer Krankheit und die Grenzen staatlicher Macht.

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