Starke Schneefälle
Rekordhöhen: Schnee wie einst in Kindertagen

Rekordschneemengen in der halben Schweiz. Doch einzelne grosse Schnee-Ereignisse sind auch im 21. Jahrhundert keine Seltenheit – wegen des Klimawandels.

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Endlich genug Schnee für eine Hütte auch im Flachland wie hier im Stadtpark Olten.

Endlich genug Schnee für eine Hütte auch im Flachland wie hier im Stadtpark Olten.

Bruno Kissling / Oltner Tagblatt

Da ging wohl manchem ein Film aus Kindertagen durch den Kopf. Damals als man in den 1970er Jahren jeden Winter über hohe Schneemaden in den Kindergarten oder die Schule gelaufen ist und die fette Schneehütte tagelang als eisiger Unterschlupf diente, das Schlitteln bis vor die Haustüre wochenlang möglich war.

So hat es auch am Freitagmorgen ausgesehen und tatsächlich ist die Jugenderinnerung nicht nur reine Nostalgie, wie Stephan Bader von der Klimaabteilung von Meteo Schweiz sagt. «Das aktuelle Neuschnee-Ereignis gehört im östlichen Flachland vermutlich zu den sehr seltenen in den Messreihen.»

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Jüngere wissen nichts von Schneewochen in den 70ern. Präsent ist ihnen aber noch das Wochenende vom 4. und 5. März 2006. «Dieses grosse Schneeereignis sorgte in St.Gallen für eine Schneehöhe von 68 Zentimetern», sagt Felix Blumer von SRF Meteo. Zwei Tage lange hatte es damals bis zur Rekordhöhe geschneit.

Interessanterweise war die Wetterlage an jenem Märzsamstag ähnlich wie diesen Donnerstag und Freitag. Aus Westen beziehungsweise Nordwesten zog eine sehr aktive Front auf. Gleichzeitig schob sich in der untersten Luftschicht von Nordosten eiskalte Luft ins Mittelland und an die Voralpen. «Während die Ostschweiz im Schnee versank, gab es in Genf nur gerade fünf Zentimeter Schnee», sagt Blumer. Und wie diese Woche legte auch damals der Schneefall fast alles im östlichen Mittelland lahm, und die Behinderungen dauerten an vielen Orten bis zum Sonntagmittag.

Die Schweiz in zwei Schneehälften geteilt

Auch diesmal ist der Schnee nicht in der ganzen Schweiz gefallen, im westlichen Mittelland wurde vielerorts gar kein Neuschnee gemessen, wie Bader sagt. An anderen Orten türmten sich aber Schneeberge. In St.Gallen waren es an zwei Tagen 45 Zentimeter Neuschnee. Felix Blumer sagt:

Das ist immerhin Platz 2 unter allen gemessenen Neuschneeereignissen seit 1938. Nur am 4. März 2006 gab es mit 60 Zentimetern noch mehr.

Spannend sind gemäss dem SRF-Meteorologen die Werte im Flachland, wo sich diesmal Schneeberge erheben wie sonst nur in den Alpen.

Auch Zürich auf Rekordkurs

Sogar in Zürich gab es gemäss Bader von Meteo Schweiz mit 30 Zentimetern die vierthöchste 1-Tages Neuschneesumme seit Messbeginn 1931. So wie am 23. Februar 1986. Besonders betroffen waren aber vor allem die Ostalpen. Über zwei Tage schneite es durch. Elm im Glarnerland registrierte mit 96 Zentimetern die zweithöchste 2-Tagessumme seit Messbeginn 1960. «In Arosa fiel eine 2-Tages Neuschneesumme von 106 Zentimetern. Das ist Rang 7 in der Messreihe seit 1931», zählt Bader auf.

Grosse Schneemengen gab es auch in Disentis mit 99 und Davos mit 97 Zentimetern. Solche Schneehöhen sind in den Bergen allerdings nichts Aussergewöhnliches und schaffen es nicht in die Top-10-Rangierungen der zehn höchsten 2-Tagessummen in der Messreihe ab 1931.

Und Felix Blumer hält fest, dass es nicht so sei, dass es im 21. Jahrhundert in Städten des Mittellands wie zum Beispiel St.Gallen keinen Schnee mehr gegeben hätte. Es gab nicht nur das erwähnte Extremereignis im Jahr 2006. Auch 2003 und 2004 schneite es an einzelnen Tagen Rekordverdächtig, im März 2004 innerhalb von zwei Tagen sogar 72 Zentimeter. Ein Topwert.

Mehr Regen statt Schnee wegen Erderwärmung

Trotzdem stimmt die kindliche Erinnerung, dass es in den 1970er Jahren generell mehr Schnee gegeben hat als heute. «Mit der allgemeinen Erwärmung nimmt die Schneedecke allgemein an Mächtigkeit ab», erklärt Felix Blumer. Das hat gemäss dem SRF-Meteorologen einerseits damit zu tun, dass der Niederschlag sehr oft als Regen fällt und anderseits, dass durch die höheren Temperaturen der Schnee auch schneller schmilzt. «In der Tendenz nehmen dagegen Starkschneefallereignisse zu», sagt Blumer – so wie wir es gerade erleben.

Das ist so, weil warme Luft mehr Feuchtigkeit aufnimmt als kalte. Wird nun also eine recht warme Luftmasse auf eine kalte aufgeschoben, kann sie mehr Feuchtigkeit freisetzen. Ist das Ereignis noch einigermassen stationär, gibt es an einem Ort ergiebige Schneemengen. «Daher liegen die grössten Schneefallereignisse, nicht irgendwo in einer historischen Vergangenheit, sondern sehr oft im 21. Jahrhundert», sagt Felix Blumer.