REISELUST
Die Menschen ändern ihr Verhalten nicht: Sie reisen wieder wie vor der Coronakrise

Die Videokonferenzen würden viele Geschäftsreisen überflüssig machen, hiess es vor zwei Jahren. Nun reisen Geschäftsleute wieder in der Welt herum wie zuvor. Sie wollen ihre Kunden persönlich treffen.

Francesco Benini
Francesco Benini
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Die Menschen reisen wiedr wie vor der Pandemie.

Die Menschen reisen wiedr wie vor der Pandemie.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Die Coronakrise werde das Leben der Menschen langfristig grundsätzlich verändern, las man im Jahr 2020. Gerade Feuilletonisten sagten eine dauerhafte Einkehr voraus: Geschäftsreisen hätten sich dank Videokonferenzen als entbehrlich herausgestellt. Und viele Menschen machten die Erfahrung, dass die Erkundung der Heimat genauso erfüllend sei wie Reisen in weit entfernte Weltgegenden.

Nun meldet das Unternehmen Mastercard, dass die Buchungen von Geschäftsreisen wieder das Niveau von 2019 erreicht hätten. Am Gotthard staut sich der Verkehr auf einer Länge von 14 Kilometern. Und viele Schweizerinnen und Schweizer werden die Sommerferien in Übersee statt am Bodensee verbringen.

Dass die Zahl der Geschäftsreisen so stark steigt, ist bemerkenswert, weil zurzeit zwei grosse Länder fast vollständig ausfallen: China wegen der dortigen Null-Covid-Strategie, Russland wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine.

Geschäftsleute weisen darauf hin, dass der persönliche Kontakt zu Kunden durch nichts zu ersetzen sei. Jemanden zu überzeugen in einer Videokonferenz, sei schwierig; ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, unmöglich. Es gibt natürlich auch Angestellte, die auf Kosten des Unternehmens ins Flugzeug steigen, um dem Alltagstrott im Büro zu entfliehen. Die meisten Unternehmen haben aber Kontrollen darüber eingeführt, ob eine Geschäftsreise zweckmässig ist.

Es entspricht einem menschlichen Bedürfnis, jemandem persönlich zu begegnen, mit dem man einen wichtigen Vertrag abschliesst. Daran hat Corona nichts geändert. Auch der Drang des Menschen, den eigenen Planeten auszukundschaften, ist ungebrochen. Wer es sich finanziell erlauben kann, will reisen. In nahe Regionen, aber auch weit weg.

Dass die Erfahrung der Coronakrise das Verhalten der Leute ändern werde, stellt sich als Illusion heraus. Die Menschen waren zu einer Pause gezwungen, nun nehmen sie das alte Leben wieder auf. Umweltschutzorganisationen beklagen, dass mit der Zunahme der Flugreisen auch der Ausstoss an Schadstoffen steige. Das trifft zu. Appelle, man solle doch möglichst zu Hause bleiben, bringen aber nichts. Wem sich die Möglichkeit bietet, der reist.