Anti-Terror

Reines Placebo: Betonblöcke halten weder Terroristen noch Amokfahrer auf

Eine Betonsperre am traditionellen «Zibelemärit» in Bern.Anthony Anex/Key

Eine Betonsperre am traditionellen «Zibelemärit» in Bern.Anthony Anex/Key

Sperren an Märkten halten keine Autos auf, warnt ein Sicherheitsexperte. Im schlimmsten Fall werden die Klötze gar selbst zur tödlichen Gefahr. Einmal flog ein Betonblock 25 Meter durch die Luft.

Christbäume, Glühwein, Lebkuchen – und Betonblöcke. Egal ob in Bern, Basel oder St. Gallen: An Weihnachtsmärkten in der ganzen Schweiz sind die grossen, grauen Klötze derzeit nicht zu übersehen. Auch am Hauptbahnhof Zürich stehen seit diesem Samstag Betonsperren. Sie sollen verhindern, dass ein Amokfahrer wie vor einem Jahr in Berlin mit einem Fahrzeug in die Menschenmenge rast. «Weihnachtsmärkte rüsten sich gegen den Terror», titelten die Zeitungen diese Woche. Doch was nützen die Vorkehrungen?

Geht es nach Sicherheitsexperte David Schiller, ist die Antwort ernüchternd: eigentlich nichts. «Die Betonblöcke sind reines Placebo», sagt er. Das gelte besonders, wenn die Elemente nicht im Boden verankert werden, was hierzulande kaum der Fall ist. «Ein schweres Fahrzeug oder gar ein Lastwagen lässt sich damit niemals aufhalten.» Das untermauern internationale Tests: Ein Probelauf in Deutschland zeigte, dass die Betonelemente schon einen kleinen Lastwagen von 10 Tonnen nicht stoppen können, geschweige denn ein 30-Tonnen-Fahrzeug wie bei der Amokfahrt in Berlin. Im schlimmsten Fall werden die Klötze gar selbst zur tödlichen Gefahr. Einmal flog ein Betonblock 25 Meter durch die Luft.

Die Orts- und Gewerbepolizei Bern, die am Zibelemärit Betonelemente aufgestellt hat, ist dennoch überzeugt von den Klötzen. Er könne nicht ins Detail gehen, sagt Leiter Norbert Esseiva. Die Elemente seien aber wichtig für die Risikominimierung. Auch Experte Schiller hebt hervor, dass die Sperre einen Täter zumindest psychologisch abschrecken könne. Andere Massnahmen wie mehr Polizisten vor Ort seien aber besser. Die Beamten würden allerdings keine Pistolen, sondern Gewehre benötigen, ansonsten die Schussbahn der Kugeln durch das Fahrzeug abgelenkt werden könnte.

Nichts stoppt einen Bulldozer

Schiller ist weltweit als Berater und Ausbilder für Militär und Polizei in Deutschland, der Schweiz und Israel tätig. Besonders im Nahen Osten hat er schon einige Amokfahrten erlebt. Manche stiegen gar in noch massivere Fahrzeuge: «Einmal sass ein Täter in einem Bulldozer», sagt Schiller. «Dann nützen nicht einmal mehr Mauern etwas.»

Besuchern eines Weihnachtsmarktes rät David Schiller, sich ihrer Umgebung bewusst zu machen. Liegt eine herrenlose Tasche am Boden? Fährt ein Auto im schnellen Tempo auf den Markt zu? Das würde schon helfen. «Man muss keine Angst haben, aber die Leute dürfen nicht blauäugig sein.» Er selbst sieht sich als Realist, nicht Pessimist. Anschläge von verrückten Einzeltätern wie in Berlin würden in Europa auch künftig verübt. «Die Geschichte zeigt, dass solche Taten in Wellen kommen», sagt er. Es werde Nachahmer geben.

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