Fernwärme zeigt die kalte Schulter

Reicht die Kapazität der Fernwärme ab Beznau?

Die Regionale Fernwärme ab Atomkraftwerk Beznau ist begrenzt: Die Kapazität ist nahezu ausgeschöpft, für neue Kunden fehlen Energie und Leitungen. Kommt es bei grosser Kälte zum Kollaps?

Hans Lüthi

Das von den Atomkraftwerken Beznau gespeiste Fernwärmenetz ist in den über 25 Jahren seit dem Start ständig vergrössert worden, es reicht von Klingnau bis Riniken, im Surbtal bis Endingen und grenzt bei ABB Turgi ans Netz der Fernwärme Siggenthal. An kalten Wintertagen schnellt der Verbrauch an Energie auf Rekordwerte, mit 68 Megawatt kam die Höchstlast am 19. Februar 2009 zustande. «Auch jetzt sind wir ziemlich nahe an dieser Grenze», sagt der neue Geschäftsleiter Kurt Hostettler zur relativen Kälte in diesem Januar. Dennoch sei das System mit den 120 Grad Vorlauf-Temperatur und 55 Grad Rücklauf (im Winter-Halbjahr) sehr sicher.

Lücken statt Totalausfall

Ausgelegt sind das Netz und die Auskopplung im Kraftwerk auf minus 8 Grad Aussentemperatur - wie die meisten Zentralheizungen heute. Was aber geschieht, wenn die Kälte aus Nordeuropa Richtung Süden kommt, mit einer längeren Phase von minus 20 Grad auch im Aargau? «Selbst bei Knappheit ist ein Totalausfall nicht zu befürchten», versichert der Refuna-Geschäftsleiter. Aber in den von den Pumpen am weitesten entfernten Gebieten der Ortsnetze könnte zeitweise weniger Energie geliefert werden. Denn das Wasser geht immer den Weg des geringsten Widerstandes, nicht nur in einem Fluss, auch im Fernwärmenetz.

Wegen hoher Ölpreise und der Diskussion um Luftverschmutzung und Klima wenden sich immer mehr Hausbesitzer von den fossilen Energieträgern ab. Vielen von ihnen muss die Fernwärme jedoch die kalte Schulter zeigen.

System ist am Anschlag

Die beiden Beznau-Reaktoren haben eine elektrische Leistung von je 365 Megawatt und erzeugen die dreifache Menge an Dampf. Theoretisch stünde fast unbegrenzt Abwärme zur Verfügung, aber die Auskopplung ist nur auf den heutigen Spitzenverbrauch ausgelegt. «Ein Ausbau würde zig Millionen Franken kosten», erklärt Hostettler - und das Problem wäre damit nicht gelöst. «Mit Optimierungen und kleinen Umbauten versuchen wir jedoch, ein paar Megawatt herauszuholen», lautet die Devise. Engpässe gibt es dennoch im 30 Kilometer langen Hauptnetz und in den insgesamt 100 Kilometern der elf Ortsnetze. Im Südostast ist die Kapazität erschöpft, für den Flaschenhals Würenlingen braucht es eine Art Bypass.

Das Baugesuch für die neue Leitung liegt öffentlich auf und führt vom Granella-Werkhof der Bahn entlang bis ins Coop-Gelände. «Das ist völlig unabhängig vom Holzheizwerk nötig», unterstreicht der Geschäftsleiter, damit die Würenlinger nicht auf falsche Gedanken kommen. Für Refuna hätte das 50 Megawatt starke und 100 Millionen Franken teure Holzheizwerk mehrere Fliegen auf einen Schlag erledigt: Die Kapazität im Südast gesichert, dringend nötige Wärme geliefert, veraltete Reserve-Heizwerke ersetzt und in Zukunft den Stillstand von Beznau 3 überbrückt.

Ausbau der Reserve-Heizwerke

Ob das Holzheizwerk trotz Würenlinger Widerstand noch kommt, ist fraglich, steht aber noch in den Axpo-Sternen. Für ein Nein wappnet sich Refuna mit der dringend nötigen Sanierung der vier Reserve-Heizwerke, denn sie sind ohnehin bis zu 25 Jahre alt. Aber sie sollten nur Notfälle und kurzfristige Spitzentage abdecken müssen. «Weil wir per Knopfdruck sofort volle Leistung brauchen, kommen nur Öl oder Gas als Brennstoff infrage», sagt Kurt Hostettler. Mit diesen Nachteilen: Erstens sind sie im Vergleich zur Beznau-Wärme viel zu teuer, zweitens ist für die Refuna-Kunden eine ökologische Erzeugung der Wärme wichtig. Fazit: Öl wäre ökonomisch und ökologisch keine Alternative.

Die ausgekoppelte Wärme aus dem AKW Beznau besteht aus 7 Teilen Abwärme, nur ein Teil geht der Stromproduktion verloren. Im Sommer sind es sogar 9 Teile aus Abwärme. Diese würde ohne Refuna nur die Aare zusätzlich aufheizen.

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