Die Zusammenarbeit mit Eltern ist für Lehrer «deutlich anspruchsvoller und differenzierter geworden». So steht es in einem neuen Leitfaden des Dachverbandes der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Der Leitfaden soll helfen, die Zusammenarbeit zu verbessern.

Praxisfälle

Unter anderem erfahren die Lehrer anhand von Fallbeispielen aus der Praxis, wie sie in kritischen Momenten am besten reagieren. Doch die Lehrer erhalten auch die rechtlichen Grundlagen vorgestellt. So etwa die Zuständigkeit der Eltern, Grenzen der Elternmitwirkung, religiöse Pädagogik, Erziehungs- und Disziplinaraufgaben, und anderes mehr.

Besonderes Konfliktpotenzial besteht, wenn es darum geht, ob ein Kind ans Gymnasium, in die Sekundar- oder Realschule kommt.  Dann wird teilweise sogar mit dem Anwalt gedroht. In den allermeisten Fällen bleibt es zwar bei der Drohung. Die Paragrafenreiterei hat aber trotzdem Einzug gehalten in Schweizer Schulzimmern.

Der Rechtsdienst des Volksschulamts des Kantons Zürich sei so gefragt wie nie, sagt Amtschefin Marion Völger (45) gegenüber SonntagsBlick: «Wir erhalten deutlich mehr Anfragen von Lehrern und Schulleitungen, aber auch von Eltern.»

Aktuell bearbeitet der Zürcher Rechtsdienst rund 3000 Anfragen pro Jahr, etwa 400 davon von Eltern.

Wer den Ratgeber des Lehrerverbands liest, stösst auf Praxisfälle wie diese:

  • Nils hat die erforderliche Punktzahl für den Übertritt an das progymnasiale Niveau der Sekundarschule nicht erreicht. Die Eltern machen die Klassenlehrerin dafür verantwortlich. Sie bemängeln, der Unterricht sei qualitativ ungenügend.
  • Der Kindergärtner Timo trägt immer wieder schmutzige Kleidung. Seine Haare sind ungepflegt und er riecht unangenehm.
  • Die Eltern des Fünftklässlers Luca beklagen sich beim Klassenlehrer über die fehlende Disziplin in der Klasse. Ihr Sohn fühle sich beim Lernen erheblich gestört. Sie erachten seinen Schulerfolg dadurch als gefährdet.
  • Die Klassenlehrerin einer 3. Sekundarklasse informiert die Eltern, dass die Fachstelle für Sexualpädagogik in geschlechtergetrennten Gruppen Gespräche zu Themen rund um die Sexualität führen wird. Zwei Elternpaare wollen ihre Kinder davon dispensieren lassen.
  • Jeden Morgen kommt die Erstklässlerin Nina fünf Minuten zu spät zur Schule. Obwohl die Klassenlehrerin die Eltern mehrmals telefonisch darüber informiert, ändert sich die Situation nicht.
  • Eltern, welche einer fundamental-christlichen Freikirche angehören, wünschen, dass ihr Kind beim jährlichen Weihnachtssingen nicht teilnimmt.

Eltern werden gebüsst

Beat Zemp, der Zentralpräsident des Schweizer Lehrerverbands schreibt im Vorwort des Ratgebers unverblümt: "Die Zusammenarbeit zwischen Eltern und der Schule hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Unterstützten früher Eltern Erziehungsmassnahmen von Lehrpersonen und Entscheide der Schule mehr oder weniger vorbehaltslos, ist die heutige ‹Elternarbeit› aus der Sicht der Lehrpersonen deutlich anspruchsvoller und differenzierter geworden. Dazu gehören mitunter auch Konflikte, die sehr belastend sein können und oft mehrere Jahre dauern."

In den Medien würden vor allem die Konfliktfälle dominieren, wenn von «Helikoptereltern» die Rede sei, die beim ersten Elterngespräch mit ihrem Anwalt auffahren würden, oder wenn aus religiösen Gründen Konflikte entstünden. 

Auch wenn es selten vorkomme: "Probleme bereiten aber auch Erziehungsberechtigte, die ihren elterlichen Pflichten nicht nachkommen und neuerdings mit einer Busse rechnen müssen", so Zemp. 

Gut situierte Eltern machen Druck

In der Regel sind es gut situierte Eltern, die Lehrpersonen unter Druck setzen – manchmal mit Erfolg. Christian Hugi (38), Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands, sieht im SonntagsBlick dadurch die Chancengerechtigkeit gefährdet: «Bei Schülern, die aus gutem Hause kommen und ehrgeizige Eltern haben, sind die Chancen höher, dass sie ans Gymnasium kommen – obwohl sie schulisch nicht besser sind als Klassenkameraden."

Doch nicht nur der Übertritt ans Gymi ist ein Thema und Anlass dafür, dass sich Eltern immer mehr in den Unterricht einmischen. Auch die Beurteilungspraxis oder das auffällige Verhalten des Kindes sind wiederkehrende Themen. (jk/az)