Interview
Regierungsrat Vitta über die Rolle seines Kantons in der Coronakrise: «Das Tessin wirkte wie ein Frühwarnsystem»

Das Coronavirus schlug im Kanton Tessin früher und härter zu als im Rest des Landes. Volkswirtschaftsdirektor Christian Vitta (47) präsidierte die Kantonsregierung bis Anfang Mai. Es sei nicht immer einfach gewesen, dem Bund die Position des Tessins zu vermitteln, sagt der FDP-Politiker.

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Pionierrolle gespielt: Der Tessiner Volkswirtschaftsdirektor Christian Vitta.

Pionierrolle gespielt: Der Tessiner Volkswirtschaftsdirektor Christian Vitta.

Keystone

Der Kanton Tessin verzeichnet kaum noch neue Coronafälle. Ende März waren es an einem Tag 287. Ist die Krise überstanden?

Christian Vitta: Mit der aktuellen Situation können wir zufrieden sein. Wir wissen nicht, was der Herbst bringt. Eine mögliche zweite Welle könnten wir aber mit der Erfahrung des Frühlings begegnen.

Hat der Kanton Tessin die Krise gut gemeistert?

Es ist zu früh für eine Bilanz, das Virus ist nicht ganz verschwunden. Klar ist: Das Virus hat sich im Kanton Tessin zuerst und am stärksten ausgebreitet. Aufgrund der hohen Fallzahlen haben wir Massnahmen beschlossen, die nachher im ganzen Land umgesetzt wurden, etwa Eishockeyspiele ohne Zuschauer, die Schulschliessung oder das Ausrufen des Notstands. Gefreut hat mich die grosse Solidarität, die unser Kanton gezeigt hat. Sehr viele Menschen haben sich zum Beispiel freiwillig gemeldet, um Einkäufe für Senioren zu erledigen, als diese die Geschäfte zwischenzeitlich nicht betreten durften. Das Motto «Wir schaffen es gemeinsam» war keine leere Phrase.

Hat der Kanton Tessin den Rest der Schweiz vor einer stärkeren Verbreitung des Virus bewahrt?

Das ist schwierig zu sagen. Vielleicht haben wir dazu beigetragen, dass sich das Virus langsamer verbreitete als zwischenzeitlich befürchtet. Mit diversen Entscheiden haben wir eine Pionierrolle gespielt. Es war nicht immer einfach, dem Bund unsere Position zu vermitteln. Er verstand unserer Entscheide nicht, weil sich das Virus ennet des Gotthards viel langsamer verbreitet hat. Das führte zu Spannungen.

Die vorübergehende Baustellenschliessung zum Beispiel betrachtete der Bund zunächst als unzulässig.

Wir standen in einem permanenten Dialog mit dem Bund. Einen wichtigen Etappenerfolg erreichten wir, als er den Kantonen Ende März sogenannte «Krisenfenster» zugestand. Damit hiess er im Nachhinein die Baustellenschliessung gut. Diese «Krisenfenster» haben den Föderalismus vor einer Zerreissprobe bewahrt.

Haben die dramatischen Bilder aus Norditalien mit überlasteten Spitälern und zahlreichen Todesopfern die Tessiner stärker für die Problematik sensibilisiert?

Die Nähe zu Norditalien hat sicher eine Rolle gespielt. Sie hat dazu beigetragen, schneller Massnahmen im Kampf gegen das Virus zu ergreifen. Insofern wirkte der Kanton Tessin wie ein Frühwarnsystem.

Am letzten Februarwochenende beschloss Italien erste drastische Schritte gegen das Coronavirus und riegelte 50000 Personen in elf Gemeinden in Norditalien von der Aussenwelt ab. Am gleichen Sonntag fand in Bellinzona der grosse Fasnachtsumzug mit mehr als 25000 Personen statt – ein Anlass, an dem sich das Virus möglicherweise stark verbreitet hat. Hätte die Regierung diese Veranstaltung absagen müssen?

Es gibt keine perfekte Lösung im Umgang mit einer Krise, mit der niemand Erfahrung hat. Als der Umzug stattfand, gab es weder im Tessin noch in der Schweiz einen bestätigten Fall. Es ist fraglich, ob die Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt einschneidende Massnahmen mitgetragen hätte. Grundsätzlich gilt: Je stärker sich die Leute des Problems bewusst sind, desto eher akzeptieren sie restriktive Massnahmen, welche Freiheiten beschneiden.

Hat der ehemalige Coronadelegierte Daniel Koch im Tessin auch Kultstatus wie in der Deutschschweiz?

Bei uns sind die Augen stärker auf die kantonalen Akteure gerichtete. Mit Koch und auch Gesundheitsminister Alain Berset pflegten wir eine pragmatische Zusammenarbeit. Wie gesagt: Da das Virus den Rest der Schweiz später erreichte, stiessen wir anfänglich beim Bund manchmal auf Unverständnis.

Können die Deutschschweizer wieder unbeschwert Ferien im Tessin verbringen?

Ich danke zunächst dafür, dass sie unserem Aufruf, an Ostern zu Hause zu bleiben, respektiert haben. Der Appell fiel uns nicht leicht, er war in dieser schwierigen Phase jedoch nötig. Jetzt kann man in unserem Kanton wieder in Sicherheit Ferien geniessen. Ich lade die Deutschschweizer herzlich dazu ein.

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