Dachverband
Regenbogenfamilien sorgen für Adoptionsboom – Hürden gibt es jedoch weiterhin

Seit Anfang Jahr sind gleichgeschlechtliche Paare zur Stiefkindadoption zugelassen. Der Dachverband Regenbogenfamilien sieht aber noch einige Hürden.

Tobias Bär
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Die Zahlen der Adoptionsgesuche von Regenbogenfamilien steigen an. (Symbolbild)

Die Zahlen der Adoptionsgesuche von Regenbogenfamilien steigen an. (Symbolbild)

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Ein Spaziergang ist die Stiefkindadoption nicht. Wer im Kanton Zürich das Kind des Partners adoptieren will, der muss zusammen mit dem Gesuch 21 Beilagen einreichen. Dazu kommt die Gebühr für das Verfahren: In Zürich beträgt diese mindestens 1300 Franken. Seit Anfang Jahr steht das Prozedere auch gleichgeschlechtlichen Paaren offen. Bis dahin war die Stiefkindadoption nur Ehepaaren gestattet.

Und die sogenannten Regenbogenfamilien machen von ihrem Recht Gebrauch. Beim Kanton St. Gallen sind bis Ende März vier Gesuche eingegangen, die ein gleichgeschlechtliches Paar betrafen. Der Kanton Aargau zählte seit Anfang Jahr acht solche Anträge, die Waadt gar 24. Auch der Kanton Uri hat ein erstes Gesuch registriert.

Kinder nach Samenspenden

«Viele gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern haben darauf gewartet, diese Kinder rechtlich abzusichern», sagt Maria von Känel, Geschäftsführerin des Dachverbandes Regenbogenfamilien. Ohne eine Adoption haben die betroffenen Kinder gegenüber dem Stiefelternteil unter anderem keinen Unterhalts- und Erbanspruch. Von Känel stellt gleichzeitig eine gewisse Zurückhaltung unter den Regenbogenfamilien fest. «Einige lassen sich vom aufwendigen und teuren Verfahren abschrecken oder wollen zunächst die Erfahrungen anderer Paare abwarten.»

Der Dachverband hat einige Erfahrungsberichte auf seine Website gestellt. Ein lesbisches Paar beschreibt das Gespräch beim Hausbesuch der kantonalen Fachperson als «sehr wohlwollend und positiv». Ein anderes Frauenpaar berichtet, die zuständige Adoptionsbehörde habe die «Besonderheit einer Regenbogenfamilie noch nicht wirklich verinnerlicht».

Das Paar hatte sich den Kinderwunsch über die Fortpflanzungsmedizin im Ausland erfüllt, da gespendete Samenzellen in der Schweiz nur bei heterosexuellen Ehepaaren verwendet werden dürfen. «Die kantonalen Fachpersonen gehen noch häufig davon aus, dass die Kinder in Regenbogenfamilien aus einer früheren heterosexuellen Beziehung stammen», sagt von Känel. «Dabei handelt es sich oft um Wunschkinder, die in eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft hineingeboren wurden.» Daraus ergäben sich Irritationen und unpassende Fragen.

Der Dachverband hat sämtlichen Kantonen angeboten, die zuständigen Stellen über die Lebensrealität der Regenbogenfamilien aufzuklären. Auf das Angebot eingegangen sind bislang sechs Kantone, mehrheitlich aus der Westschweiz. «Das schweizerische Recht kennt den Begriff Regenbogenfamilien nicht», sagt Gabriela Küpfer, Leiterin des Amts für Bürgerrecht und Zivilstand des Kantons St. Gallen. Deshalb unterscheide sich das Adoptionsverfahren bei Regenbogenfamilien auch nicht von jenem bei anderen Paaren.

Zahl der Gesuche steigt weiter

Trotz einigen Anlaufschwierigkeiten hat die Zulassung gleichgeschlechtlicher Paare zur Stiefkindadoption die Zahl der Gesuche in die Höhe schnellen lassen. Der Kanton Waadt beispielsweise hat im laufenden Jahr 34 Gesuche um Stiefkindadoption registriert, 2017 waren es zum gleichen Zeitpunkt erst sechs. Neben der Waadt haben noch sechs weitere Kantone Zahlen für das laufende und für das vergangene Jahr geliefert. Das Ergebnis: Die Zahl der Gesuche liegt viermal höher als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres.

Zum Anstieg beigetragen haben auch die tieferen Hürden für heterosexuelle Paare: Diese müssen nicht mehr seit fünf Jahren verheiratet sein, damit der Stiefelternteil das Kind des Partners adoptieren kann. Neu müssen Paare nur noch seit mindestens drei Jahren einen gemeinsamen Haushalt führen.

So dürfte 2018 die Zahl der Adoptionen in der Schweiz wieder steigen. 2017 war mit 293 Adoptionen ein neuer Tiefststand erreicht worden. Ein Grund für den Rückgang war der Fortschritt in der Fortpflanzungsmedizin.

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