Herr Kohler, wenn Sie im Kanton Aargau an einen Unfall heranfahren würden, wen würden Sie alarmieren?

Ernst Kohler: Die Notrufzentrale 144.

Und die kantonale Notrufzentrale würde den Rettungshelikopter des TCS aufbieten.

So haben es die Aargauer Behörden entschieden, ja. Ob das Sinn macht oder nicht, ist eine andere Frage.

Macht es für die Patienten Sinn?

Der TCS hat die medizinischen Bewilligungen erhalten. Die zuständigen Stellen werden also geprüft haben, ob die Mindestanforderungen erfüllt sind. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Aus Sicht des Patienten ist die Lage also gut: Er ist auf jeden Fall in guten Händen, ob bei der Rega oder beim TCS.

Das müsste man als Patient ja auch erwarten können. Doch auf den zweiten Blick, bei genauem Hinschauen, gibt es eine andere Problematik: Die Rega hat sich seit 60 Jahren auf die Fahne geschrieben, eine hervorragende Grundversorgung für die Schweizer Bevölkerung zu leisten. Dieses System wird nun durch den TCS und den Kanton Aargau infrage gestellt.

Weshalb?

Nirgendwo ist das Luftrettungswesen so gut wie in der Schweiz. Wir haben gemessen an der Bevölkerung doppelt so viele Helikopter wie Deutschland. Das ist eine umfassende und teure Grundversorgung, welche die Rega ohne Subventionen und Kosten für die öffentliche Hand erbringt. Wenn nun Kantone wie der Aargau damit beginnen, Rettungseinsätze an kommerzielle Anbieter zu vergeben, geht das nicht mehr auf. Das sind ganz neue Spielregeln.

Die Rega könnte sich doch diesem Wettbewerb stellen.

Wettbewerb in einer Tätigkeit, in der es um Menschenleben geht? Eine Feuerwehr und eine Polizei kann man auch nicht als Wettbewerb betreiben. Natürlich könnte man altes Material einsetzen, temporäres Personal einstellen und neben anderen Tätigkeiten hie und da ein wenig Luftrettung betreiben. Will man jedoch höchste Qualität und das volle Einsatzspektrum flächendeckend und rund um die Uhr anbieten, lässt sich damit kein Geld verdienen.

Worin genau liegt denn das Problem, wenn der TCS Einsätze fliegen will?

Es ist doch paradox: Man erwartet von der Rega, dass sie an 365 Tagen für eine Grundversorgung mit allen Einsatzarten sorgt. Und dann vergibt man die wenigen Rettungseinsätze, mit denen sich ein Deckungsbeitrag realisieren lässt, an kommerzielle Anbieter. Das geht nicht auf.

Mit welchen Einsätzen lässt sich Geld verdienen?

Was die Luftrettung so teuer macht, sind die Vorhalteleistungen: das Warten. Wenn ein Anbieter nur eingeschränkt Helikopter bereithält oder nur jene Einsätze leistet, die sicher bezahlt werden, sind die Kosten überschaubar. Sobald aber jemand wie die Rega Tag und Nacht eine umfassende Luftrettung mit komplizierten Einsätzen garantiert, bei denen nicht einmal klar ist, wer sie bezahlt, wird es sehr schnell sehr teuer.

Was fordern Sie?

Der Kanton Aargau muss sich entscheiden. Entweder er verlangt vom TCS, ebenfalls das volle Einsatzspektrum rund um die Uhr anzubieten und so einen richtigen Beitrag zur Grundversorgung zu leisten, wie dies die Rega auch tut. Oder der Kanton entschädigt die Rega für ihre Einsatzbereitschaft. Wir wehren uns gegen die Rosinenpickerei des TCS, die letztlich niemandem etwas bringt.

Sie wollen Geld von der öffentlichen Hand?

Es wäre die logische Konsequenz der Situation, die wir nun im Aargau haben. Es ist sicher nicht richtig, dass die Gönnerinnen der Rega mit ihren Beiträgen eine Vorhalteleistung bezahlen, von der dann andere kommerzielle Anbieter profitieren. Der Kanton Aargau soll nun definieren, welche Grundversorgung er will. Die Verluste der Rega, die Gewinne den Kommerziellen: Das können wir nicht akzeptieren.

Wie viel würde das den Kanton kosten?

Das lässt sich heute nicht beziffern, es ist abhängig davon, was der Kanton möchte. Will er den Transport von Neugeborenen in Brutkästen ermöglichen? Braucht er Helikopter mit Rettungswinden für Einsätze in unwegsamem Gelände oder kann man im Aargau darauf verzichten? Will er aufwendige nächtliche Suchaktionen aus der Luft? Um solche Fragen geht es.

Befürchten Sie, dass kommerzielle Anbieter auch in weiteren Kantonen tätig werden könnten?

Es gilt zu verhindern, dass sich gewinnstrebende private Organisationen auf Kosten des Grundversorgers Vorteile verschaffen. Wenn man das doch will, muss man eben über die Kosten der Grundversorgung sprechen.

Sie stören sich auch daran, dass Ihre Gönnerbeiträge seit 2009 mehrwertsteuerpflichtig sind.

Wir sind überzeugt, dass es nicht sein kann, dass wir mit der Mehrwertsteuer belastet werden, wenn wir als private Organisation quasi einen staatlichen Auftrag wahrnehmen. Gäbe es die Rega und ihre Gönner nicht, müsste die öffentliche Hand die Kosten für die Luftrettung übernehmen.

Wie viel Mehrwertsteuer bezahlen Sie?

Es sind zwischen 5 bis 6 Millionen Franken pro Jahr. Das entspricht 166 000 bis 200 000 Gönnerschaften.

Sie erwogen auch schon eine Volksinitiative zur Befreiung der Rega von der Mehrwertsteuer. Bei fast 2,5 Millionen Gönnern hätten Sie die nötigen Unterschriften rasch zusammen.

Eine Volksinitiative wäre die letzte Möglichkeit, die wir durchaus im Kopf haben. Die Gelder, die uns die Gönner für die Luftrettung zur Verfügung stellen, sollen nicht in die Staatskasse fliessen. Wir sind aber zuversichtlich, dass eine Volksinitiative nicht nötig sein wird und eine Lösung innerhalb der bestehenden Gesetze gefunden wird. Wir sind mit der Steuerverwaltung im Gespräch.

Die Rega geriet 2012 wegen der hohen Bezüge ihrer Stiftungsräte in die Kritik. Wie geht das mit Ihrem Image als gemeinnützige Organisation zusammen?

Diese Debatte hat uns getroffen, weil Fakten falsch dargestellt wurden. Die Zeitungsschlagzeile letzten Herbst suggerierte, dass jeder einzelne Stiftungsrat 300 000 Franken verdiene. Dabei waren das die hoch gerundeten Gesamtbezüge aller 15 Stiftungsräte, und diese Bezüge sind seit Jahren stabil. Wir sind stolz darauf, dass wir 2003 als eine der ersten Non-Profit-Organisationen die Bezüge des Stiftungsrats offenlegten.

Welche Investitionen stehen in nächster Zeit an?

Wir müssen die Luftrettung nicht neu erfinden. Wir müssen uns aber von der Abhängigkeit vom Wetter befreien. Letztes Jahr mussten wir rund 560 Einsätze abbrechen, weil schlechtes Wetter einen Helikoptereinsatz verhinderte. Mit technischen Fortschritten wie Instrumentenflugsystemen wollen wir diese Zahl deutlich verringern. Auch der Ersatz der drei Ambulanzjets steht in den nächsten zehn Jahren an.

Wie spürt die Rega den Outdoor- und Wanderboom der vergangenen Jahre?

Das Freizeitverhalten der Schweizer hat sich geändert. Sie bewegen sich vermehrt in der Natur. Manche Pechvögel verunglücken dabei. Prozentual mehr Unfälle oder vermehrt unvernünftiges Verhalten stellen wir aber nicht fest.

Sie sind selbst Bergführer. Was ist Ihr persönliches Bergziel diesen Sommer?

Ich werde mit der Geschäftsleitung einen weiteren Viertausender besteigen, das Allalinhorn. Dann habe ich noch ein paar Bergtouren mit der Familie vor.