Alkohol am Steuer

Rechtsmediziner warnen: Neue Alkoholmessgeräte der Polizei begünstigen Blaufahrer

312 Geräte haben die Kantone bereits angeschafft. Doch diese können nicht wie geplant an der Front eingesetzt werden. (Symbolbild)

312 Geräte haben die Kantone bereits angeschafft. Doch diese können nicht wie geplant an der Front eingesetzt werden. (Symbolbild)

Schweizer Polizisten nutzen seit einem Jahr Alkoholmessgeräte, die nicht mehr das Blut der Lenker, sondern deren Atem prüfen. Rechtsmediziner kritisieren bei den neuen Geräten, dass gerade Blaufahrer mit hohen Alkoholwerten sogar begünstigt werden.

Seit einem Jahr stehen schweizweit neue Alkoholmessgeräte im Einsatz. Sie überprüfen nicht mehr das Blut der Lenker, sondern den Atem. 312 Geräte haben die Kantone bereits angeschafft. Doch diese können nicht wie geplant an der Front eingesetzt werden.

«Für die Messungen müssen wir zum Polizeistützpunkt, da die Geräte zu gross sind für das Mitführen in den Patrouillenfahrzeugen», sagt Christian Aldrey, Leiter der St. Galler Verkehrspolizei, gegenüner der SonntagsZeitung. «Wir müssen aufgrund dieser neuen Geräte mehr Kilometer zurücklegen.»

Eine Umfrage in sechs weiteren Kantonen zeigt, dass kein einziges Korps die neuen Apparate im Streifenwagen mitführt. Kritik am neuen System äussern auch  Rechtsmediziner. Eine Studie des Institut für Rechtsmedizin (IRM) der Uni Bern untersuchte über 1000 Fälle, in denen Atem- und auch Blutproben genommen wurden.

«Die Auswertung ergab, dass 87 Prozent der Blaufahrer durch den Atemlufttest begünstigt worden wären», heisst es. Die neuen Richtwerte für den Atemalkohol seien falsch festgelegt worden. Begünstigt würden gerade Personen mit hohem Alkoholgehalt.

Schliesslich äussern auch Strafverfolger Kritik. Zweifelte früher ein Blaufahrer seine Resultate vor Gericht an, konnte man die Blutprobe auftauen und den Alkoholgehalt erneut messen. «Diese Rückverfolgbarkeit ist bei der Atemmessung nicht mehr möglich. Ich bin sicher, dass Anwälte dies ausnützen werden», sagt der Zürcher Staatsanwalt Jürg Boll.

Das Bundesamt für Strassen weist die Kritik von sich. Im ersten Halbjahr 2017 habe es deutlich weniger Schwerverletzte wegen Alkoholeinfluss gegeben als noch 2016.

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