Verkehr
Rechts überholen? Wir sind zu hektisch

Wenn man auch auf Schweizer Autobahnen rechts überholen dürfte, würde der Verkehr besser fliessen, sagt der deutsche Verkehrsfluss-Forscher Martin Treiber in der «Automobil Revue».

Christoph Bopp
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Keystone

Auf den ersten Blick leuchtet Treibers Behauptung auch ein. Dass auf der linken Spur dichterer Verkehr ist als auf der rechten und man auf der Überholspur auch nicht recht vorwärtskommt, hat wahrscheinlich jeder Automobilist schon erfahren. Der Gedanke ist verlockend: Wenn man doch nur schnell rechts vorbeifahren könnte ...

Unterschied Amerika und Europa

Treiber verweist auf die USA und Kanada. Dort sei Rechtsüberholen erlaubt und die nordamerikanischen Autobahnen wiesen eine höhere Durchschnittskapazität auf als die europäischen. Das stimmt allerdings nur bedingt. Auf europäischen Autobahnen herrscht das Prinzip Rechtsfahren. Auf den amerikanischen Autobahnen fährt man hingegen einfach auf seiner Spur. Das Problem ist der Spurwechsel. Europäische Autofahrer scheren zum Überholen aus und biegen wieder ein. Amerikanische Autofahrer fahren auf ihrer Spur, solange es vor ihnen Platz hat. Und der grösste Unterschied ist wohl der, dass die Höchstgeschwindigkeit in den USA durchschnittlich niedriger ist und die amerikanischen Autofahrer signifikant weniger hektisch fahren als der durchschnittliche Europäer. Was ebenfalls eine gut bestätigte Empirie ist.

Was sagt die «reine Lehre», die Strömungsphysik? Auf den ersten Blick leuchte Treibers Behauptung auch ihnen ein, sagen sowohl ETH-Professor Patrick Jenny wie auch sein Kollege von der Fachhochschule Nordwestschweiz Christoph Gossweiler. Aber die Physik beschäftige sich zum Beispiel mit Luftmolekülen (in der Aerodynamik) und die unterschieden sich doch etwas von Autos, die zudem noch von Lenkern mit eigenem Willen gesteuert würden. Jenny meint, man müsste, um ein sauberes Modell zu erhalten, auch den Autofahrer parametrisieren. Da geht es um menschliches Verhalten und betrifft die Psychologie. Ein (zu) weites Feld. Was man relativ gut modellieren könne, sei das Verhalten von hintereinanderfahrenden Autos auf einer Spur. Da erhalte man wellenähnliche Phänomene, wenn es um Beschleunigen und Bremsen geht.

Gewohnheiten: Kaum zu ändern

Professor Peter Spacek vom Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme (IVT) an der ETH Zürich hält die Differenz in der Kapazitätsausnutzung zwischen den USA und Europa für «marginal». Auch in der Schweiz gebe es Frequenzen von mehr als 4000Fahrzeugen pro Stunde. Vor dem Ausbau des Bareggtunnels haben er und seine Mitarbeiter dort auch ein Verkehrsaufkommen auf zwei Spuren von bis zu 4500 Fahrzeugen in der Stunde beobachtet. «Doch das war fast reiner Pendlerverkehr, Lenker mit guten Ortskenntnissen, die aber meist nur etwa mit 1,4Sekunden Abstand fuhren anstatt mit den empfohlenen 2Sekunden.»

Die Physiker und der Verkehrsfachmann treffen sich in einem Punkt: der Sicherheit. «Immerhin geht es darum, ein über Jahrzehnte erlerntes Fahrverhalten zu ändern», sagt Spacek. Solche Veränderungen führen zwangsläufig zu mehr Unfällen. Und zu erwarten ist, dass die schon jetzt hektischere Fahrweise auf europäischen Autobahnen noch hektischer wird. Sodass - was die Professoren nicht sagen, - das kleine Quäntchen mehr Fluss, das die Lizenz zum Rechtsüberholen allenfalls ergäbe, durch mehr Hin und Her und andere Turbulenzen mehr als aufgefressen wird.