Online-Therapie
Rasch mit dem Therapeuten chatten: Online-Psychiater sind auf dem Vormarsch

Die Couch als Sinnbild der Psychotherapie könnte bald ausgedient haben. Denn egal ob Depression oder Panikattacken: Seelischen Beistand findet man heute auch im Internet.

Juliette Irmer
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Selbsthilfeprogramme, Einzel- oder Gruppenchats, E-Mail-Beratungen – die Fülle der Onlineangebote ist enorm. Allein auf der Website www.das-beratungsnetz.de finden sich etwa 300 Offerten zu den unterschiedlichsten Problemen – doch wie gut ist die Lebenshilfe aus dem Netz?

Die kritischen Stimmen sind auf jeden Fall leiser geworden. Viele Studien haben gezeigt, dass die Behandlung von Problemen wie etwa Angststörungen, soziale Phobien oder leichtere Depressionen auch übers Internet klappt – obwohl generell gilt, dass der Erfolg einer Therapie von der Güte der therapeutischen Beziehung abhängt.

Doch diese lässt sich offensichtlich auch online aufbauen. «Studien zeigen, dass Onlinetherapie-Patienten ihre therapeutische Beziehung ebenso positiv einschätzen wie Patienten einer klassischen Therapie, obwohl ein sinnreduzierter, also ausschliesslich schriftlicher und zeitversetzter Kontakt stattfindet», sagt Birgit Wagner von der Universitätsklinik Leipzig, die seit mehreren Jahren die Wirksamkeit von Onlinetherapien erforscht. Gerade die Möglichkeit, anonymer zu bleiben, nehme manchen Patienten die Befangenheit und erhöhe ihre Bereitschaft, offen über sich selbst zu sprechen.

Sprechstunde vom Bett aus

Mit einer Onlinetherapie werden Menschen erreicht, die den Weg zum Psychologen oder Psychiater nicht finden oder wagen. Sei es, weil sie im Ausland leben, Angst vor einem persönlichen Kontakt haben oder nicht mobil sind. «Für Depressive, die es kaum aus dem Bett schaffen, ist die Suche nach einem passenden Therapeuten oft eine unüberwindbare Hürde», sagt Wagner. Ein Pluspunkt der Internetbehandlung ist auch ihre Transparenz. Die mit dem Therapeuten ausgetauschten Texte lassen sich archivieren und bieten dem Patienten damit die Möglichkeit, den Therapieverlauf jederzeit erneut nachzuvollziehen.

Doch wie hoch ist die Bereitschaft der Patienten, die neuen Therapieformen zu nutzen? Laut Wagner erfahren universitäre Studien, etwa zu Essstörungen (www.stop.essanfall.de) oder Angststörungen (www.online-therapy.ch), einen grossen Zulauf. Eine aktuelle Studie der Psychologin Christiane Eichenberg, Expertin für Internettherapien an der Universität Köln, ergab, dass 43,7 Prozent der deutschen Internetnutzer bereit wären, das Netz bei psychischen Problemen in Anspruch zu nehmen.

«Allerdings gilt es zwischen einer Beratung und einer Therapie zu unterscheiden. Für eine Therapie würde die Mehrzahl der Deutschen nach wie vor die klassische Face-to-Face Behandlung vorziehen», so Eichenberg gegenüber der az. Das stimmt mit den Erfahrungen von Herbert Kubat überein, der 2009 eine Schweizer Internetplattform für psychologische Beratung gründete (www.psy-help-online.ch). «Von den etwa 300 Interessenten, die sich registriert haben, haben etwa 60 Sitzungen gebucht», sagt Kubat. In der Regel ginge es aber nur um einige wenige Sitzungen im Rahmen einer ersten Beratung.

SMS-Kontakt mit dem Therapeuten

Als grosse Hilfe im Alltag empfinden Patienten die sogenannten Internet-Brücken: Nach einem Klinikaufenthalt – beispielsweise bei einer Bulimie oder einer Depression – halten sie per E-Mail oder SMS den Kontakt zum Therapeuten. Studien belegen, dass Patienten dadurch weniger Rückfälle erleiden. Onlinetherapien sind dennoch nicht für alle geeignet, da sind sich Experten einig. Patienten mit ernsten psychischen Krankheiten, etwa schweren Depressionen, müssen weiter verwiesen werden. «Auch schwer traumatisierte Patienten sind bei einer klassischen Therapie besser aufgehoben», so Eichenberg. Es sei ein Unterschied, ob ein Patient jahrelang sexuell missbraucht worden sei oder ob jemand Zeuge eines Verkehrsunfalls wurde.

In den Niederlanden und Grossbritannien bezahlen Krankenkassen bereits bestimmte internetgestützte Therapieangebote und sparen damit auch Kosten. In der Schweiz werden Onlinetherapien nicht erstattet. Auch ist es unter Umständen schwierig, einen seriösen Anbieter zu finden. Eichenberg empfiehlt, auf das Qualitätslabel einer bekannten Organisation wie etwa Pro Familia und auf eine hohe Transparenz zu achten.

Noch befinden sich Online-Behandlungen hierzulande im Aufbaustadium. Eichenberg ist aber überzeugt: «Webbasierte Behandlungsangebote werden in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen.»

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