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Rätselhafte Anschlagspläne auf Bundeshaus: Als Anarchismus der Staatsfeind Nummer eins war

Anschlagspläne auf das Bundeshaus: Mehr als nur ein Gerücht?

Anschlagspläne auf das Bundeshaus: Mehr als nur ein Gerücht?

Vor 130 Jahren tauchten rätselhafte Anschlagspläne auf. Ziel war das Bundeshaus. Das gab ein Häftling preis. Mehr konnte er nicht erzählen, weil er sich kurz darauf das Leben nahm.

Heute stehen die Anarchisten für Staatsschützer nicht zuoberst auf der Prioritätenliste. Das war zur Anfangszeit des Schweizer Bundesstaates anders. Die Angst vor den Anarchisten gipfelte im Juni 1885, als ein Gerücht die Runde machte. Anarchisten hätten sich verschworen, um das Bundeshaus in die Luft zu jagen.

So hatte es ein deutscher Coiffeur und angeblich selbst Anarchist der Polizei geschildert. Genauere Angaben konnte er nicht mehr machen. Er nahm sich in der Untersuchungshaft das Leben. Der Bund reagierte, wie er heute noch auf Probleme reagiert. Er liess einen Bericht schreiben. Beweise für tatsächliche Anschlagspläne gegen das Bundeshaus konnte der eingesetzte Sonderstaatsanwalt Eduard Müller nicht finden. Trotzdem hatte sein Bericht Folgen. Müller bemängelte die rechtlichen Grundlagen für den Umgang mit Umstürzlern. Es war damals zwar verboten, gegen fremde Staaten zu agitieren. Im Visier waren politische Flüchtlinge zum Beispiel aus Deutschland. Aufruhr gegen den eigenen Staat war schwieriger zu handhaben. Müller regte eine «Centralstelle» an, um die Informationen über Umstürzler in den Kantonen zu sammeln.

Das Anliegen war politisch umstritten. Als 1888 ein Kreisschreiben an die Kantonspolizeien publik wurde mit der Anweisung, staatskritische Versammlungen und Zeitungen zu überwachen, kam es zu einem Skandal. Die Sozialdemokraten, die im gleichen Jahr eine Partei gründeten, schäumten vor Wut. Die Schweiz kam international unter Druck. Reichskanzler Otto von Bismarck sah es gar nicht gerne, dass deutsche Sozialisten, die er verfolgte, in die Eidgenossenschaft auswichen. In den 1880er-Jahren flogen deutsche Polizeispitzel auf. Sie hatten die Szene der Sozialisten unterwandert und versuchten, als Agents Provocateurs gar Sprengstoff unter die Leute zu bringen.

Statt sich für den diplomatischen Eklat zu entschuldigen, wetterte Bismarck gegen die Schweiz. Die Spitzel seien nötig wegen der largen Haltung der Schweiz gegenüber den «subversiven Elementen».

Mord in Genf

Der Druck auf die Eidgenossenschaft sollte noch mehr steigen, als der italienische Hilfsarbeiter Luigi Luccheni am 10. September 1898 Sisi, der Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, eine angespitzte Feile in die Brust rammte. Die Magistratin starb kurz darauf. Mörder Luccheni berief sich vor Gericht auf den russischen Anarchisten Bakunin, der ebenfalls eine Zeit lang in der Schweiz gelebt hatte.

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte der Bundesrat die Schaffung einer Bundespolizei schon beschlossen. Ein Referendum der Sozialdemokraten kam wegen fehlender Unterschriften nicht zustande. Und dies, obwohl in den Kantonen Vorbehalte für eine zentralistische Polizei bestanden.

Auf dem Radar hatten die Bundespolizei und die politischen Abteilungen der Kantons- und Stadtpolizeien fortan vor allem Sozialisten, die aber in den Fichen oft als Anarchisten umschrieben wurden. Ab den 1940er-Jahren tauchen auch Rechte in den Akten auf: Fröntler und Faschisten.

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