Die Strasse auf der Insel Äspö führt durch dichten Wald, entlang eines alten Kuhpfades. Die kurvige Fahrt endet bei einem stattlichen Landhaus mit dunkelroten Holzwänden und weissen Balken. Die Idylle ist perfekt. Und doch wohnt hier keine schwedische Grossfamilie.

Einen halben Kilometer unter dem vermeintlichen Landhaus planen Wissenschafter in einem Felslabor eines der ersten Endlager der Welt für hoch radioaktive Abfälle. Schweden wird nach Finnland das zweite Land sein, das ein geologisches Tiefenlager für abgebrannte Brennelemente in Betrieb nimmt. 2029 soll es so weit sein.

Bis dann müssen die Forscher der Entsorgungsgesellschaft SKB Pionierarbeit leisten: Wie garantiert man, dass die zylinderförmigen Kupferkanister mit dem hochgefährlichen Abfall nicht nach einigen tausend Jahren zerbröckeln? Sollen die Behälter stehend oder liegend vergraben werden? Welche Gesteinsschichten eignen sich am besten? Alles Fragen, die beantwortet werden müssen. Der radioaktive Müll soll für mindestens 100 000 Jahre sicher sein.

«Grösstes Umweltprojekt»

Die PR-Fachleute bei SKB gaben dem Endlager-Vorhaben den fantasievollen Titel «eines der grössten Umweltschutzprojekte Schwedens». Als ausländischer Besucher im idyllischen Landhaus auf Äspö erhält man schnell einmal den Eindruck, die Schweden seien im Reinen mit der Atomkraft und deren Abfällen. Doch so einfach ist es nicht. In einer Umfrage der Tageszeitung «Göteborgs-Posten» sprachen sich nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011 fast zwei Drittel der Befragten gegen den Neubau von Atomkraftwerken aus.

Glück für die Entsorgungsgesellschaft: Am geplanten Standort des Endlagers in Östhammar, einige hundert Kilometer nördlich von Äspö, stehen bereits drei Atomreaktoren. Die Bevölkerung ist die Nähe zur Radioaktivität gewohnt, eine allfällige Volksabstimmung sollte zu gewinnen sein. Läuft alles nach Plan, kann SKB 2019 mit dem Bau beginnen.

Für die Schweizer Kollegen von der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) ist Schweden ein kleines Paradies. Zwar kann die lokale Bevölkerung in der Schweiz ein Tiefenlager nicht wie die Bewohner von Östhammar verhindern. Dennoch hinkt die Nagra und mit ihr das ganze Land hinterher. Bei der Suche nach einem Endlagerstandort kommt es immer wieder zu Verzögerungen, einzelne Verfahrensschritte nehmen oft mehrere Jahre in Anspruch. Momentan ist weder an ein Baugesuch, geschweige denn an den Baubeginn zu denken.

Laut dem Bundesamt für Energie kann das Schweizer Tiefenlager für hochaktive Abfälle frühestens 2060 in Betrieb gehen: drei Jahrzehnte nach den Schweden und fast vier Jahrzehnte nach den Finnen. Solange bleiben die abgebrannten Brennelemente im Zwischenlager in Würenlingen AG an der Oberfläche. Ein Zustand, der laut Fachleuten weit gefährlicher ist als eine Lagerung in Hunderten Meter Tiefe.

Eindeutiges Ja zum Endlager

In Finnland baut die Entsorgungsgesellschaft Posiva auf der Insel Olkiluoto seit 2004 am weltweit ersten Endlager für hoch radioaktive Abfälle. Fassungsvermögen: 9000 Tonnen. Das finnische Parlament bewilligte das Projekt mit dem Namen «Onkalo» 2001 fast einstimmig mit 159 zu 3 Stimmen. Der Zugangsstollen ist gebaut, das Felslabor auch. Zurzeit wartet Posiva auf die Baubewilligung für den unterirdischen Ausbau. Das O. K. der Regierung ist nur noch Formsache, wie es heisst. Ab 2022 wollen die Finnen die ersten hochaktiven Brennelemente für die nächsten 100 000 Jahre einlagern.

Noch mehr Vorsprung auf die Schweizer haben die Skandinavier im Umgang mit weniger stark strahlenden Betriebsabfällen. Radioaktiv kontaminierte Schutzkleidung, Werkzeuge oder Abdeckplanen gehen in Finnland seit 1992 in ein Endlager für schwach und mittelaktive Abfälle, in Schweden seit 1988. Die Schweiz wird dafür mehr als ein halbes Jahrhundert länger benötigen. Eigentlich wollte die Nagra am Wellenberg in Nidwalden ein Lager für schwach- und mittelaktive Abfälle errichten. Aber das Stimmvolk sagte 1995 und 2002 Nein zu einem Sondierstollen. Als Konsequenz strichen National- und Ständerat das kantonale Vetorecht aus dem Kernenergiegesetz. Die Standortsuche ist damit aber nicht effizienter geworden – im Gegenteil. Erst im Frühling musste das Bundesamt für Energie zähneknirschend eine Verdoppelung der Verfahrensdauer bekannt geben.

Mit verschlossenen Augen

Warum hinkt die Schweiz den Finnen und den Schweden um Jahrzehnte hinterher? Technologisch sind die Skandinavier der Eidgenossenschaft nicht überlegen. Auch finanziell ist die Ausgangslage ähnlich. Die drei Länder decken die Kosten für Stilllegung und Entsorgung über einen Zuschlag auf dem Strompreis.

Der Untergrund ist entscheidend: In der kleinräumigen Schweiz eignet sich der Boden längst nicht überall für den Bau eines Endlagers. Finnland und Schweden hingegen können ihren hoch radioaktiven Abfall dort vergraben, wo bereits Atomkraftwerke stehen und der Widerstand klein ist.

Ein unter finnischen Entsorgungsspezialisten beliebter Witz bringt es auf den Punkt: In Skandinavien kann man mit verschlossenen Augen einen Pfeil auf die Landkarte schiessen und der geeignetste Standort für ein nukleares Endlager ist gefunden.

Diese Reportage entstand im Rahmen einer vom Nuklearforum Schweiz organisierten und finanzierten Pressereise.