Die Sterbehilfeorganisation Exit ist grösser als die zweitgrösste Partei der Schweiz. Im vergangenen Jahr hat sie mit den Mitgliederzahlen die Grenze von 100'000 geknackt und damit die CVP überholt. Am Samstag führt der Verein die grösste Generalversammlung (GV) seiner 35-jährigen Geschichte durch. Sie findet nicht mehr in einem Hotelsaal statt, sondern erstmals im Zürcher Volkshaus. Erwartet werden bis zu tausend Mitglieder.

Es kommt zu einem Showdown. Die Non-Profit-Organisation trägt einen Flügelkampf aus wie eine Bundesratspartei: die Radikalen gegen die Gemässigten. Eine Gruppe von über 70-Jährigen ist unzufrieden mit dem Kurs des Vorstands. Aus Sicht der Alten sind die Jüngeren zu wenig progressiv. Die Senioren sind enttäuscht, dass der Vorstand ein 2014 in den Statuten verankertes Ziel nicht stärker verfolgt: das Engagement für den sogenannten Altersfreitod. Konkret fordert das Komitee, dass künftig nicht nur Ärzte das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital abgeben dürfen. Davon profitieren sollen Senioren über 75, die genug vom Leben haben, obwohl sie nicht an einer tödlichen Krankheit leiden.

Die progressiven Alten

An die Öffentlichkeit getreten ist bisher nur der Zürcher Anwalt Klaus Hotz. Der 74-Jährige ist langjähriges Exit-Mitglied und hält die Namen seiner Mitstreiter geheim. Er bestätigt nur: «Ja, das Komitee besteht vor allem aus alten Männern, aber alle sind noch rüstig.» Erst an der GV will er die Mitglieder bekannt geben. Recherchen zeigen jetzt schon, wer dazugehört: Zwei ehemalige Exit-Präsidenten, Hans Wehrli (77), alt Stadtrat der Zürcher FDP, und Werner Kriesi (85), der unter anderem SVP-Ständerat This Jenny in den Tod begleitet hat. Hinzu kommen Regisseur Rolf Lyssy (81), Historiker Kurt R. Spillmann (80), die ehemalige Swissair-Sprecherin Beatrice Tschanz (73), der pensionierte Pfarrer Walter Fesenbeckh (76) sowie der ehemalige stellvertretende Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» Thomas Biland (74).
Lyssy drehte im vergangenen Jahr eine Komödie zum Thema. Der Film «Die letzte Pointe» kommt im Herbst in die Kinos. Auf Anfrage erklärt er sein Engagement im Komitee für einen liberalen Altersfreitod: «Altersmüden Menschen werden zu viele Steine in den Weg gelegt.» Und ihre Angehörigen gerieten in unwürdige Situationen, wenn sie nach einem Suizid mit Fragen der Staatsanwaltschaft konfrontiert würden.

Das Komitee stösst vor allem auf Widerstand, weil es eine rezeptfreie Abgabe des Sterbemittels fordert. Lyssy relativiert: «Der Arzt wird bei der Vorbereitung zum begleiteten Freitod immer eine wichtige Rolle spielen. Wenn wir eine erleichterte Abgabe für Betagte fordern, dann heisst das noch lange nicht, dass jedermann das Medikament abgeben darf.»
Der Regisseur sitzt, wie Biland, Spillmann und Tschanz, im Patronatskomitee von Exit einer Gruppe von 21 Prominenten, die ihre Gesichter den PR-Kampagnen von Exit leihen. Mit dem Altersfreitod-Komitee machen sie nun allerdings PR, die vom aktuellen Vorstand nicht gewünscht ist.

Gibt es gesunde 90-Jährige?

An der GV wird auch Erika Preisig (60) teilnehmen, die mit Eternal Spirit eine eigene Sterbehilfeorganisation aufgebaut hat. Sie sagt zum Konflikt: «Die alten Kämpfer von Exit setzten den Vorstand massiv unter Druck, dass das Thema an der GV behandelt wird.» Die Gründungsmitglieder von Exit, die inzwischen alle über 70 seien, wollten selber über ihren Abgang bestimmen. Die neue Generation habe hingegen Angst, dass eine weitere Liberalisierung schlecht für das Image der Freitodbegleitung sein könnte. Sie sagt: «Es ist ein Generationenkonflikt, weil sich die Jungen nicht vorstellen können, wie es ist, über 80 zu sein.»

Generell findet Preisig, es sei eine Anmassung, wenn ein 45-Jähriger einem 85-Jährigen verbieten wolle, zu sterben: «Er soll zuerst selber so alt werden. Wir Junge müssen lernen, den Wunsch der Alten zu respektieren.» Dazu gehört aus ihrer Sicht ein Umdenken: «Was viele Junge nicht verstehen: Gesunde 85-jährige oder 90-jährige Senioren gibt es nicht. In diesem Alter leidet man an einem Sammelsurium von Krankheiten.» Exit-Sprecher Jürg Wiler widerspricht: «Es gibt durchaus 90-Jährige, die sich gesund fühlen.»

Exit führt jede vierte Freitodbegleitung wegen Polymorbidität durch. Wiler folgert daraus: «Schon heute genügt eine Vielzahl von Altersgebrechen – die alle für sich allein zwar nicht tödlich sind, aber insgesamt für den betroffenen Menschen die Lebensqualität unzumutbar beeinträchtigen – für eine Freitodbegleitung mit Exit.» Mit derartigen Argumenten wird der Exit-Vorstand um Präsidentin Saskia Frei (60) im Volkshaus versuchen, einen Kompromiss zwischen den Parteiflügeln zu finden.