«Der Geist kann Russland nicht erfassen. An Russland kann man nur glauben. Wenn du daran glaubst, wirst du es verstehen. Und dann wird du es lieben.»

Dieser Gedanke übertitelt den Twitter-Account von Marcel Sardo. Die russische Flagge weht daneben. Das Profilbild zeigt Juri Gagarin, den ersten Menschen im Weltall.

Im Kurzbeschrieb betitelt Sardo sich als «Pro-Russia Media-Sniper», als prorussischen Medienscharfschützen also.

Sardo ist sehr aktiv auf dem Kurznachrichtendienst. Er zeigt Bilder von Opfern der ukrainischen Armee, lädt Videos von Augenzeugen hoch, kommentiert Schlagzeilen von Medien und analysiert auch Geschehnisse, wie den Flugzeugabsturz der MH17 in der Ostukraine.

Beinahe 13 000 Tweets hat er verfasst. Wirklich aktiv wurde er, als er sich von der Kritik an Olympia in Sotschi angestachelt fühlte – also Anfang Jahr.

Tweets von Marcel Sardo

Nun schreibt er grösstenteils zum Konflikt in der Ostukraine, beobachtet aber auch die Geschehnisse in Gaza. Seines prorussischen Engagements wegen wird er von der Schweizer Presse als «Schweizer-Russland-Troll» bezeichnet. Den «Russland-Trollen» wird nachgesagt, dass sie direkt vom Kreml finanziell unterstützt und gezielt für Propagandazwecke gegen den Westen eingesetzt werden.

«Vom Vorwurf, man sei ein Troll und sei bezahlt, halte ich gar nichts», sagt Sardo. Er hält es für erbärmlich, dass man seinesgleichen Verknüpfungen zur russischen Regierung andichtet.

Von Solothurn nach Zürich

Dennoch: Russischer könnte sein Twitter-Auftritt nicht sein. Auf dem Papier ist Sardo aber Schweizer und Wurzeln in Russland hat er auch keine. Er ist in Grenchen im Kanton Solothurn als Sohn italienischer Eltern geboren und aufgewachsen.

Mit 20 Jahren zog es ihn dann nach Zürich, weil er in den Medien arbeiten wollte. Er sammelte Erfahrung beim Fernsehen, in der Werbung und auf Zeitungsredaktionen. Vom Solothurner Dialekt ist nichts mehr übrig. Zürich hat ihn verschwinden lassen.

Heute ist Sardo «Medienproduzent» wie er sich selber nennt, hat sich selbstständig gemacht und erstellt Produkte für Film, Fernsehen, Internet, Mobiltelefonie. Er liest sehr viele Nachrichten, beteiligt sich an Leserforen und eben – er twittert. Zum Begriff «Media-Sniper» sagt Sardo: «Ich beobachte die Medien, und wenn ich etwas Relevantes sehe, stürze ich mich darauf.»

Tweets von Marcel Sardo

Wieso aber diese Überzeugung, pro-russisch zu twittern? Das Land besucht er zum ersten Mal 2006 – eine Woche lang ist er in Moskau. Im Folgejahr ist er erneut dort. Seine im Internet gemietete Wohnung für den Trip stellt sich aber als Bruchbude heraus. Sardo steht auf der Strasse. Eine Kollegin vor Ort gibt ihm eine Adresse für eine Unterkunft.

Ohne russisch zu sprechen (er lernt immer noch), schlägt sich Sardo in der Grossstadt durch. Danach vergehen zwei Jahre. Ein gutes Geschäftsprojekt ermöglicht es Sardo, eine Weltreise zu unternehmen. Zurück in der Schweiz fällt er jedoch in ein Loch. Er besucht einen Kollegen in Finnlands Hauptstadt Helsinki, reist dann aber noch nach Moskau weiter. Auf dem Rückweg macht er Halt in St. Petersburg. Als er dort am zweiten Tag frühmorgens durch das Gässchen «Uliza Rubinseyna» geht, ist es um ihn geschehen. «Ich hatte das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein», erzählt Sardo. Ein Jahr bleibt er in St. Peterburg.

Lockerheit der Personen kommt ihm vertraut vor

Wenn Sardo von Russland redet, spürt sein Gegenüber die Überzeugung für dieses Land. Er sagt selber: «Ich habe einen Schweizer Pass, im Herzen bin ich aber ein Russe geworden.» Er spüre eine Nähe zur dieser Gesellschaft. Die Strukturen und die Lockerheit der Personen würden ihm vertraut vorkommen. Aber auch für die klaren Familienstrukturen habe er Sympathien. Vom Geschichts- und Traditionsbewusstsein der Russen ist er angetan. «Bei uns wird dies weniger gelebt», sagt Sardo. Nur voll des Lobes ist er aber auch nicht. In Russland gebe es Korruption. Sie sei eine Krankheit, werde aber bekämpft – gerade von Putin. Das würden die Russen an ihm schätzen. «Putin hat eine gewisse Ordnung in das Chaos der Neunzigerjahre gebracht», sagt Sardo. Über den Zynismus, den Putin nun an den Tag legt, verliert er aber kein Wort.

Tweets von Marcel Sardo

News von der «anderen Seite»

Für Putin kämpft Sardo nun blindlings – auf Twitter. «Der Twitterkrieg zwischen der prorussischen und pro-ukrainischen Seite findet statt», sagt er.

Zu seiner prorussischen Truppe zählt er 15 Personen. Persönlich kennt er eine Person, weil sie in Zürich lebt, mit zehn ist er über E-Mail und Skype in Kontakt. «Wir tauschen uns aus, updaten und kontrollieren uns gegenseitig.» Derzeit suchen sie Freiwillige, die übersetzen. Denn Follower vor Ort in der Ostukraine, würden sehr viele «News» generieren. Die übersetzten Nachrichten und Videos wollen sie auf einen Blog stellen. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Nachrichten von der ‹anderen Seite› zu verbreiten», sagt er. Falschinformationen seien dies sicherlich nicht.

Auf die Frage, was seine Mitstreiter denn eint, sagt Sardo: «Es sind Menschen, die nicht in einer unipolaren Welt leben möchten, in der eine Regierung – die der USA – kraft ihres verlängerten Armes der Nato die Welt beherrscht.»

Russland mit Putin sei da, um einen Gegenpol zu setzen. Ziel der etablierten Medien sei es, Russland zu destabilisieren.

Sardos Motivation ist es, dass er sich für ein Land einsetzen kann, das er lieben gelernt habe. «Ich bin Bürger dieser Welt und ich schulde es den Opfern dieses Konflikts.»