Man spricht von «Putin-Gate» im Umfeld des Schweizer Nachrichtendiensts. Ein Mitarbeiter des Schweizer Nachrichtendienstes (NDB), zuständig für Oststaaten und namentlich Russland, habe an einer Konferenz in Moskau eine Russin kennen gelernt. Der Mann habe sich in die Frau verliebt, sie seien ein Verhältnis eingegangen.

Die Rede ist davon, dass die Frau von den Russen auf den Mitarbeiter des Schweizer Auslanddienstes angesetzt worden war. Jedenfalls, so erzählt man sich in Bern , habe der NDB unter Direktor Markus Seiler den Mitarbeiter wegen der Affäre entlassen.

Fragen an den Nachrichtendienst des Bundes: «Können Sie diesen Sachverhalt bestätigen beziehungsweise präzisieren, wie der Fall aus Ihrer Sicht liegt? Trifft es zu, dass die Frau mit Absicht auf den NDB-Mitarbeiter angesetzt worden ist?» Die NDB-Verantwortlichen dementieren den Vorfall nicht. Sie hüllen sich in Schweigen: «Der NDB gibt dazu keinerlei Kommentare ab», teilt NDB-Chefsprecherin Isabelle Graber kurz angebunden per E-Mail mit.

Liess Putin eine Agentin auf den Schweizer Schlapphut ansetzen? Einige Beobachter im Geheimdienst-Milieu mutmassen, der Nachrichtendienst um Direktor Seiler habe aus Angst vor den Russen überreagiert: Es könne sich durchaus um eine harmlose Liebesbeziehung gehandelt haben. Eine Version, die dem Vernehmen nach auch der betroffene Mitarbeiter vertritt.

Sicher ist, dass die Russen sehr aktiv sind in der Schweiz, was Spionage aller Art betrifft. Zwar sprachen in den letzten Jahren angesichts der NSA-Affäre und Edward Snowden alle von den Amerikanern, die ihre europäischen «Freunde» nach allen Regeln der Kunst und mit allen Mitteln ausspähen. Aber immer wieder betonten Eingeweihte im vertraulichen Gespräch, dass vor Ort in der Schweiz andere Staaten noch weit aktiver sind in Sachen Spionage: Die Rede ist namentlich von den Russen und den Chinesen, aber auch vom israelischen Geheimdienst Mossad.

Seit Russland wegen der Ukraine-Annexion mit der halben Welt und Europa über Kreuz liegt, sollen die heimlichen Aktivitäten der Russen im Westen zugenommen haben.

Im Lagebericht 2015 sprach der NDB davon, dass sich die Lage zuspitze: «Eine 25 Jahre dauernde Ära, in der sich in Europa zwischenstaatliche Konflikte zurückbildeten, ist zu Ende gegangen. Die neue Ära wird aller Wahrscheinlichkeit nach durch eine lang anhaltende strategische Konfrontation zwischen dem Westen und Russland auf politischer, wirtschaftlicher und militärischer Ebene gekennzeichnet sein.»

Beispielsweise in Deutschland wurde in den letzten Jahren eine deutlich vermehrte Spionagetätigkeit der Russen registriert. «Deutsche Sicherheitskreise stellen in jüngster Zeit eine Zunahme russischer Spionagetätigkeit fest», notierte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» letztes Jahr. Neben den legalen Mitarbeitern des Nachrichtendienstes seien Spione rege aktiv: «Als Diplomaten getarnt oder Agenten, die mit einer bürgerlichen Legende als Russen oder gar als ‹Inländer› in ihrem jeweiligen Einsatzgebiet leben.»

So oder so: Russinnen sind für Schweizer Bundesangestellte, die sich im Sicherheitsbereich betätigen, ein gefährlicher Umgang. 2011 verlor der Chef der Bundeskriminalpolizei, Michael Perler, seinen Posten. Er war zum Sicherheitsrisiko geworden, weil er seine damalige Freundin, eine Russin, auf eine Geschäftsreise nach St. Petersburg mitgenommen hatte.