Zweiter Weltkrieg

Putin entschuldigt sich nicht

Der polnische Premierminister Donald Tusk, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Premierminister Wladimir Putin.

Putin

Der polnische Premierminister Donald Tusk, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Premierminister Wladimir Putin.

Die mit Spannung erwartete Rede Putins zum Gedenken an den Zweiten Weltkrieg enthielt keine Entschuldigung für den Hitler-Stalin-Pakt.

Paul Flückiger, Danzig

Standfest, als gebe es die Sowjetunion immer noch, verteidigte Wladimir Putin den Hitler-Stalin-Pakt auf der Danzig vorgelagerten Halbinsel Westerplatte als notwendiges Übel und Konsequenz der politischen Entwicklung der 1930er-Jahre. Der Pakt sei «unmoralisch» gewesen, räumte Putin immerhin ein.

Der Sowjetunion sei allerdings nach der Beschwichtigungspolitik von Paris und London kein anderer Ausweg geblieben. «Russland ist sich dieses Fehlers bewusst», versicherte Putin und forderte Gleiches von andern Staaten, die damals mit Hitler kollaborierten.

Der russische Premier rechnete genau vor, wie viele Rotarmisten bei der Befreiung Polens vom Faschismus umgekommen waren und hier ihre letzte Ruhestätte fanden. Der geplante Besuch eines sowjetischen Soldatenfriedhofs fiel dem gedrängten Programm Putins, der auch die ukrainische Amtskollegin Julia Timoschenko zu Gesprächen traf, zum Opfer.

«Verneige mich vor den Opfern»

«Es gibt keine Worte, die das Leid beschreiben können», hatte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel als Putins Vorrednerin gesagt, «ich verneige mich vor den Opfern.» Unter dem Sockel des 25 Meter hohen Mahnmales mit der Aufschrift «Nie wieder Krieg» hatte sie sich klar und unmissverständlich zur deutschen Verantwortung für den Weltkrieg bekannt.

Besonders hob Merkel die Ermordung von rund sechs Millionen Juden hervor. Polen sei das im Zweiten Weltkrieg am längsten besetzte Land gewesen, sagte Merkel, und die Gründung der freien Gewerkschaft Solidarnosc in Danzig habe den Weg zum Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung geebnet. Deutschland habe sich deshalb besonders verantwortlich gefühlt, Warschau den Weg in die Nato und die EU zu ebnen.

Kaczynski entschuldigt sich

Polens Präsident Lech Kaczynski, der frühmorgens vor Veteranen das Massaker an rund 20 000 polnischen Offizieren von Katyn (1940) mit dem Holocaust verglichen hatte, gab sich bei der Eröffnung der internationalen Feiern etwas vorsichtiger.

Wie tags zuvor in einem in der polnischen Zeitung «Gazeta Wyborcza» publizierten offenen Brief Putins an das polnische Volk gefordert, entschuldigte sich Kaczynski auf der Westerplatte überraschend für die polnische Annexion von zwei nordtschechischen Verwaltungsbezirken im Jahre 1938. Putin hatte Polen vorgeworfen, sich damit an der in München von den Westmächten sanktionierten Zerteilung der Tschechoslowakei mitbeteiligt zu haben.

Putins Brief vermochte allerdings nicht, die angespannte Stimmung im Vorfeld der Gedenkfeiern auf der Westerplatte zu besänftigen, sondern reizte diese noch mehr.

Dies zeigte sich besonders während eines Pressetermins im Anschluss an bilaterale Gespräche zwischen Putin und dem polnischen Regierungschef Donald Tusk in Sopot. Putin erinnerte vor der Presse einsilbig an die Kriegsopfer, sprach aber vor allem über die polnisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Tusk wiederum betonte, nur über die Aufarbeitung der schmerzhaften Geschichte sei eine bessere Zukunft zwischen Moskau und Warschau möglich. «Es ist doch absurd, dass die polnisch-deutschen Beziehungen besser sind als die polnisch-russischen», bemerkte Tusk.

Mit keinem Wort erwähnte der angespannt wirkende Putin das Massaker von Katyn und die von Polen seit 20 Jahren geforderte Archivöffnung dazu. Jahrzehntelang war das Massaker von den Sowjets den Nazis angelastet worden.

Gemeinsame Forschung

Immerhin kamen die beiden Regierungschefs in Sopot überein, eine Empfehlung des polnisch-russischen «Ausschusses für schwierige Angelegenheiten» umzusetzen und in beiden Hauptstädten ein Russisch-Polnisches Historisches Institut zu eröffnen, das unter anderem über Katyn forschen soll. Dabei seien, wie Tusk betonte, verschiedene historische Interpretationen durchaus möglich, doch müsse der gemeinsame Wille vorhanden sein, die Quellen zu studieren und zur Wahrheit vorzustossen.

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