Samuel Thomi

«Hauptsache ich!? - Schule zwischen Individualität und Gemeinwohl». Zu diesem Motto fand gestern in Bern der alle zwei Jahre stattfindende Berner Lehrertag statt. Mehrere tausend Lehrpersonen aus dem Kanton folgten der Einladung der Gewerkschaft Lehrerinnen und Lehrer Bern (LEBE) in die Festhalle. Dort stand schliesslich auch nicht nur Bildung im engeren Sinne im Zentrum der Beiträge und Diskussionen.

Aus der Optik von Gastreferent Matthias Gawriloff, dem neuen Direktor des Berner Symphonieorchesters, ist der Umgang mit Diven etwa «gar nicht so problematisch: Denn die Probleme haben die Diven selber». Übertragen auf seine Funktion bedeute das: «Konfrontieren Sie die Diven mit der Wahrheit. Dann beginnen sie zu funktionieren.» Dazu zeigte er ein Video mit der Aufnahme eines Kinderchores, wobei ein Junge übereifrig aus der Reihe tanzt: «Diven katapultieren uns in höhere Sphären, das ist nicht nur in der Musik so», kommentierte Gawriloff. Er betonte aber auch: «Ohne Diven kommen wir in der Musik nicht aus, denn sie sind unsere Exzellenz.» Das könne man, wenn man so wolle, «in geeigneter Form auch auf die Schule übertragen».

Frühzeitige Wiederwahlempfehlung

Vor drei Jahren mit Vorschusslorbeeren gesegnet, bilanzierte LEBE-Präsident Martin Gatti: «Wir hoffen, dass Sie in einem Jahr wiedergewählt werden.» Diese doch unerwartet früh für Bernhard Pulver ausgesprochene Wiederwahlempfehlung täuschte darüber hinweg, dass das Lehrpersonal mit seinem obersten Chef nicht alles Heu auf derselben Bühne hat (vgl. Kasten rechts). So konterte der Bildungsdirektor: «Für mich stehen Sie im Zentrum. Sie sind das wirkliche Potenzial der Schule.» Klar lese auch er aus der verabschiedeten Resolution «Besorgnis» heraus; «das verstehe ich persönlich». Er mahnte aber, die aktuelle Regierung habe «einiges für Verbesserungen im Bildungsbereich getan.» Vieles dauere halt an - oder, «noch schlimmer» - könne wegen der Wirtschaftskrise «so, wie wir das eigentlich planten, gar nicht umgesetzt werden».

Pulver bat um Verständnis dafür; aber auch, dass die Lehrer bei der Umsetzung des interkantonalen Fremdsprachenkonzepts «Passepartout» mitmachen würden. «Verzögern wir dessen Umsetzung, machen wir genau das, was man uns vorwirft - eine unzuverlässige Hüst-und-Hot-Politik.» Er halte daher an der Umsetzung 2011 fest. Definitiv entscheiden wird der Grosse Rat. Schliesslich kommentierte Pulver, dass er «wenn schon Vorbehalte gegenüber Harmos, dann ob der zu erreichenden Standards» jeweils am Ende der 3., 6. und 9. Klasse habe. Es sei zudem «ein starkes Stück», kritisierte er, wenn im bevorstehenden Referendums-Abstimmungskampf mit weinenden Kindern gegen den zweijährigen Kindergarten polemisiert werde: «Wegen unserer Schule muss niemand weinen.» Dafür erntete er tosenden Applaus.