Migration aus Eritrea
Psychiaterin über Eritreer: «Die Integration überfordert viele»

Psychiaterin Fana Asefaw betreut viele Migranten aus dem ostafrikanischen Land Eritrea. Im Interview sagt sie, wie deren Integration gelinge.

Dominic Wirth
Merken
Drucken
Teilen
Fana Asefaw ist Psychiaterin in Winterthur und kann einen Einblick geben in das Seelenleben der Flüchtlinge aus Eritrea.

Fana Asefaw ist Psychiaterin in Winterthur und kann einen Einblick geben in das Seelenleben der Flüchtlinge aus Eritrea.

Bildquellen: Daniel Kellenberger/Sandra Ardizzone

Der Ort, an dem die Nöte der eritreischen Diaspora greifbar werden, ist mit Holzparkett ausgelegt. Fana Asefaw betreut in ihrem Büro in Winterthur fast jeden Tag Flüchtlinge aus dem Land, aus dem Anfang der Achtzigerjahre auch ihre Eltern nach Deutschland flohen. Die Mittvierzigerin ist Kinder- und Jugendpsychiaterin in einer Privatklinik. Und sie kann einen Einblick geben in das Seelenleben der Flüchtlinge aus Eritrea. 38 000 von ihnen leben in der Schweiz, und ein grosser Teil tut sich schwer mit der Integration, ist sozialhilfeabhängig. Das hat zu politischem Druck geführt.

Fana Asefaw, die eritreische Diaspora ist in den letzten Jahren stark gewachsen, doch richtig angekommen scheint sie noch nicht bei uns. Wie beurteilen Sie das?

Fana Asefaw: Es gibt einige, denen die Integration gelingt. Doch: Die meisten Eritreer sind immer noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Schweiz. Ich erlebe viele der Geflüchteten als verloren und orientierungslos.

Woran liegt das?

Das sind junge Leute, die ohne konkreten Plan in die Schweiz fliehen, aber mit Vorstellungen, die wenig mit der Realität zu tun haben – etwa bezüglich der Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Und sie kommen oft mit einer hohen Verletzlichkeit; verletzt durch die Zeit in der Heimat, aber auch die schlimmen Erlebnisse auf der Flucht.

Teillohn für Flüchtlinge

Bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen gibt es Luft nach oben. Das zeigt etwa die Erwerbsquote von Personen aus Eritrea, dem seit Jahren wichtigsten Herkunftsland. Gemäss dem Leiter des Staatssekretariats für Migration (SEM), Mario Gattiker, wären aber sieben von zehn Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen «ausbildungs- und arbeitsmarktfähig» und hoch motiviert. Laut einem gestern veröffentlichten Bericht im Auftrag des SEM nennen Arbeitgeber neben mangelnden Sprachkenntnissen und Qualifikationen unter anderem die Unsicherheit bezüglich Anstellungsbedingungen, den Aufwand für die Rekrutierung und die Betreuung sowie die starren Lohnbedingungen als Hindernisse. Abhilfe könnte eine Internetplattform schaffen, auf der Firmen Leitfäden sowie Listen mit kantonalen Ansprechpersonen finden. Tobias Bär

Das wirft kein gutes Licht auf den Integrationsprozess in der Schweiz.

Ich glaube, dass im Moment viele Ressourcen nicht zielführend eingesetzt werden. Es gibt zwar Fachpersonen, die sehr engagiert sind. Doch das System ist nicht richtig ausgerichtet. Ich höre von Flüchtlingsbeiständen, die mir erzählen, ihr Schützling komme nur, wenn er Geld brauche. Wir müssen andere Anreize setzen.

Integration kann aber nicht nur auf Anreizen basieren. Gefragt ist auch Eigeninitiative.

Natürlich. Aber die Bedingungen müssen machbar sein. Der Integrationsprozess überfordert viele.

Welche Massnahmen braucht es?

Das eine sind die klaren Bedingungen. Dazu braucht es Brückenbauer, die übersetzen, die klarmachen, welche Werte wichtig sind in der Schweiz. Eritreer brauchen jemanden, der sie an der Hand nimmt.

Die Schweiz hat den Umgang mit eritreischen Flüchtlingen zuletzt verschärft. Welche Spuren hinterlässt das in der Diaspora?

Das schürt viele Ängste, und auch hier zeigen sich die kulturellen Barrieren. Wer einen Brief vom Amt erhält, weil etwa seine vorläufige Aufnahme überprüft wird, gerät in Panik.