Gewalttaten
Prügeleien immer brutaler: «Schläger nehmen alles in Kauf»

Eine neue Studie am Berner Inselspital zeigt, dass heute bei tätlichen Auseinandersetzungen immer heftiger zugeschlagen wird. Deshalb hat auch die Schwere der Kopfverletzungen bei Prügel-Opfern zugenommen.

Beat Leuenberger
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Nicht häufiger, aber heftiger: Auch wenn das Opfer wehrlos am Boden liegt, wird zugeschlagen.ho

Nicht häufiger, aber heftiger: Auch wenn das Opfer wehrlos am Boden liegt, wird zugeschlagen.ho

«Wer seinen Gegner, der wehrlos am Boden liegt, mit Anlauf gegen den Kopf tritt, nimmt in Kauf, dass die Verletzungen tödlich sein können», sagt der Leitende Arzt des Notfallzentrums im Berner Inselspital, Aristomenis Exadaktylos. «Der Kopf ist ein schlecht geschützter Körperteil. Nur gerade einige Millimeter Knochenschale liegen um unsere fragile Schaltzentrale, das Gehirn.»

Seit 2001 wertet Exadaktylos die durch Gewalt verursachten Verletzungen aus, die er und sein Team im Notfallzentrum am Universitätsspital Bern behandeln. Nach Abschluss der ersten Studie ergab sich ein erschreckendes Bild: Wurden im Jahr 2001 erst 155 Opfer von Gewalt behandelt, waren es 2006 bereits 275, was einer Zunahme von beinahe 80 Prozent entspricht. Zugenommen hatte auch die Anzahl der Wochenend-Einlieferungen und – besonders tragisch – die Schwere der Kopfverletzungen.

Hohe Zahl von Kopfverletzungen

«In der Zwischenzeit sind die Zahlen auf diesem für Schweizer Verhältnisse hohen Niveau geblieben – sowohl das Total der spitalpflichtigen Verletzungen durch Gewalt wie auch der Kopf- und Gesichtsverletzungen. Dies können wir aufgrund der Zehnjahresdaten sagen, die bis 2011 reichen, die aber noch nicht publiziert sind», erklärt Exadaktylos.

Obwohl die Zahl der Gewaltverletzungen also nicht weiter zugenommen hat, sieht Exadaktylos keine Veranlassung, Entwarnung zu geben. «Wir haben es mit einem neuen Phänomen zu tun – einer neuen Dimension von Gewalt.» Bis vor ein paar Jahren überwog noch eine andere Kampfkultur: Man schlug den Gegner nur selten auf den Kopf. Und der «Ehrenkodex» wurde strenger befolgt: Wer am Boden liegt, den traktiert man nicht weiter.

In Aarau sieht es ähnlich aus

Ulrich Bürgi, Chefarzt des Notfallzentrums am Kantonsspital Aarau (KSA), erlebt die gleiche Situation, wenn auch «quantitativ geringer», da die Agglomeration Aarau deutlich kleiner und etwas weniger urban sei. Qualitativ sei man aber in Aarau auf derselben Stufe. «Wir erleben häufig relativ grundlose Faustschläge ins Gesicht oder Fusstritte in den Rumpf und teilweise an den Schädel.» Seine Erfahrung zeigt: Vor allem an Sommer-Wochenenden treten seit rund fünf Jahren viele vorwiegend jüngere Männer in die Notaufnahme ein.

Studie über die Hintergründe

Nach den erschütternden Ergebnissen der ersten Studie 2006 entschlossen sich der Berner Notfallmediziner Exadaktylos und sein Team, mehr in Erfahrung zu bringen über die Persönlichkeitsmerkmale und Hintergründe der jungen Menschen, die nächtens schwer verletzt im Notfallzentrum landen. Erstmals in der Schweiz bedienten sie sich dazu der Fragebögen, die ihre Kollegen in den USA für die Erforschung der Gang-Gewalt entwickelt hatten. Ab 2008 befragten die Mediziner Patienten unmittelbar nach ihrer Einlieferung. Der Fragebogen ergründet soziale und demografische Faktoren, die das Risiko, Gewalt auszuüben oder zu erleiden, beeinflussen: Geschlecht, Alter, Aufenthaltsdauer in der Schweiz, Nationalität und Ausbildung.

Die Untersuchung schloss 69 männliche Opfer von «interpersonaler Gewalt» ein. Zwischen Opfern und Tätern unterschied sie nicht, «weil der Unterschied», so Exadaktylos, «kaum festzustellen und medizinisch auch nicht von Bedeutung ist».

Die wichtigsten Resultate

• Waffen spielen eine untergeordnete Rolle: Erleichtert nahm Aristomenis Exadaktylos zur Kenntnis, dass laut den Angaben der Befragten Waffen während der Konfrontationen kaum zum Einsatz kamen. Anstatt Schusswaffen und Messer gebrauchten sie die Fäuste. «Im Gegensatz zu anderen Ländern scheinen Waffen in der Schweiz immer noch tabu zu sein», konstatiert er und findet das einigermassen überraschend: «Die Schweiz hat ein recht lasches Waffengesetz, und es gibt kaum ein Land, in dem so viele Menschen Waffen so leicht erwerben können.»

• Verletzte Patienten, die auf die Notfallstation kommen, leben in einer gewalttätigen Umgebung: Die meisten Schlägereien entstanden nach verbalen Provokationen von Menschen, die sich nicht kannten und sich nicht in eine ethnische Gruppe oder eine soziologische Untergruppe einordnen liessen. Die Vorfälle passierten in Szenen, in welchen es wenig braucht, damit Gewalt ausbricht. Exadaktylos folgert daraus, «dass die soziale Umgebung der jungen Männer ihr gewalttätiges Verhalten massgeblich beeinflusst».

• Junge Männer, die sich an Gewalttaten beteiligen, sind sozial integriert: Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung sind junge gewalttätige Männer etwa auch in Sportklubs engagiert. «Gewalttätige gehören also offenbar nicht zu einer marginalisierten Schicht», sagt Exadaktylos.

• Alle jungen Männer betrachteten sich ausnahmslos als Opfer: Die mit Verletzungen Eingelieferten waren samt und sonders davon überzeugt, dass sie sich verteidigen mussten, weil sie beschimpft, provoziert oder angegriffen worden waren. Sie waren nicht fähig, ihren eigenen Anteil an den Zusammenstössen zu sehen.

Ein häufiger Abwehrmechanismus

«Diese Ergebnisse bestätigen einen unter Fachleuten bekannten unbewussten Abwehrmechanismus», sagt Exadaktylos: «Nach einem gewalttätigen Vorfall neigen selbst die aggressivsten Schläger dazu, sich von jeder persönlichen Verantwortung reinzuwaschen. Sie sehen sich als unschuldige Opfer.»

Die Täterpsychologie werfe Fragen zur Gewaltprävention auf, sagt Exadaktylos. Es genüge nicht, auf der bewussten, kognitiven Ebene mit jungen Menschen zu arbeiten, bei denen ein Risiko bestehe. Es könne nämlich durchaus sein, dass sie beteuerten, der Gewalt abzuschwören, und ehrlich an friedfertige Konfliktlösungen glaubten, während ihr aktuelles Verhalten eine ganz andere Sprache spreche.

«Deshalb muss der erste Schritt in Richtung Prävention die Akzeptanz unserer problematischen Charakterzüge sein.» Das versuchen Exadaktylos und sein Team zu vermitteln, wenn sie in Schulen im Kanton Bern über Jugendgewalt sprechen.