Jedes Kind soll programmieren lernen. Eine Forderung, die gut zu Marcel Dobler passen könnte. Er war 20 Jahre alt und Informatikstudent, als er 2001 zusammen mit zwei Kollegen den Online-Shop Digitec gründete, der heute jährlich mehrere hundert Millionen Franken Umsatz erzielt. Mittlerweile haben Dobler und seine Geschäftspartner die Mehrheit ihrer Aktien an die Migros verkauft. Finanziell sorgenfrei, ist Dobler 2015 als FDP-Nationalrat in die Politik eingestiegen.

Dennoch hält der 37-Jährige wenig von der Idee, dass alle Schülerinnen und Schüler zu Programmierern werden sollen: «Dass Kinder in der Primarschule Quellcode schreiben, finde ich absurd.» Neuerdings könne man sich mit dieser Forderung «undifferenziert schmücken, weil der Begriff so trendig ist und einen gleich viel kompetenter aussehen lässt».

Um das Wort Digitalisierung sei ein Hype entstanden, sagt der Parlamentarier, seit diesem Frühling Präsident des Dachverbandes der Informations- und Kommunikationsbranche. Er spielt mit dieser Beobachtung auch auf den Digitaltag an, an dem diese Woche CEOs, Bundesräte und Wissenschaftler mit viel Marketingaufwand für die «digitale Revolution» geworben haben.

«Müssen Coiffeure programmieren?»

Dobler bezeichnet das Programmieren als «extreme Spezialisierung». Nicht jedermann müsse diese beherrschen. «Müssen Coiffeure wirklich Quellcode schreiben? Nein.» Wer zum Beispiel eine Homepage erstellen wolle, müsse lediglich ein einfaches Tool bedienen. Statt dass die Lehrer den Kindern programmieren beibringen, sollten diese ihren Schülern die technologische Entwicklung auf spielerische Weise vermitteln. «Es geht um Fragen wie: Was macht ein Computer? Wie wähle ich ein Passwort? Wie gehe ich mit meinen Daten um?»

Mit seiner Position grenzt sich Dobler von einer Reihe prominenter Persönlichkeiten ab, die alle das Gleiche fordern: Schülerinnen und Schüler sollen möglichst früh den Umgang mit Algorithmen, Operatoren und Variablen erlernen. Zum Beispiel Apple-Chef Tim Cook, Ex-Notenbanker Philipp Hildebrand oder der ehemalige ETH-Lausanne-Präsident Patrick Aebischer, der ver- gangene Woche in einem Beitrag für die «NZZ am Sonntag» das Programmieren wieder einmal zur fünften Landessprache ausrief.

Im Bundeshaus gibt es neben Dobler einen weiteren Internetunternehmer, der die Programmieroffensive im Bildungsbereich kritisch sieht: Franz Grüter, SVP-Nationalrat und Verwaltungsratspräsident des Internetproviders green.ch. Er moniert, die Volksschule müsse keine vorberufliche Ausbildung machen, sondern Grundwissen für die Berufswahl vermitteln. «Ich glaube nicht, dass wir etwas bewirken, wenn wir in der Primarschule Programmierkurse geben.» Sollte in der Bauwirtschaft ein Mangel an Arbeitskräften herrschen, müssten Schüler auch nicht lernen, wie man Mauern baue.

Grüter plädiert dafür, zusätzliche Ressourcen nicht einseitig in die Informatik, sondern auch in die drei anderen MINT- Diziplinen Mathematik, Naturwissenschaft und Technik zu kanalisieren.

Die Weichen sind gestellt

Die Bildungspolitik jedoch setzt aufs Programmieren. Die Erziehungsdirektorenkonferenz hat vor wenigen Wochen beschlossen, Informatik in den Gymnasien künftig als obligatorisches Fach einzuführen. Auf der Stufe Volksschule arbeiten die Kantone im Rahmen des Lehrplans 21 an der Einführung des Fachs «Medien und Informatik», ungefähr 50 Prozent sind für die Informatik reserviert. Eine Kompromisslösung, die nicht allen passt: ETH-Professor Juraj Hromkovic etwa plädiert für ein Einzelfach Informatik.

Gemäss dem neuen Lehrplan sollen die Programmierlektionen in der Primarschule beginnen und sich bis in die Oberstufe ziehen. Die Anpassung der kantonalen Lehrpläne werde sicher bis 2021 dauern, sagt Lehrerverbands-Präsident Beat Zemp. «Das ist ein Generationenprojekt.» Die Umsetzung werde regional stark variieren. «Leider gibt es Kantone, die keine Ressourcen für dieses neue Fach zur Verfügung stellen wollen.»

Kritikern des Programmierunterrichts entgegnet er: «Unser Leben wird von Algorithmen bestimmt. Um sie zu verstehen, muss man einfache Programme schreiben können.» Man dürfe das Programmieren in der Schule nicht mit professionellem Programmieren gleichsetzen. «Meine Erfahrung ist, dass die Schüler das Fach sehr gerne haben.»