Akademische Karriere
Professor Mörgelis gesammeltes Schweigen

Ist der SVP-Nationalrat als Medizinhistoriker und Museumskonservator sein Geld wert? Ein Bericht seines Vorgesetzten nährte Zweifel. Nun wirft auch Mörgelis Publikationsliste viele Fragen auf. SVP-Vordenker Christoph Blocher ist sein Buchsponsor.

Matthias Scharrer
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Christoph Mörgeli, Nationalrat und Konservator des Medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich.

Christoph Mörgeli, Nationalrat und Konservator des Medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich.

zvg/archiv

Christoph Mörgeli, bekannt als scharfzüngiger Zürcher SVP-Nationalrat, hat praktisch sein gesamtes Berufsleben am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich verbracht: Gleich nach seinem Geschichtsstudium wurde er dort 1985 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Konservator des hauseigenen Museums. Damals war Mörgeli 25 Jahre alt. Seither erklomm er die akademische Karriereleiter bis hin zum Titularprofessor – und prägte als Konservator weiterhin massgeblich die Geschicke des Museums. Mörgeli bewarb sich auch um den Posten des Institutsleiters, kam aber nicht einmal in die engere Auswahl.

Wichtig für einen Professor sind Publikationen. Stellt sich die Frage: Was hat Professor Mörgeli als Medizinhistoriker publiziert? Seine Publikationsliste ist zwar ellenlang. Doch seit seiner Wahl in den Nationalrat 1999 liess das wissenschaftliche Engagement nach.

Nachlassender Elan

So sind auf der von der Universität Zürich im Internet aufgeschalteten Liste von 1986 bis 1999 insgesamt 20 «Originalarbeiten» Mörgelis angeführt. Danach waren es bis heute nur noch 15, von denen wiederum 6 in den Jahrbüchern der Europäischen Totentanz-Vereinigung erschienen. Deren Vizepräsident ist: Christoph Mörgeli.

Auch die als «Übersichtsarbeiten» aufgeführten Aufsätze Mörgelis waren seit 1999 überwiegend gleichsam hauseigene Publikationen: 32 von 49 «Übersichtsarbeiten» des Professors erschienen im «Totentanz aktuell», dem Mitteilungsblatt der Europäischen Totentanz-Vereinigung.

Blocher als Buchsponsor

Zu Mörgelis jüngsten Publikationen als Medizinhistoriker zählt das Buch «Mikroskop und Ohr - der Weg zur Mikrochirurgie», das 2012 im Eigenverlag vom Medizinhistorischen Institut und Museum herausgegeben wurde.

Geldgeber für die Publikation war laut Vorwort übrigens ein namhafter und schwerreicher SVP-Politiker. Sein Name: Christoph Blocher.

«Fehlerhaft, veraltet, überholt»

Auch seine Tätigkeit ans Museumsdirketor gerät unter Beschuss (az berichtete). Professor Flurin Condrau, der das Institut und dessen Museum seit 2011 leitet und somit Mörgelis Vorgesetzter ist, lässt kein gutes Haar an dessen Tätigkeit. «Die Dauerausstellung ist teilweise fehlerhaft, unzweifelhaft veraltet und museologisch überholt», schreibt Condrau in einem bislang unter Verschluss gehaltenen Bericht, den nun der «Tages-Anzeiger» auszugweise publik gemacht hat.

Und weiter: «Mittelfristig werden wir uns mit einer Neukonzeption befassen müssen, wenn das Museum nicht geschlossen werden soll. Aktuell stellt das Museum für die wissenschaftliche Medizingeschichte in Zürich eine grosse Belastung dar.»

«Zielfindungsprozess» läuft

Recherchen der Nordwestschweiz ergaben: Im Hintergrund wird die Neuausrichtung bereits betrieben. So hat der Museumsberater Samuel Bill den Auftrag erhalten, in einem «Zielfindungsprozess» zu klären, wie es mit dem Museum weitergehen soll. Nähere Auskünfte wollte Bill dazu auf Anfrage nicht geben.

Auch um die angeblich rund 100000 Objekte umfassende Sammlung des Medizinhistorischen Instituts steht es offenbar schlecht: «Sie wurde seit Jahren nicht professionell betreut: Mehrere zehntausend unkatalogisierte Objekte verstauben in offenen Regalen. Aktuell ist noch nicht einmal die Grundreinigung des Depots geregelt», schreibt Condrau.

Mörgeli erklärte dies gegenüber dem «Tages-Anzeiger» mit Personalmangel: Neben seinem eigenen 80-Prozent-Pensum könne er nur 25 weitere Stellenprozente für die Sammlung und das Museum einsetzen.

Doch nicht nur Mörgelis Wirken als Museums-Konservator wirft Fragen auf. Eine der beiden Vorlesungen, die der mit jährlich 105000 Franken entlöhnte Titularprofessor seit Jahren anbietet, fand mangels studentischen Interesses laut Condrau noch nie statt. Ihr Titel: «Medizinische Museologie». Die andere, «Erzählte Medizingeschichte», lässt Mörgeli von ehemaligen Ärzten und Medizinprofessoren halten.