Debatte
Pro und Kontra: Brauchen Primarlehrer einen Master?

Beat W. Zemp, der «oberste Lehrer» der Schweiz, und SVP-Bildungspolitiker Peter Keller, ehemaliger Primarlehrer, debattieren über die Pflicht zur Master-Ausbildung.

Beat W. Zemp und Peter Keller
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Brauchen Primarlehrer einen Master? (Symbolbild)

Brauchen Primarlehrer einen Master? (Symbolbild)

Keystone/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Rektoren der Pädagogischen Hochschulen der Schweiz verlangen in einem Strategiepapier, dass der bisherige Bachelor-Studiengang bei Kindergarten- und Primarlehrern schweizweit durch ein viereinhalb bis fünf Jahre dauerndes Masterstudium ersetzt wird. Die Verlängerung der Studienzeit führt zu Mehrkosten, deshalb lehnt sie etwa der Aargauer Regierungsrat ab.

Beat W. Zemp, der «oberste Lehrer» der Schweiz, und SVP-Bildungspolitiker Peter Keller, ehemaliger Primarlehrer, debattieren über die Pflicht zur Master-Ausbildung.

PRO von Beat W. Zemp, Zentralpräsident Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

«Es geht nicht um eine Verakademisierung»

Beat W. Zemp, Zentralpräsident Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

Beat W. Zemp, Zentralpräsident Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

Emanuel Per Freudiger

Der Zentralpräsident der Lehrerinnen und Lehrer befürwortet die Einführung einer berufsbegleitenden Masterstufe für Primarlehrer.

Heute haben alle Lehrpersonen auf der Sekundarstufe I und II einen Masterabschluss. Primarlehrpersonen müssen hingegen ihren anspruchsvollen Beruf in nur drei Jahren erlernen und haben dann einen Bachelor-Abschluss. Die Zeit für diese Grundausbildung ist eindeutig zu kurz angesichts der vielen neuen Aufgaben und Herausforderungen auf dieser Stufe. Wer bis zu 10 völlig unterschiedliche Fächer unterrichten muss, dazu die immer anspruchsvolleren Aufgaben bei der Klassenführung, der Elternarbeit und der Integration von Kindern mit besonderen Lernbedürfnissen bewältigen muss, braucht eine sehr gute Ausbildung. Primarlehrpersonen sollen aber auch noch erfolgreich zwei Fremdsprachen und das neue Lehrplanmodul «Medien und Informatik» unterrichten sowie Kinder aus unterschiedlichsten Kulturen integrieren. Wahrlich keine einfache Aufgabe!

Viele pädagogische, fachliche und didaktische Probleme tauchen erst in der Berufsphase auf und führen nicht selten zu einem Praxisschock bei Berufsanfängern. Leider verlieren wir deswegen immer noch zu viele Bachelor-Lehrpersonen auf der Primarstufe, die nach wenigen Berufsjahren aussteigen. Daher wird zurzeit die Einführung einer berufsbegleitenden Masterstufe diskutiert. Die Übernahme eines bezahlten Teilzeitpensums an einer Primarschule nach dem Bachelor-Abschluss kombiniert mit einem darauf abgestimmten berufsbegleitenden Masterstudium erlaubt einen völlig anderen Einstieg in die Berufspraxis, als dies heute der Fall ist. Praxisprobleme und Unterrichtserfahrungen können im berufsbegleitenden Masterstudium vertieft behandelt und gemeinsam gelöst werden. Das würde die Aussteigerquote drastisch senken und gleichzeitig die Qualität der Ausbildung und des Unterrichts deutlich verbessern.

Es geht also nicht um eine «Verakademisierung» des Primarlehrerberufs, sondern um eine wissenschaftlich fundierte Berufsvorbereitung und eine gelingende praktische Berufseinführung. Das Beispiel Finnland zeigt, dass Lehrpersonen mit Masterausbildung hoch angesehen sind. Statt Lehrermangel gibt es dort viel mehr Interessenten als Ausbildungsplätze. Auch Deutschland und Österreich führen die Masterstufe für alle Lehrpersonen ein. Zu Recht!

KONTRA von Peter Keller, Nationalrat SVP

«Zu viel wurde und wird in die Lehrpläne gestopft»

Peter Keller, Nationalrat SVP

Peter Keller, Nationalrat SVP

AZ

SVP-Nationalrat Peter Keller ist ehemaliger Lehrer. Er ist gegen die praxisferne Akademisierung der Primarlehrerausbildung.

Die halbe Welt beneidet die Schweiz um ihre Berufsausbildung: Dass junge Menschen in den Betrieben den praktischen Bezug zu ihrem Beruf erlernen und begleitend dazu in der Berufsschule und in Fachkursen das theoretische Rüstzeug erhalten. Die Nähe zur Arbeitswelt und das auf verschiedene Begabungen abgestützte duale Berufsbildungssystem ist offensichtlich ein Erfolg: Die Jugendarbeitslosigkeit hierzulande ist viel tiefer als bei unseren Nachbarn in Italien oder Frankreich, wo fast alle Jugendlichen «studieren» und die praxisorientierte Berufslehre unbekannt ist.

Aber ausgerechnet bei den pädagogischen Berufen will man in der Schweiz nun den umgekehrten Weg gehen. Die Lehrerseminare (ich habe 1992 mein Primarlehrerdiplom gemacht) wurden abgeschafft. Heute braucht es eine Matura und ein sechssemestriges Bachelorstudium, um zu unterrichten. Nun wollen die pädagogischen Hochschulen die Ausbildung noch weiter akademisieren: Künftig sollen Lehrpersonen für Kindergärten und Primarschulen einen Masterabschluss (neun Semester Studium) vorweisen. Als ich das Lehrerseminar besuchte, war die Mehrzahl unserer Dozenten gestandene Lehrer mit jahrelanger Berufserfahrung. Um es salopp zu sagen: Sie wussten, wovon sie sprachen. In den pädagogischen Hochschulen unterrichten bald mehrheitlich Dozenten und Professoren, die nie selber in der Schulstube standen – dafür entwickeln sie umso praxisfremdere Ideen und Reformen, die den Studenten und Schulen vorgesetzt werden. Künftige Primarlehrer müssen «wissenschaftliche» Arbeiten schreiben, statt dass man sich darauf konzentriert, dass sie ihr Handwerk lernen. Dazu gehören vor allem auch menschliche Qualitäten und Führungskompetenz.

Es ist schon so, dass das Unterrichten immer anspruchsvoller wird. Aber nicht wenige Probleme sind hausgemacht. Zu viel wurde und wird in die Lehrpläne gestopft. Die «Integration» von behinderten und verhaltensgestörten Kindern in die Regelklassen ist zum Scheitern verurteilt: Sie überfordert Schüler und Lehrer gleichermassen. Nicht wenige Schulreformen, die viel Geld und noch mehr Zeit kosten, werden von praxisfernen Bildungsbürokraten ausgebrütet. Der akademische Ausbau der Lehrerausbildung würde diese Tendenz nur verstärken.