Frau Locher, die Einpersonenhaushalte legen gemäss Prognose des Bundes nochmals zu. Drucken Sie als Präsidentin von Pro Single schon neue Mitgliederkarten?

Sylvia Locher: Nicht alle Personen, die alleine leben, sind Singles. Ausserdem ist das Singledasein noch immer mit einem Stigma behaftet. Viele wollen ihren Status nicht mit einer Vereinsmitgliedschaft untermauern. Wir vertreten neben den Singles aber auch Alleinwohnende. Die Haltung «ihr müsst ja für niemanden schauen» bekommen beide Gruppen zu spüren. Es ist auffällig, wie viele Klischees gegenüber Alleinstehenden existieren.

Eigenbrötlerisch und einsam oder freiheitsliebend und unabhängig?

Egoismus – das höre ich immer als Erstes. Dies, weil wir in den meisten Fällen alleine leben. Auch wird uns vorgeworfen, wir hätten keine Nachkommen, die weiterhin in die Sozialwerke einzahlen. Darüber kann ich bloss den Kopf schütteln: Wer alleinstehend ist, übernimmt für sich Verantwortung. Das kann nicht jede Person in einer Partnerschaft von sich sagen. Und von unseren Steuergeldern profitieren alle – auch Kinder.

Ihr Verein fordert tiefere Steuern für Singles. Ist das noch solidarisch?

Wer nicht verheiratet ist, bezahlt in den meisten Fällen zeitlebens mehr Steuern. Ehepaare bleiben beim tieferen Tarif, auch wenn die Kinder erwachsen und ausgezogen sind. Unser System richtet sich bis heute an der Ehe aus, wodurch Alleinstehende für ihre Lebensform finanziell bestraft werden. Wir verlangen eine Gleichbehandlung. Auch bei der Erbschaftssteuer fordern wir ein Umdenken.

Weshalb beim Erben?

Vermacht ein kinderloser Single sein Vermögen einem Freund, fliesst je nach Kanton bis zur Hälfte davon an den Staat. Kinder oder Ehepartner sind als gesetzliche Erben hingegen von der Erbschaftssteuer befreit. Darüber hinaus haben Singles bereits im Alltag höhere Lebenskosten.

Worin zeigt sich das?

Wer alleine lebt, kann sich weder Miete noch Billag oder die Kosten für den Internetanschluss teilen. Auch Angebote wie ein Partner-GA der SBB entfallen. Durch die höheren Lebenskosten sind gerade ältere Alleinstehende auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Das Klischee des wohlhabenden Singles trifft bei weitem nicht auf alle zu. Es braucht in der Gesellschaft und der Politik ein Umdenken. Das kurzfristige Denken rächt sich sonst.

Wer nimmt Ihre Anliegen auf?

Bisher haben sich nicht viele Politiker für Alleinstehende interessiert. Sie orientieren sich in erster Linie an den Bedürfnissen von Familien, dann allenfalls an jenen von Alleinerziehenden. In Bezug auf die Lebensformen versucht die Politik insbesondere die Ehe- und Konkubinatspaare gleichzustellen. Überlegungen zu Singles fehlen aber. (ABA)