Medienkompetenz

Pro Juventute verdient neu an Handyabos

Jahrelang war Pro Juventute in den roten Zahlen; ab 2009 wurde die gemeinnützige Organisation saniert. Um an neue Mittel zu kommen, setzte sich die Stiftung zum Ziel, vermehrt Unternehmenspartnerschaften einzugehen.

Gestern gab Pro Juventute eine neue Partnerschaft bekannt, dank der die 100-jährige Organisation neu auch an verkauften Handyabos verdienen wird. Gemeinsam mit Sunrise lanciert Pro Juventute ein Handy-Abonnement für Kinder. Das Basis-Angebot von vier freigeschalteten Rufnummern können die Eltern selbst erweitern, wenn sie fühlen, dass ihr Kind reif genug ist, weitere Dienste zu nutzen.

Nahezu alle 12- bis 19-Jährigen in der Schweiz verfügen über ein Handy – genau 98 Prozent. Dies zeigt eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) aus dem Jahr 2010. Doch auch viele Kinder haben bereits ein eigenes Handy. Laut einer Studie aus Deutschland aus demselben Jahr haben 14 Prozent der 6- bis 7-jährigen Kinder ein Mobiltelefon. Bei den 8- bis 9jährigen ist es ein Drittel, bei den 10- bis 11-jährigen sind es bereits drei Viertel.

Mit dem Smartphone im Schulsack können aber nicht alle umgehen. So rufen Kinder auf die Pro-Juventute-Notfallnummer 147 an, die verunsichert sind, weil gegen ihren Willen Fotos von ihnen im Netz kursieren. «In extremen Fällen kann dies zu Cybermobbing führen und bei Betroffenen extreme Verzweiflung und gar Suizidgedanken auslösen», sagt Stephan Oetiker, Direktor der Stiftung.

Eltern verwalten Optionen

Das Prepaid-Angebot «Pro Juventute Primobile», das die Organisation nun gemeinsam mit Sunrise lanciert, versteht Oetiker als Möglichkeit, Eltern und ihren Kindern Medienkompetenz zu vermitteln. Denn auf der Internetplattform, auf der Eltern die Nutzungsoptionen ihrer Kinder verwalten, finden diese auch Informationen zum Umgang mit neuen Medien. «So können Eltern ihre Kinder Schritt für Schritt dabei begleiten, wenn diese einen verantwortungsbewussten Umgang mit neuen Medien lernen», sagt Oetiker. Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der ZHAW, bezeichnet das Konzept von Primobile als «überzeugend», weil es Eltern erlaubt, mit dem Kind Vereinbarungen zu treffen und schrittweise weiterzugehen. Das Internetportal erlaube Eltern und Kindern, sich über die Nutzung des Handys Gedanken zu machen.

Süss, der die Entwicklung des neuen Prepaid-Angebots als Experte in einer Fachgruppe begleitete, sagt, das Angebot sei klar als Begleitung während der ersten Jahre als neuer Handynutzer oder neue Handynutzerin gedacht. «Ab 12, 13 oder 14 ist das Angebot dann nicht mehr passend», sagt Süss. Sunrise ist aber nicht der erste Anbieter, der es Eltern ermöglicht, die Handynutzung des Kindes zu steuern. So können Eltern bei Orange das Angebot «Orange Comfort» nach Wunsch anpassen.

Möglich ist etwa, Mobilfunk-Internetverbindungen zu deaktivieren. Swisscom bietet im technischen Bereich eine Kindersicherung an, welche die Kinder vor dem Besuch unerwünschter Webseiten schützt. Für Stephan Oetiker hat das von Pro Juventute und Sunrise gewählte Modell aber klare Vorteile: «Internetzugang technisch zu blockieren, bietet keinen grundsätzlichen Schutz vor den vorhandenen Risiken im Umgang mit den neuen Medien. Pro Juventute schlägt deshalb mit der Förderung von Medienkompetenz eine Vorwärtsstrategie ein.»

Auch Daniel Süss bezeichnet das Angebot als Marktlücke: «Mit dem Abonnement erhalten die Eltern und ihre Kinder via Internetplattform eine medienpädagogische Begleitung. Das ist sehr wertvoll.»

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