Hat die Bundesanwaltschaft den ehemaligen Financier Dieter Behring zum Sündenbock gemacht, indem sie Mitbeschuldigte laufen liess? Gab es ein abgekartertes Spiel zwischen Bundesanwaltschaft und Bundesstrafgericht, um den Prozess gegen den mutmasslichen Millionenbetrüger zu retten? Hat die Bundesanwaltschaft in diesem Verfahren die Verteidigerrechte des Beschuldigten missachtet?

Es waren solche Fragen, auf die Bundesanwalt Michael Lauber am Montag im Hauptverfahren gegen Behring vor Bundesstrafgericht in Bellinzona Auskunft geben sollte. Der Bundesanwalt im Zeugenstand: Das war eine Premiere.

Kein Aussergewöhnliches Verfahren

Um es gleich vorwegzunehmen: Lauber liess sich durch provozierende Fragen von Behrings privatem Strafverteidiger Bruno Steiner nicht aus der Ruhe bringen. Er verteidigte seinen Entscheid vom Herbst 2012, eine Task-Force in dem bereits acht Jahre laufenden und äusserst komplexen Verfahren gegen Behring einzusetzen. Er billigte im Frühjahr 2013 den Vorschlag dieser Task-Force, sich auf den Hauptbeschuldigten Behring zu konzentrieren und gegen die neun Mitbeschuldigten Einstellungsverfügungen zu erlassen. In Zusammenhang mit dem Betrugstatbestand sei das nicht aussergewöhnlich, sagte Lauber: «Es ist möglich und deshalb haben wir es gemacht.»

Viel Gesprächsstoff bot die umstrittene Verteidigerfrage. Lauber erklärte, er habe die Verfügung für die Beibehaltung von Pflichtverteidiger Roger Lerf gegen den Willen Behrings erlassen, um eine «Sockelverteidigung» und damit genau ein Minimum von Verteidigerrechten Behrings zu garantieren. Im Übrigen habe er gewusst, dass das Verhalten von Behring «als obstruktiv» zu gelten hatte. Auf die Frage, ob er gewusst habe, dass Lerf zumeist eine Praktikantin zu den Treffen mit Behring geschickt habe, ging Lauber nicht ein.

Überhaupt konnte Lauber auf viele Detailfragen nicht antworten, «Ich habe nicht die Verfahrensführung, ich trage die Gesamtverantwortung», wiederholte er etliche Male. Die Bundesanwaltschaft bearbeite rund 400 Fälle. Allerdings bestritt er, dass es irgendwelche Absprachen mit dem Bundesstrafgericht in der Causa Behring gegeben habe, um die Anklage zu retten. Dies hatte auch der federführende Bundesstaatsanwalt Tobias Kauer letzte Woche bereits gesagt. Im Übrigen erklärte Lauber, durch die Einsetzung der Task-Force in Kauf genommen zu haben, dass sich das Verfahren nochmals verzögerte.

Enttäuschte Verteidiger

Strafverteidiger Bruno Steiner und sein Kollege Daniel Walder zeigten sich erwartungsgemäss enttäuscht von den Aussagen des Bundesanwalts. Sie forderten einmal mehr, diejenigen Staatsanwälte als Zeugen einzuvernehmen, die den Fall vor der Bildung der Task-Force behandelten. Mehr noch: Steiner forderte eine Anzeige gegen Bundesanwalt Lauber «wegen Amtsmissbrauchs, mehrfacher Begünstigung, falscher Anschuldigungen und Irreführung der Rechtspflege». Es sei doch absurd, dass so ein grosser Wirtschaftsbetrugsfall ohne Mittäter zustande gekommen sein soll. Laut Anklageschrift beträgt die Schadenssumme 800 Millionen Franken.

Das Gericht wird heute Morgen bekannt geben, ob es auf die Anträge der Privatverteidiger eingeht, insbesondere auf den Antrag auf Rückweisung der Anklage und die Entlassung von Pflichtverteidiger Roger Lerf aus seinem Amt. Werden die Anträge abgelehnt, geht es mit der Befragung von Behring zur Person und Sache weiter.