Daniel Haller

Frau Berger, wie viele Sozialfälle haben Sie in Pratteln?

Daniela Berger: Aktuell sind es 320 Dossiers. Hinter jedem Dossier stehen im Schnitt etwas mehr als zwei Personen. Vor einem Jahr waren es noch 274 Dossiers. Seit November kommt an jedem Werktag ein neues Dossier dazu. Die Zahl der Leute, die aus der Sozialhilfe in einen Job wechseln können, nimmt dagegen ab.

Weshalb der Anstieg?

Berger: Pratteln fühlt die Krise schneller als andere Sozialdienste, weil wegen des günstigen Wohnraums in Quartieren wie Längi, Rankacker, oder Aegelmatt viele Menschen mit einer niedrigen Berufsqualifikation hier leben. Wer einen prekären Job hat - also temporär, auf Abruf oder befristet arbeitet - wird in der Krise als erstes entlassen...

... und löffelt die Suppe aus, die ihm die spekulierenden Banker eingebrockt haben. Sind die Leute deshalb wütend?

Berger: Nein. Die meisten glauben, sie seien selber schuld.

Wer entlassen wird, müsste doch zuerst stempeln können?

Berger: Da haben wir einen Drehtüreffekt. Wir konnten 2008 einige Personen vermitteln - oder sie haben selbst eine Stelle gefunden. Nun haben sie diese verloren, bevor ein Jahr um war. In einem extremen Fall hat jemand elfeinhalb Monate gearbeitet. Hätte der Job zwei Wochen länger gedauert, bekäme die Person nun Arbeitslosengeld. So aber kam sie direkt wieder aufs Sozialamt.

Trifft die Armut nur Langzeitarbeitslose?

Berger: Andere kommen nach einer Scheidung, denn das Einkommen reicht dann nicht für zwei Haushalte. Wer aus diesem Grund eine Wohnung sucht, findet sie oft in Pratteln, denn kleine Gemeinden haben kaum billigen Wohnraum, der zudem eine gewisse Anonymität bietet.

Welchen Anteil an den Sozialfällen haben die Ausländer?

Berger: 37 Prozent der Bevölkerung sind Ausländer. Bei den Sozialfällen sind es etwas mehr als die Hälfte, denn überproportional viele sind schlecht ausgebildet und haben prekäre Jobs.

Spüren Sie die Folgen der letzten IV-Revision?

Berger: Wir sehen zunehmend Fälle, denen die IV-Rente abgesprochen wurde. Wenn jemand eine 100-Prozent-IV-Rente hatte und im Oktober einen Brief bekommt, ab Dezember gebe es nichts mehr, darf er zwar noch für eine Übergangszeit Arbeitslosengeld beziehen, landet dann aber bei uns. Es ist schockierend und schwer einzusehen, weshalb jemand vor zehn Jahren 100 Prozent arbeitsunfähig war, nun aber nach so langer Abwesenheit vom Arbeitsmarkt in einem Alter über 50 plötzlich wieder als 100 Prozent arbeitsfähig gilt. Mit der 6. IV-Revision werden noch mehr solche Fälle zu uns kommen, befürchte ich. Auch die Kürzungen bei der Arbeitslosenversicherung werden wir spüren. In Pratteln stempeln aktuell etwa 500 Personen. Es ist absehbar, dass einige unter ihnen zu uns kommen werden.

Thomas Held von Avenir Suisse erklärt, in der Schweiz gehe es den Armen relativ gut. Hat er nicht recht, wenn man mit Entwicklungsländern vergleicht?

Berger: Das Armutsbild ist hier anders: Es geht um relative Entbehrung, denn man vergleicht sich mit der Gesellschaft ringsum, in der rein gewinnorientierte Lebensentwürfe vorherrschen. Alles läuft nach der Marktlogik. Jeder gilt als seines Glückes Schmied. Angeblich hat man ganz viele Möglichkeiten. Dies trifft aber nur für wenige zu, und gerade für die Armen nicht. Das ist sehr belastend: Wir haben zunehmend Klienten mit psychischen Problemen. Die Komplexität der Fälle nimmt deshalb zu.

Es heisst aber oft, die Betroffenen seien auch selbst schuld?

Berger: Es gilt als eigenes Verschulden, wenn man es nicht schafft. Aber in der Realität bestimmen viele Rahmenbedingen, ob man reüssiert. Eigentlich ist jedem klar, dass es ihn auch treffen kann. Das will man aber nicht wahrhaben. Deshalb stigmatisiert man die Betroffenen, anstatt die Ursachen zu thematisieren. Diese sind so gross, dass man sie nicht wirklich angehen kann.

Was meinen Sie damit?

Berger: Viele Jobs, für die man damals auch die Migranten geholt hat, gibt es nicht mehr. Diese Arbeiten werden ins Ausland verlagert oder hier automatisiert. So konnte auch der Arbeitscoach des Prattler Sozialamts bisher regelmässig im Oktober und November einige Leute temporär in eine grössere Firma vermitteln. Dieses Jahr wartete er vergebens auf deren Anruf. Als er nachfragte, hiess es, man habe für diese Arbeit nun eine supertolle Maschine angeschafft, die von einem Fachmann bedient wird.

Was ist ein Arbeitscoach?

Berger: Er baut ein Beziehungsnetz zu Unternehmen auf, um Leute beispielsweise in Probeeinsätze zu vermitteln. Er klärt auch zusammen mit dem Klienten ab, welche Qualifikationen oder Ausweise fehlen, um zu einem Job zu kommen.

Hätte es denn für alle Ihrer Klienten eine Stelle?

Berger: Ganz klar nein. Da fehlen zu viele Qualifikationen. Wir haben auch Analphabeten hier. Andere haben zwar die obligatorische Schulzeit abgeschlossen, aber dann nur gejobt.

Sind sie denn arbeitswillig, oder schummeln sie sich nur durch?

Berger: Es gibt auch bei den Sozialhilfeempfängern welche, die betrügen. Wenn wir einen Verdacht haben, geben wir einen sogenannten Auftrag zur Leistungsabklärung an externe Fachleute.

Wie funktioniert das?

Berger: Die Prüfer gehen hin, weisen sich aus, verlangen eine Unterschrift, dass sie die Wohnung betreten dürfen, und schauen sich um und diskutieren einzelne Punkte. Dabei ist aber auch schon herausgekommen, dass die Leute derart ärmlich lebten, dass wir einen Betrag gesprochen haben, damit sie sich die nötigsten Möbel kaufen konnten. Aber in rund der Hälfte der Verdachtsfälle findet man heraus, dass Angaben gefehlt haben oder falsch waren.

Sozialhilfebezüger werden von der Rechten als Schmarotzer verdächtigt ...

Berger: Man kann gar nicht schmarotzen, denn die Sozialhilfe deckt nur das Existenzminimum. Der Anteil jener, die wirklich betrügen wollen, liegt vielleicht bei ganz wenigen Prozenten. Genau weiss man es nicht. Es gibt aber in allen gesellschaftlichen Schichten Trittbrettfahrer, also auch bei den Armen. Deswegen alle, die das Existenzminimum benötigen, als Schmarotzer zu bezeichnen, ist falsch. Wir machen oft die Erfahrung, dass Leute nach einem halben Jahr Arbeitseinsatz in einem Programm gern weitermachen würden, denn sie wollen eine Aufgabe haben.

Aus Sicht der Linken sind Sozialhilfeempfänger hingegen Opfer.

Berger: Wir alle sind Opfer eines Wirtschaftssystems, das nicht mehr genügend Arbeitsplätze bietet, denn die Gesellschaft definiert sich über die Arbeit. Sie gilt als der Sinn des Lebens. Alles zielt auf den Erfolg im Beruf ab. Aber es hat nicht genug Arbeitsplätze für alle. Wenn die Wirtschaft die Stellen nicht mehr anbietet, dann sind sie in diesem Sinn Opfer.

Der Begriff «Opfer» enthält auch etwas Entmündigendes. In der Entwicklungspolitik spricht man von «Empowerment», also Ermächtigung der Armen, damit sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Gibt es das auch in der Sozialhilfe?

Berger: Wir versuchen dieses «Empowerment» der Klienten, indem wir nicht über ihren Kopf hinweg ihre Sachen verwalten. So bezahlte früher das Sozialamt die Miete direkt an die Vermieter. Diese haben teilweise Sozialhilfeempfänger bevorzugt, weil sie so die Miete auf sicher hatten und die Leute nicht reklamierten, wenn sie das Haus vergammeln liessen. So gab es ganze Wohnblocks mit ausschliesslich Sozialhilfeempfängern. Heute betrachten wir unsere Klienten als mündige Leute: Sie bekommen das Geld und bezahlen die Miete selbst. Empowerment heisst also, dass sie ihre Mittel selbst verwalten. Daneben prüfen wir, ob Integrationsmassnahmen sinnvoll und nötig sind.

Ist Ihr Auftrag also, jenen Teil der Menschen durchzufüttern, der in der Wirtschaft nicht mehr erwünscht ist?

Berger: Teilweise ja. Aber durch das Arbeitscoaching versuchen wir, den Link zur Wirtschaft wieder herzustellen.

Bleibt nicht trotzdem eine Sockelarmut?

Berger: Ich befürchte, dass dieser Sockel der Chancenlosen noch zunimmt - selbst wenn die Konjunktur wieder anzieht.

Das Hilfswerk

Caritas propagiert in seinem Armutsbekämpfungsprogramm die Gründung von Sozialfirmen. Ist das eine echte Lösung?

Berger: Da besteht immer das Problem, dass wir den normalen Arbeitsmarkt konkurrenzieren könnten. So mussten wir aufpassen, dass unser Litteringprogramm nicht die Arbeitsplätze im Werkhof gefährdet. Es geht um Nischen-Arbeitsplätze, die die Wirtschaft alle abgebaut hat. Sie müssten in den Firmen erst wieder neu aufgebaut werden. Insofern sind Sozialfirmen eine willkommene Hilfe für Leute, die sich über diese Zwischenstufe wieder an die Arbeitswelt gewöhnen können.

Der Leiter der Sozialhilfe Basel-Stadt möchte die Zahl der Stellen in Basler Sozialfirmen von 400 auf 1000 erhöhen. Pratteln ist Teil des gleichen Wirtschaftsraums. Gibt es bezüglich Sozialfirmen eine Zusammenarbeit über die Kantonsgrenze hinweg?

Berger: Nicht wirklich. Wir gehen eher zu unseren Firmen hier vor Ort. So konnten wir mit Ikea Probearbeitsverträge abschliessen, damit Sozialhilfeempfänger dort mit geringerer Leistungsfähigkeit anfangen und diese steigern können. Einige wurden nach einem halben Jahr in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen.

Das tönt alles nach Reparaturmassnahmen und Symptombekämpfung. Wie könnte man stattdessen rechtzeitig vorbeugen, dass es gar nicht zu Armut kommt?

Berger: Prävention ist, wenn man den Jungen eine Ausbildung anbieten kann. Das ist die einzige Chance. Wir haben ein Programm, in dem wir jungen Leuten die Möglichkeit geben, selbständig zu werden. Sozialhilfe-Rentner kann kein Berufsziel sein.

Gibt es nicht auch solche Arbeitslose, die sich einfach treiben lassen?

Berger: Einige haben resigniert. Oft sind dies Jugendliche, deren Eltern bereits arm waren: Der Mangel an Perspektiven wirkt prägend.

Wo sähen Sie eine grundsätzliche Lösung für den Mangel an Lehrstellen und Arbeitsplätzen?

Berger: Heute hängt alles an der Arbeit: Nur wer arbeitet, kann Beiträge an Sozialversicherungen bezahlen und im Notfall deren Leistungen beziehen und eine Rente aus AHV und Pensionskasse erwarten. Diese ganze Logik fällt zusammen, wenn es nicht genug Stellen für alle hat. Nachhaltige Armutsbekämpfung könnte nur die Wirtschaft leisten, indem sie - auch in Zeiten der Globalisierung - genügend Arbeitsplätze anbietet.