«Präsident Obama ist der Chef»
«Präsident Obama ist der Chef»

Amerikaexperte Peter Rudolf glaubt nicht, dass er Wechsel an der Spitze der US-Streitkräfte in Afghanistan zu einem Strategiewchsel kommt. Der neue sei der Erfinder der aktuell verfolgten Politik, so Rudolf.

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Amerikaexperte Peter Rudolf

Amerikaexperte Peter Rudolf

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Barack Obama hat General Stanley McChrystal entlassen. Hat er richtig gehandelt?Peter Rudolf: Was wäre die Alternative gewesen? Mit einem General weiterzuarbeiten, dem es so an Respekt für die politische Führung fehlt?

Ist es nicht ein schlechter Zeitpunkt, den Oberbefehlshaber mitten im Krieg zu entlassen?Rudolf: Es ist ja kein Strategiewandel mit dem personellen Wechsel verbunden. Die Beziehungen zwischen dem amerikanischen Botschafter in Kabul und McChrystal waren sehr schlecht; die Abstimmung zwischen militärischer und ziviler Spitze könnte sich jetzt vielleicht verbessern.

Der neue Oberbefehlshaber in Afghanistan, David Petraeus, wird die Strategie von McChrystal also weiterführen?Rudolf: General Petraeus ist der eigentliche intellektuelle Vater der amerikanischen Counterinsurgency-Strategie, wie sie im Irak entwickelt und mittlerweile in Afghanistan umgesetzt wird.

Könnte der personelle Wechsel für Obama auch von Vorteil sein? Er könnte ja nun auch die bisherige Afghanistan-Strategie überdenken.Rudolf: Die Strategie soll Ende des Jahres bewertet werden; aber das Pentagon spielt die die Bedeutung dieser

Der Amerika-Kenner

Dr. Peter Rudolf ist der Leiter der Forschungsgruppe Amerika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Er verfolgt seit Jahern die Entwicklungen in den USA und hat zahlreiche Bücher publiziert.

Kann General Petraeus seine Erfolge, die er im Irak hatte, auch in Afghanistan wiederholen?Rudolf: Wie man die Erfolge und ihre Dauerhaftigkeit im Irak zu bewerten hat, sei dahin gestellt. Die Bedingungen in Afghanistan sind zudem andere. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche zivil-militärische Aufstandsbekämpfungsstrategie sind nicht gegeben. Der ganze Ansatz beruht darauf, dass es gelingt, die Loyalität der Bevölkerung über „good governance" und die Herstellung von Sicherheit zu gewinnen. Doch momentan weist nichts darauf hin, dass dies in den pashtunischen Gebieten im Süden und Südosten Afghanistans gelingen könnte.

Obama hat bereits den Vorgänger von McChrystal entlassen. Das war das erste Mal, dass ein kommandierender General entlassen wurde seit dem Aufstand des berühmten Generals Douglas McArthur gegen Präsident Harry Truman während des Koreakrieges 1952, der mit der Entlassung McArthurs endete. Wie wichtig ist die zivile Kontrolle des Militärs?Rudolf: Präsident Obama ist der Commander in Chief; zivile Kontrolle ist ein ehernes Prinzip der amerikanischen Demokratie.

Spannungen zwischen Militär und der zivilen Kontrolle kommen regelmässig vor. Meist sind sie inhaltlicher Natur, hier war es aber nicht so. Obama hat eigentlich immer das gemacht, was McChrystal gefordert hat. Gab es diese Spannungen trotzdem?Rudolf: Obama hat, was Truppenzahl und strategische Ausrichtung angeht, im Wesentlichen die Forderungen der Militärs erfüllt. Ihm blieb im Herbst 2009 aber kaum eine andere Wahl. Über die gezielte Beeinflussung der Öffentlichkeit - die Lageeinschätzung McChrystals vom Sommer 2009 gelangte schnell in die Medien - wurden ihm praktisch die Hände gebunden. Zu einem Konflikt und zu Spannungen könnte es kommen, wenn das Militär Ende des Jahres eine weitere Truppenaufstockung fordern sollte - schliesslich will der Präsident im Sommer 2011 mit der Truppenreduzierung beginnen. (Interview: Roman Schenkel)

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