"Poststellen-Kahlschlag."
Post will schweizweit bis zu 600 Filialen schliessen – und erntet dafür scharfe Kritik

Die Schweizerische Post will in den nächsten vier Jahren bis zu 600 weitere Poststellen schliessen. 1200 Mitarbeitende könnten davon betroffen sein. Kündigungen soll es keine geben, das Angebot sogar ausgebaut werden. Trotzdem sprechen die Gewerkschaften und die SP von einem "Poststellen-Kahlschlag."

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Thomas Bauer, Leiter Poststellen, präsentiert das Post-Netz der Zukunft.
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Susanne Ruoff, Konzernleiterin der Post.
An der Pressekonferenz gibt die Post bekannt, bis zu 600 Postfilialen zu schliessen.
Post Schliessung Oktober 2016

Thomas Bauer, Leiter Poststellen, präsentiert das Post-Netz der Zukunft.

Keystone

Post-Chefin Susanne Ruoff machte gleich zu Beginn der Medienkonferenz am Mittwoch deutlich, warum für sie diese Umstrukturierung unumgänglich ist: Die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger veränderten sich laufend, die Menschen seien mobiler und ihr Verhalten digitaler geworden. "Dieser Veränderung tragen wir Rechnung", sagte Ruoff.

Die Umsätze am Schalter seien in den letzten 15 Jahren stark zurückgegangen: bei den Briefen um 63 Prozent, bei den Paketen um 42 Prozent, beim Zahlungsverkehr um 37 Prozent. Gleichzeitig seien die Dienstleistungen der Post rund um die Uhr und elektronisch gefragt. "Die Post als Dienstleisterin will und soll die Bedürfnisse der Kunden abdecken", sagte Ruoff.

Mehr Zugangspunkte

Deshalb sei diese "Umlagerung" nötig. Dabei sollen von den heute 1400 Poststellen bis in vier Jahren nur noch 800 bis 900 übrigbleiben. Gleichzeitig werde jedoch die Zahl der Zugangsstellen von 3700 auf 4000 ausgebaut.

"Nicht die Anzahl der Poststellen bestimmt die Zukunft, sondern die Dienstleistungen", sagte Thomas Bauer, Leiter Poststellen und Verkauf. So soll es bis in vier Jahren 200 bis 400 Aufgaben- und Abholstellen, My post 24-Automaten und Geschäftskundenstellen mehr geben.

Im Gegenzug zum Abbau bei den traditionellen Poststellen soll die Zahl der sogenannten Postagenturen in KMU und Geschäften um 400 bis 500 ausgebaut werden. Und diese Dienste könnten in Zukunft auch in Apotheken, Hotellobbys oder sogar Altersheimen angeboten werden.

Trotzdem wird es zu einem Stellenabbau kommen. Denn "eins zu eins" könnten die Stellen der Postfilialen nicht ersetzt werden, sagte Ruoff. Wie viele Stellen am Ende gestrichen werden, ist noch nicht bekannt. Von den 1200 betroffenen Mitarbeitenden würden in den nächsten vier Jahren viele in Pension gehen. Mit anderen werde die Post nach passenden Lösungen suchen. Kündigungen sollen vermieden werden.

Betroffene Filialen nicht bekannt

Auch welche Post-Filialen geschlossen werden, wollte die Führung noch nicht bekannt geben. Sie hätten zwar eine Vorstellung davon, doch der definitive Entscheid über das künftige Poststellennetz werde erst nach Diskussionen mit den Kantonen und den Gemeinden fallen, sagte Bauer.

So sollen auch die "regionalen Gegebenheiten" in die Planung einfliessen. Und diese seien von Kanton zu Kanton verschieden. Dazu werde die Post in den nächsten Monaten aktiv den Kontakt zur betroffenen Bevölkerung und zu den lokalen Medien suchen und sie an Diskussionsveranstaltungen über die Veränderungen informieren.

Ruoff betonte, dass auch mit den Neuerungen die Grundversorgung gewährleistet bleibe und das Angebot der Post "weiter über dem liegt, was der Gesetzgeber vorschreibt". Doch der Auftrag des Bundesrates laute auch, dass die Post "eigenwirtschaftlich" arbeite. Sie müsse ihre Dienstleistungen schliesslich bezahlen können.

Heftige Kritik von Gewerkschaften und SP

Bei diesem Punkt setzt die Gewerkschaft syndicom mit ihrer Kritik an: Der "massivste Abbau in der Geschichte der Post" sei nichts anderes als eine Auslagerung von Dienstleistungen an Subunternehmen mit deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen und tieferen Löhnen. Ausserdem bedeute der Abbau der Poststellen auch einen Abbau bei der Qualität und dem Service public.

Auch die SP befürchtet, dass der "Abbau von Dienstleistungen bei immer höheren Spitzenlöhnen" die Akzeptanz des Service public gefährdet. Und die Autonome Pöstlergewerkschaft wirft der Post-Leitung gar vor, sie interessiere sich nicht mehr für das Schweizer Poststellennetz.

Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) befürchtet, dass vor allem ältere Menschen mit der Geschwindigkeit der Veränderungen nicht Schritt halten könnten. Sie seien auf ein dichtes Poststellen- oder Agenturnetz angewiesen. Die SKS kritisiert deshalb, dass im Vergleich mit den geplanten Schliessungen von Poststellen 100 Agenturlösungen weniger geplant seien.

Transfair zeigte zwar ein gewisses Verständnis für den Abbau beim stark defizitären Geschäft der Poststellen. Dieser sei langfristig nicht zu verhindern. Warum jedoch innerhalb von nur drei Jahren hunderte Stellen abgebaut werden müssten, sei nicht nachvollziehbar. Als "Katastrophe" bezeichnet die Gewerkschaft die Tatsache, dass sie nicht im Vorfeld über die Abbaupläne informiert worden sei.

PostCom sei eine harte Botschaft

Die Eidg. Postkomission PostCom begrüsst die "neue Offenheit", mit der die Post über ihren Abbau im Poststellennetz informiert hat. Doch die Aufsichtsbehörde will derPost bei der Umsetzung auf die Finger schauen.

Die Schliessung von 600 Poststellen sei schon eine harte Botschaft, sagte PostCom-Präsident Hans Hollenstein gegenüber der Nachrichtenagentur sda am Mittwoch. Er sei ihm deshalb ein Anliegen, dass für die bis zu 1200 betroffenen Mitarbeitenden - auch die über 50-Jährigen - faire und gute Lösungen gefunden würden.

Er appelliere in diesem Zusammenhang an die soziale Verantwortung der Post. Der Gesamtarbeitsvertrag biete zwar einen guten Schutz. "Aber man kann als Arbeitgeber darüber hinaus auch guten Willen zeigen", sagte Hollenstein. Aufgrund seiner Erfahrungen sei er grundsätzlich optimistisch.

Als eine positive Entwicklung beurteilte Hollenstein die Tatsache, dass die Post nun offen über ihre Strategie informiere. Bisher sei die Umstrukturierung schleichend voran gegangen, jedes Jahr seien so um die 100 Filialen weggefallen. Nun herrsche endlich Klarheit.

Ein guter Ansatz sei auch die von der Post angekündigte regionale Betrachtung der Versorgung und des Poststellennetzes. Diese Strategie sei eine Chance für die Zukunft. Doch dessen Umsetzung will er der Post nicht alleine überlassen. "Wir verlangen, dass der Bundesrat regionalen Kriterien in die Postverordnung aufnimmt", sagte Hollenstein.

Denn der Zielwert, dass 90 Prozent der Haushalte innerhalb von 20 Minuten zu Fuss oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine Poststelle oder Postagentur erreichen müssten, sei angesichts der Urbanisierug einfach zu erreichen. "Das nützt den Menschen zum Beispiel im Obergoms nichts". Deshalb müsse das Prinzip der regionalen Kriterien im Gesetz verankert werden.