Fall Varone
«Polizeikommandanten sollten nicht vertuschen und beschönigen»

Der Walliser Polizeikommandant Christian Varone gehört nach seiner Verurteilung in eine Reihe strafrechtlich auffällig gewordener Polizeikommandanten. Der forensische Psychiater Frank Urbaniok ordnet die Fälle der jüngeren Vergangenheit ein.

Dean Fuss
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Herr Urbaniok, in den letzten Monaten und Jahren sind mehrere Polizei-Kommandanten mit Gesetzesverstössen aufgefallen. Haben Sie eine Erklärung für diese Häufung?

Frank Urbaniok: Polizei-Kommandanten stehen unter verschärfter Beobachtung der Öffentlichkeit. Heute wird über jede Verkehrsregelverletzung breit in den Medien berichtet. Umgehend werden öffentliche Grundsatzdiskussionen ausgelöst, an denen sich viele Personen beteiligen. Das ist anders als in der Vergangenheit. Deswegen bezweifle ich, ob es sich um eine tatsächliche Häufung im Vergleich zu früher handelt.

Kommandanten auf Abwegen

Der Walliser Polizeikommandant Christian Varone wurde in Türkei unter Aufschub zu einem Jahr und 15 Tagen Gefängnis verurteilt. Der 49-Jährige war des versuchten Schmuggels antiker Kulturgüter angeklagt gewesen. Er war im Juli 2012 bei der Ausreise aus der Türkei festgenommen worden. Flughafenbeamte hatten in seinem Gepäck einen Stein gefunden.
2009 war M., der damalige Chef der Regionalpolizei Zofingen, als Drogendealer aufgeflogen - er trat später zurück. Wie Varone erwischte es im Juli des vergangenen Jahres auch seinen Aargauer Kollegen: Stephan Reinhardt, damals Kommandant der Kantonspolizei Aargau, verlor seinen Führerausweis für ein halbes Jahr - auch er trat zurück. Und zu Beginn des laufenden Monats hatte es den designierten Kommandanten der Stadtzürcher Polizei, Daniel Blumer, erwischt, weil er auf der Autobahn rechts überholte.

Gibt es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen der Berufswahl Polizist und den Gesetzesübertretungen?

Einige Psychologen haben sich in dieser Weise in den vergangenen Wochen geäussert. Ich halte das für eine haltlose Spekulation und Wichtigtuerei. Ich habe in meiner Karriere viele Polizisten kennengelernt. Mehrheitlich bin ich dabei auf absolut integere Personen getroffen, die einen schwierigen Job für uns alle erledigen.

Weshalb sind es gerade auch vor allem Polizisten in höheren Ämtern, die solche Delikte begehen?

Wie gesagt, gehe ich eher davon aus, dass solche Verstösse bei diesen Personen eher wahrgenommen werden. Die Geschwindigkeitsüberschreitung eines Streifenpolizisten ist keine Nachricht. Das heisst aber nicht, dass das nicht vorkommt.

Kann ein rechtskräftig verurteilter Polizeikommandant wieder als Vorbild in seine Funktion zurückkehren?

Christian Varone wurde von einem türkischen Gericht zu einer bedingten Gefängnisstrafe verurteilt.
4 Bilder
Stephan Reinhardt bei seiner Verabschiedung auf dem Schloss Lenzburg - er verlor seinen Führerausweis.
Daniel Blumer überholte rechts auf der Autobahn.Kenneth Nars
Der damalige Chef der Regionalpolizei Zofingen war als Drogendealer aufgeflogen.

Christian Varone wurde von einem türkischen Gericht zu einer bedingten Gefängnisstrafe verurteilt.

KEYSTONE

Das kommt natürlich immer auf den Einzelfall an. Ich glaube aber man muss überlegen, welche Führungspersönlichkeiten wir haben wollen. Nehmen wir an, Sie durchleuchten eine Person bis in den kleinsten Winkel. Und niemals im Leben finden Sie die geringste Abweichung, nie eine Geschwindigkeitsüberschreitung, nie einen Vollrausch, nie eine verkachelte Beziehung, nie ein Fettnäpfchen, in das man getreten ist. Ich muss Ihnen sagen, eine solche Person ist mir unheimlicher als jemand der einen Fehler macht, dazu steht und daraus lernt.

Wie kann ein Polizeikommandant in dieser Situation seine Glaubwürdigkeit wieder herstellen?

Selbstverständlich kommt es auf die Schwere der Verfehlung an. Bestimmte Dinge sind ein no-go, das ist klar. Aber bei kleineren Verstössen kommt es sehr darauf an, wie der Kommandant mit seinem Fehler umgeht. Alles offen legen, nichts vertuschen, nichts beschönigen und authentisch zeigen, dass man seine Lektion gelernt hat. Das kann sogar positiv für die eigene Glaubwürdigkeit sein.