Sperisen-Prozess
Polizeichef Sperisen spielt mit den Richtern Katz und Maus

Erwin Sperisen, der ehemalige Schweizer Polizeichef von Guatemala, versuchte sich am ersten Prozesstag in Genf vor unangenehmen Fragen der Richter zu drücken. Zudem sorgte eine Klägerin, die gar nichts über den Prozess weiss, für Aufregung.

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Polizeichef von Guatemala zwischen 2004 und 2007: Der Schweizer Erwin Sperisen.

Polizeichef von Guatemala zwischen 2004 und 2007: Der Schweizer Erwin Sperisen.

Keystone

Der ehemalige Polizeichef Guatemalas sitzt in den nächsten drei Wochen auf der Anklagebank des Genfer Strafgerichts. Die Anklage wirft ihm vor, 2005 und 2006 die Ermordung von zehn Häftlingen befohlen, geplant und in einem Fall gar selbst begangen haben.

Zermürbt vom Bürgerkrieg

Die Geschichte der Republik Guatemala ist durch Militärdiktaturen und Gewalt geprägt. Zwischen 1960 und 1996 tobte ein Bürgerkrieg, bei dem 200'000 Menschen - die meisten davon Indigene - getötet wurden. Der Staat in Zentralamerika gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Die Anklage wirft Sperisen den Mord an sieben Häftlingen vor. Einen davon soll er selber getötet haben. Die Häftlinge kamen bei einem Einsatz im Gefängnis Pavon am 25. September 2006 ums Leben. Mit den Einsatz wollten die Ordnungskräfte die Kontrolle über das Gefängnis zurückerobern. Dieses befand sich in den Händen Häftlingen. Nach der Exekution der sieben Gefangenen wurde der Tatort angeblich umgestellt, so dass ein Angriff auf die Sicherheitskräfte vorgetäuscht wurde. Zudem soll Sperisen bereits 2005 die Ermordung von drei geflohenen Häftlingen angeordnet haben. Sperisen trat im März 2007 als Polizeichef zurück, nachdem Polizisten mehrere Parlamentarier aus Guatemalas Nachbarland El Salvador ermordet hatten. Er kehrte darauf in die Schweiz zurück. Seit August 2010 wurde Erwin Sperisen mit einem internationalen Haftbefehl gesucht. Nachdem NGO's der Genfer Staatsanwaltschaft bewiesen konnten, dass er sich in der Schweiz befindet, wurde er am 31. August 2012 verhaftet. Seither sass er im Gefängnis Champ-Dollon in Untersuchungshaft. Der 43-Jährige ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Seine Familie wohnt in Genf. Sperisen engagierte sich vor seiner Verhaftung in der Evangelischen Volkspartei (EVP).

Weil die Schweiz grundsätzlich keine Staatsangehörige ausliefert, kommt es in Genf zum Prozess. Im Fall einer Verurteilung drohen dem 43-Jährigen über zehn Jahre Haft. Der Angeklagte bestritt die Vorwürfe bisher stets.

Zum Prozessauftakt am Donnerstag konnte Sperisen noch nicht zu den Tötungsdelikten befragt werden. Erst der „Plan Gavilan" kam zur Sprache. Der Plan diente der Suche von 19 aus dem Gefängnis ausgebrochenen Häftlingen.

Parallel zum „Plan Gavilan" soll die Ermordung der Häftlinge organisiert worden sein. Sperisen räumte vor Gericht ein, dass er vom Plan Kenntnis gehabt habe.

Bei detaillierten Fragen wich er jedoch oft aus oder schweifte in Erklärungen ab. Dies ärgerte zuweilen Gerichtspräsidentin Isabelle Cuendet: "Man hat den Eindruck, dass sie mit uns Katz und Maus spielen", sagte sie ihm am Abend.

Keine Marionette

Die Frage eines anderen Mitglieds des siebenköpfigen Gerichts, ob er als Polizeichef eine Marionette gewesen sei, verneinte er jedoch. Die Befragung des Angeklagten verlief wegen zahlreicher Fragen - vor allem von Seiten der Verteidigung - schleppend.

Die Verteidiger von Sperisen, Florian Baier und Giorgio Campa, hatten am Morgen für Furore gesorgt. Sie forderten vom Gericht die Zulassung von zwei Entlastungszeugen, darunter der ehemalige Präsident Guatemalas, Oscar Berger.

Dieser plane bereits, in die Schweiz zu reisen. Weiter wollten sie Alejandro Giammattei, den damaligen Direktor der Strafanstalten, vorladen. Viel zu reden gab vor dem Genfer Strafgericht auch ein Artikel der Westschweizer Zeitschrift „L'illustré".

Klägerin wusste angeblich von nichts

Ein Journalist dieser Zeitschrift hatte die einzige Klägerin ausser der Staatsanwaltschaft in Guatemala besucht. Es handelt sich um die rund 70-jährige Mutter eines getöteten Häftlings. Diese wusste gemäss dem am Mittwoch erschienen Artikel nichts vom Prozess.

Angeblich war ihr nicht einmal ihre Anwältin in Genf bekannt. Diese Anwältin nimmt derweil am Prozess teil und vertritt eben diese Klägerin. Die Anwälte Sperisens forderten - die Zeitschrift schwenkend - den Ausschluss dieser Klägerin vom Prozess.

Die Frau habe die ihr von der Internationalen UNO-Kommission gegen Straflosigkeit in Guatemala (CICIG) vorgelegte Klage unterschrieben, ohne sie zu lesen. Dies liess die Anwältin der Klägerin, Alexandra Lopez, nicht auf sich sitzen.

Anträge der Verteidigung scheitern

Ihre Mandantin habe sie mit dem Fall betraut. Die Verteidigung Sperisens wende seit einem Jahr viel Energie dafür auf, sie vom Prozess auszuschliessen. Die Versuche zeigten die Art des Angeklagten, ihm lästige Personen loswerden zu wollen, sagte Lopez.

Wie Alexandra Lopez stellte sich auch Staatsanwalt Yves Bertossa gegen die Anträge. Das siebenköpfige Gericht zog sich zur Beratung zu einer längeren Mittagspause zurück. Am Nachmittag gaben sie bekannt, dass die Anträge der Verteidigung abgelehnt werden. Der Prozess wird am Freitag mit der Befragung Sperisens zu den Delikten fortgesetzt.