JESSICA PFISTER

Rund 350000 Schwule und Lesben leben in der Schweiz. Experten gehen davon aus, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder und Jugendliche mit gleichgeschlechtlicher sexueller Orientierung sitzen. Eine neue Studie zeigt nun, dass bei jugendlichen Homosexuellen die Suizidgedanken und -versuche signifikant höher sind als bei gleichaltrigen Heterosexuellen. Grund dafür ist nicht das Anderssein an sich, sondern die Diskriminierung durch Gleichaltrige und die Tabuisierung und Ignoranz an den Schulen.

Deshalb fordert die Fachgruppe Bildung der Organisationen Pink Cross (Schweizerische Schwulenorganisation), LOS (Lesbenorganisation Schweiz) und FELS (Freundinnen und Eltern von Lesben und Schwulen), dass die Schulen das Thema sexuelle Orientierung und Identität auf allen Altersstufen und fächerübergreifend in den Lehrplan 21 aufnehmen.

Beginn schon im Kindergarten

«In vielen Schulen wurde dies bislang weitgehend ignoriert», sagt der Leiter der Fachgruppe, Pierre Schommer. Wenn, dann würden die Lehrer das Thema in der Diskussion um Aids und Prostitution erwähnen. «Damit entsteht ein völlig falsches Bild, das die homo- und bisexuellen Jugendlichen nur noch mehr verunsichert», so Schommer. Es sei darum wichtig, das Thema wertneutral, regelmässig und früh in den Unterricht einzubringen. Das könne schon im Kindergarten beginnen: «Indem man beispielsweise in einer Geschichte erzählt, dass auch zwei Mamis oder zwei Papis zusammen einkaufen gehen.»

In der Primarschule könnten die Lehrer die Materie im Geschichts- oder im Religionsunterricht einbringen. Verständnis für das Anliegen hat Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer: «Kinder fühlen sich schnell allein gelassen und müssen in ihrer Identitätsfindung auch in der Schule unterstützt werden.» Er kann sich gut vorstellen, die Thematik Homosexualität fächerübergreifend in den Lehrplan aufzunehmen, denn: «Momentan gibt es tatsächlich keine verbindliche Regelung.» Die Lehrer könnten selber entscheiden, ob und in welchem Fach sie mit den Schülern darüber sprechen. Bei einer allfälligen Einführung in den Lehrplan ist Zemp jedoch wichtig, dass es klare Richtlinien gibt und auch entsprechende Lehrmittel.

«In der Schule nichts zu suchen»

Weit kritischer als Lehrerverbandspräsident Zemp sind Bildungspolitiker. Die CVP-Nationalrätin und ehemalige Gymnasiallehrerin Kathy Riklin (CVP/ZH) sagt: «Das sind gesellschaftspolitische Fragen und haben in der Schule nichts zu suchen.» Den Lehrpersonen solle es weiter selbst überlassen bleiben, ob sie das Thema Homosexualität
in den Unterricht integrieren oder nicht. «Einen Schulauftrag braucht es dafür nicht.» Gleicher Meinung ist SVP-Nationalrat und Gymnasiallehrer Oskar Freysinger, der hinzufügt: «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gerade gut ist, solche Dinge nicht ständig anzusprechen.»

Er habe schon mehrmals homosexuelle Schüler gehabt und es sei nie zu Problemen gekommen. Weder seien die Jugendlichen von Klassenkameraden gehänselt noch ausgegrenzt und schon gar nicht gewaltsam angegriffen worden. Für Freysinger ist klar: «Es ist heute für die Kinder schon genug schwierig, ihre Identität zu finden, weil es ihnen an Rollenmodellen fehlt. Da brauchen sie nicht noch ein weiteres.»