Missbrauch
Politiker kritisieren Schweizer Kirche wegen Missbrauchsfällen

Als zu passiv kritisieren Politiker aller Parteien die Praxis der katholischen Kirche , den Entscheid über eine Anzeige dem Opfer zu überlassen. Die Kirche soll in Missbrauchsfällen selbst Anzeige erstatten, so ihre Forderung.

Drucken
Teilen
Passive Haltung schadet Image der Kirche

Passive Haltung schadet Image der Kirche

Karen Schärer

«Solange die Kirche nicht selbst Anzeige erstattet, wirkt es, als würde sie Täter schützen», sagt der grüne Nationalrat Daniel Vischer. Und SVP-Nationalrätin Natalie Rickli findet, die Kirche mache es sich zu einfach mit ihrer Haltung, die Anzeige den Opfern zu überlassen (siehe Interview rechts).

«Es gilt Nulltoleranz» Frau Rickli, die Kirche überlässt es den Opfern sexueller Übergriffe, ob sie Anzeige erstatten wollen. Was halten Sie davon?Natalie Rickli: Die Kirche macht es sich damit zu einfach. Dass sie den Opfern Unterstützung anbietet, ist aber ein Schritt in die richtige Richtung. Was müsste die Kirche tun?Rickli: Es braucht ein hartes Durchgreifen und ein klares Signal. Bei sexuellem Missbrauch gilt Nulltoleranz , insbesondere für die Kirche. Was heisst das konkret?Rickli: Die Kirche muss den Priester entlassen, er gehört angezeigt und dem Strafrecht zugeführt. Den Priester einfach in einen anderen Bereich zu versetzen, genügt nicht; solche Leute gehören nicht in die Kirche. Sie sind selbst Katholikin...Rickli: Genau darum beschäftigt mich das Thema sehr. Es muss in der Kirche viele Mitwisser geben, sonst könnten diese Fälle nicht so lange unter dem Deckel gehalten werden. Sie fordern, Sexualstraftäter sollen härter bestraft werden.Rickli: Das heutige Strafrecht kann Opfer abhalten, Anzeige zu erstatten. Denn sehr viele Täter kommen mit bedingten Geldstrafen davon. Deshalb muss auch das Strafrecht verschärft werden. Ich fordere, dass die bedingten Geldstrafen abgeschafft werden. Bei so genannt einfacheren Sexualdelikten sollen Täter im Wiederholungsfall ins Gefängnis kommen. Im Ständerat ist eine Motion von mir hängig, die bei Vergewaltigung eine Mindeststrafe von drei Jahren Gefängnis fordert. (kas)  

«Es gilt Nulltoleranz» Frau Rickli, die Kirche überlässt es den Opfern sexueller Übergriffe, ob sie Anzeige erstatten wollen. Was halten Sie davon?Natalie Rickli: Die Kirche macht es sich damit zu einfach. Dass sie den Opfern Unterstützung anbietet, ist aber ein Schritt in die richtige Richtung. Was müsste die Kirche tun?Rickli: Es braucht ein hartes Durchgreifen und ein klares Signal. Bei sexuellem Missbrauch gilt Nulltoleranz , insbesondere für die Kirche. Was heisst das konkret?Rickli: Die Kirche muss den Priester entlassen, er gehört angezeigt und dem Strafrecht zugeführt. Den Priester einfach in einen anderen Bereich zu versetzen, genügt nicht; solche Leute gehören nicht in die Kirche. Sie sind selbst Katholikin...Rickli: Genau darum beschäftigt mich das Thema sehr. Es muss in der Kirche viele Mitwisser geben, sonst könnten diese Fälle nicht so lange unter dem Deckel gehalten werden. Sie fordern, Sexualstraftäter sollen härter bestraft werden.Rickli: Das heutige Strafrecht kann Opfer abhalten, Anzeige zu erstatten. Denn sehr viele Täter kommen mit bedingten Geldstrafen davon. Deshalb muss auch das Strafrecht verschärft werden. Ich fordere, dass die bedingten Geldstrafen abgeschafft werden. Bei so genannt einfacheren Sexualdelikten sollen Täter im Wiederholungsfall ins Gefängnis kommen. Im Ständerat ist eine Motion von mir hängig, die bei Vergewaltigung eine Mindeststrafe von drei Jahren Gefängnis fordert. (kas)  

Keystone

Juristisch gibt es an der Vorgehensweise der Kirche nichts zu bemängeln. Marcel Niggli, Strafrechtsprofessor an der Universität Freiburg, erklärt: «Aus juristischer Sicht ist die Kirche nicht verpflichtet, selbst Anzeige zu erstatten, denn es gibt generell keine Anzeigepflichten – ausser man ist dafür angestellt, etwa als Polizist oder Privatdetektiv.»

«Proaktive Haltung»

Trotzdem sorgt die Praxis der Kirche weitherum für Kritik. CVP-Kommunikationschefin Marianne Binder sagt: «Diese Fälle von sexuellen Übergriffen schaden dem Ansehen der Kirche. Es sollte deshalb im Interesse der Kirche sein, selbst Anzeige zu erstatten, um dem Vorwurf der mangelnden Transparenz endlich zu entgehen.» I

ns gleiche Horn stösst FDP-Nationalrätin Christa Markwalder: «Angesichts des Ausmasses der Übergriffe und der jahrzehntelangen defensiven Reaktion der Kirche sollte diese nun eine proaktive Haltung bei der Aufklärung, Wiedergutmachung und Prävention einnehmen.» Für Markwalder ist klar: «Eine aktive Haltung der Kirche bezüglich der Anzeigen ist ein mögliches Instrument im Kampf gegen die ganze Situation.»

Kommt der Bundesrat nun zum Zug?

Während SP-Nationalrat Daniel Jositsch im «SonntagsBlick» von einer «starken moralischen Pflicht für die Kirchen, Anzeige zu erstatten», spricht, argumentiert Parteikollegin Jacqueline Fehr auf der Linie des Abtes: «Aus Opferperspektive ist es richtig, das Opfer entscheiden zu lassen. Denn wenn die Kirche mit einer Anzeige das Opfer in ein Verfahren zwingt, erlebt sich das Opfer erneut als ohnmächtig oder gar missbraucht.» Die Kirche müsse dem Opfer aber in einem Verfahren volle Unterstützung bieten.

Carlo Sommaruga (SP/GE) will das Thema nun ins Parlament bringen: Er will vom Bundesrat wissen, was dieser unternehmen kann, um die Kirche zu einer Gesamtstudie und globalen Entschuldigung zu bringen. «Die Kirche muss sich dringend reformieren», sagt Sommaruga.

Aktuelle Nachrichten