Die Schweizer Klimajugend mischt den Wahlkampf auf. Sie will online publizieren, welche National- und Ständeratskandidaten ihre Anliegen unterstützen oder nicht. Das beschloss sie neulich am vierten Klimagipfel in Bern. Ein Forderung lautet: netto null Treibhausgasemissionen bis 2030. Der Klimaschutz ist das politische Thema der Stunde, dem sich Politiker vor den eidgenössischen Wahlen vom 20. Oktober kaum entziehen können. Diverse Kandidaten haben sich denn auch entschlossen, ihren CO2-Ausstoss für Wahlkampffahrten bei der Stiftung Myclimate zu kompensieren. Mit den freiwilligen Beiträgen werden zum Beispiel effizientere Kocher in Kenia oder die Aufforstung in Nicaragua finanziert.

Der Aargauer FDP-Nationalrat Thierry Burkart tourt mit einem VW Bus, Jahrgang 1974, durch den Kanton Aargau.

Seine Wahlkampfemissionen im Kampf um einen Sitz im National- und Ständerat kompensiert er bei Myclimate. Das sei wirkungsvoller Klimaschutz, und er setze auf Eigenverantwortung, sagte er gegenüber unserer Zeitung.

Die Aargauer SP-Präsidenten Gabriela Suter hatte Burkart auf Twitter kritisiert, er betreibe Wahlkampf mit einer «alten Dreckschleuder».

Burkart ist nicht der einzige Politiker, der die rollende Werbung in eigener Sache klimaneutral gestaltet. Auch der Luzerner Ständeratskandidat Damian Müller, unterwegs mit einem dreirädrigen Ape, leistet freiwillige einen Beitrag an Myclimate.

Der Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller tourt mit einem «APE» durch den Kanton Luzern.

Der Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller tourt mit einem «APE» durch den Kanton Luzern.

Das tun auch der Aargauer SP-Ständeratskandidat Cédric Wermuth und Nationalratskandidaten Gabriela Suter, wenn sie ausnahmsweise mit dem Auto unterwegs ist.

Dass sich Kandidaten in der aktuellen politischen Grosswetterlage so verhalten, überrascht Georg Lutz nicht.

, sagt der Professor für Politologie an der Universität Lausanne. Und: «Die Politiker werden quasi gezwungen, sich umweltfreundlich zu positionieren.» Es scheine wenig opportun zu sagen, man tingle von einem Wahlkampftermin zum anderen und die daraus resultierende Umweltbelastung sei einem egal. «Da bieten sich Kompensationsmassnahmen geradezu an», ergänzt Lutz. Einige Kandidaten würden sich indes auch dezidiert von solchen Klimaschutzmassnahmen abgrenzen, um sich von der Konkurrenz zu unterscheiden.

Grüne empfehlen Kompensation

Die Parteien schreiben ihren Kandidaten nicht vor, ihre Wahlkampffahrten mit Spenden bei Myclimate quasi weisszuwaschen. Die Kompensation sei aber sinnvoll, sagt zum Beispiel SP-Co-Generalsekretärin Rebekka Wyler. Die Grünen empfehlen ihren Kandidaten aber, den CO2-Ausstoss bei nicht vermeidbaren Fahrten – zum Beispiel für Materialtransport – zu kompensieren. Die Grünen gingen davon aus, dass Wahlkampffahrten ihrer Kandidaten die absolute Ausnahme seien. FDP-Sprecherin Fanny Noghero sagt derweil: «Wir machen keine Vorgaben, sondern zählen auf die Eigenverantwortung. Alle Kandidaten müssen selber beurteilen, was sie für sinnvoll halten.»

Keine Notwendigkeit für eine Kompensation ihrer Wahlkampffahrten sieht die Luzerner CVP-Nationalrätin Andrea Gmür.

, sagt Gmür, die für beide Räte kandidiert. Das macht auch ihr direkter Konkurrent Franz Grüter. Er reist derzeit sowohl im SVP-Tourbus als auch mit einem Tesla durch den Kanton Luzern. Mit seinem Elektrofahrzeug leiste er einen konkreten Beitrag zum Klimaschutz, sagt er. Der Tourbus erfülle die neusten Abgasnormen. Grüter verzichtet daher darauf, seine Fahrten mit freiwilligen Spenden bei Myclimate abzugelten.

Ob im Wahljahr das Spendenvolumen von Politikern bei Myclimate gestiegen ist, weiss die Stiftung nicht. Sie führt keine entsprechende Statistik. Sprecherin Kathrin Dellantonio geht aber davon aus, dass Politiker bei diesem Wahlkampf mehr kompensieren als bei früheren – «so präsent wie das Thema Klimaschutz derzeit ist».