Wenn Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger (CVP/LU) heute Morgen um acht Uhr die Sitzung eröffnet, dürfte manch ein Innerschweizer nicht ganz hellwach auf dem Stuhl sitzen.

Bis in die frühen Morgenstunden fand in Luzern der traditionell feuchtfröhliche Abschluss der Fasnachtswoche statt - der Monsterkorso der Vereinigten Guggenmusiken.

Da wollen zahlreiche Parlamentarier keine Spassbremse sein. «Letztes Jahr ging ich nur kurz nach Hause und dann direkt ins Parlament. Dieses Jahr schlafe ich aber ein bisschen», versicherte gestern Mittag Nationalrat Felix Müri. Er habe schliesslich bereits am Montagnachmittag, bei Sessionsbeginn, «ziemlich gelitten», sagt der Luzerner SVP-Mann, der seit zehn Jahren bei den «Borggeischter Roteborg» die Posaune zum Klingen bringt. Auf «bescheidenem, aber fasnachtstauglichem Niveau», wie er anfügt.

Auch Ida Glanzmann dürfte nicht viel ausgeschlafener sein, gestern hat sie sogar den Sessionsmorgen geschwänzt. «Das ist eine Ausnahme. Aber die Fasnacht ist wie ein Virus, der einen packt und nicht mehr loslässt», sagt die CVP-Nationalrätin.

Ein Urteil, das auch Nationalrat Andy Tschümperlin (SP/SZ) sofort unterschreiben würde - er ist seit Urzeiten Mitglied bei den «Schwyzer Nüssler». Als Fraktionschef könne er es sich aber nicht erlauben, die Fasnacht in voller Länge durchzufeiern.

Glanzmann alias Maja Brunner

Für die überregional bekannten Parlamentarier besonders von Vorteil: Für einmal können sie sich weitgehend unerkannt unters Volk mischen, der Maskierung sei Dank. Tschümperlin etwa verschwand inmitten von Gleichgekleideten. Und Glanzmann zog - flankiert von Whoopi Goldberg, Lady Gaga und Otto Waalkes - als Schlagersängerin Maja Brunner durch die Strassen.

Normalerweise wäre sie dort auch dem Luzerner FDP-Ständerat Georges Theiler begegnet, aus privaten Gründen konnte er dieses Jahr aber nicht teilnehmen. Ganz anders im Jahr 2006: Damals wurde er zum höchsten Fasnächtler - zum sogenannten Fritschivater - gewählt, was mit allerlei Verpflichtungen verbunden ist. Der Schlaf hat dann letzte Priorität. «Aber ein echter Fasnächtler kann auch um fünf Uhr ins Bett gehen und um acht Uhr wieder fit sein», so Theiler.

Die aktivste Rolle aller aktuellen Parlamentarier nimmt wohl Ständerat Pirmin Bischof aus Solothurn ein - er tourt mit einer Schnitzelbank-Gesellschaft durch die Beizen. Bis zu 600 Leute hören zu, wenn die «Stedtlischiiisser» mit Leadsänger Bischof ihre Verse zum Besten geben. Die Themen reichen dabei von der Lokalposse bis zur fürs ganze Land wegweisenden Volksabstimmung. Im Nachzug der Masseneinwanderungsinitiative wandelten die Spassmusiker etwa Stefan Raabs Kultsong «Maschendrahtzaun» ab.

Leidgeprüfte Basler

Als politischste - und melancholischste - aller Schweizer Fasnachten gilt die Basler Ausgabe, die am nächsten Montag mit dem Morgenstreich startet. Die traditionellen Schnitzelbänke sorgen auch dank ihrem politischen Gehalt weit über die Region für Lacher und Gesprächsstoff.

Weil die Basler Fasnacht - im Gegensatz zu den Innerschweizern - regelmässig mit den Daten der Frühlingssession kollidiert, brauchen Parlamentarier aus dem Rheinknie eine besondere Standfestigkeit. Es bleibt den Baslern nur ein Trost, wenn ihnen am nächsten Montag bei der Beratung des Doppelbesteuerungsabkommens mit Liechtenstein fast das Gesicht aufs Pult fällt: 2015 findet die Fasnacht vor der Session statt.