Hitzige Diskussion
Politik-Professor verlässt wutentbrannt die «Arena»

Die «Arena» hat es geschafft und ist wieder das geworden, was sie seit den Zeiten der Blocher-Bodenmann-Duelle nicht mehr war: Eine gute Politshow. Bereits heute wird die Ombudsstelle von der SVP mit Beschwerden eingedeckt werden.

Maurice Thiriet, watson.ch
Merken
Drucken
Teilen

Die Konzeptumstellungen, die das Team um Redaktionsleiter und Moderator Jonas Projer an der «Arena» vorgenommen hat, zahlen sich aus. Zum wiederholten Mal werden schon in Kürze Clips mit «Arena»-Ausschnitten im Internet die Runde machen.

Diese Woche hat die «Arena»-Redaktion den SVP-Nationalrat Luzi Stamm den Löwen zum Frass vorgeworfen. Dieser trat in der Frage, wie das Verhältnis zur EU vor dem Hintergrund der Masseneinwanderungs-Initiative (MEI) zu gestalten sei, allein an gegen: SP-Nationalrat Eric Nussbaumer, Operation Libero-Präsidentin Flavia Kleiner, FDP-Präsident Philipp Müller, Professor für Politik Dieter Freiburghaus und, ganz offensichtlich, das Publikum.

Damit war die über Jahre eingeübte Dramaturgie mit zwei Befürwortern, zwei Gegnern, ein paar Parolenrufern, einem Moderator und seit dem Relaunch einem oder zwei Experten, über den Haufen geworfen. Und das mit Gewinn.

Aber die Debatte wird mit Verve geführt. Professor Dieter Freiburghaus will gleich zu Beginn der Sendung mit seiner Vorlesung beginnen und weist Philipp Müller wie einen Studenten zurecht, als dieser ihm dreinschwatzt. Als Moderator Jonas Projer sich mit einer Behauptung an ihn wendet, gibt er den gelangweilt-resignierten Oberstudienrat: «Händ Sie e Fraag, Herr Projer?» Und ziemlich zu Beginn der Sendung, als er mit Müller in einen Streit darüber gerät, wer wann den Inländervorrang vorgeschlagen hat und was das noch nütze, packt Freiburghaus seine Sachen und läuft aus der Studio-Kulisse raus.

Den sonst selten um einen Spruch verlegene Philipp Müller bleibt konsterniert zurück und fragt: «Bin ich jetzt tschuld, ass är gange-n-isch?» Auf Bitten Projers nimmt Freiburghaus seinen Platz nach wenigen Minuten wieder ein.

Mehr Grund zum Gehen hätte Luzi Stamm gehabt. Flankiert von zwei kognitiv-intellektuell wenig begabten Studiogästen musste er die Begrenzung der Zuwanderung gegen den Willen der EU verteidigen und es gebührt ihm ein gerüttelt Mass an Respekt, für die Art und Weise, wie er das getan hat. Flavia Kleiner, die ansonsten nur als neoliberale Gebetsmühle in Erscheinung trat («Der Unternehmer weiss am besten, wie viele und welche Arbeitskräfte er braucht!»), warf Stamm in einem starken Statement vor, die SVP sei eine wirtschaftsfeindliche Partei, die den Wohlstand gefährde und die Bevölkerung anlüge.

Freiburghaus bezeichnete Stamms Ansichten als «von vorgestern», «sooo blöd» und diejenigen der «Schweizermacher, zu denen Sie auch ganz gut passen würden.» Studiogast Herr Hostettler, KMU-Unternehmer aus der Waadt, sagte Stamm stellvertretend für sämtliche Westschweizer KMU-Unternehmen Schimpf und Schande («Wir Westschweizer haben die MEI zu zwei Dritteln abgelehnt. Reden Sie nicht immer von der Mehrheit der Bevölkerung! Sie spalten das Land!»). Und Nussbaumer bezeichnete den MEI-Verfassungsartikel der SVP, der eine Frist von drei Jahren bis zur Umsetzung vorschreibt, konsequenterweise als «dumm».

Und als ob das nicht schon genug wäre, gab ihn Moderator Projer auch noch der Lächerlichkeit preis. Nachdem Kleiner geschwärmt hatte «von Schrebergärten, mit Flaggen aus ganz viel verschiedenen Nationen, die im helvetischen Wind wehen, auch die von Kroatien», wandte sich Projer an Stamm und sagte: «Ich kann mir vorstellen, dass Sie die Schrebergärten mögen, aber die Kroaten weniger.»

Nach einem peinlichen Moment der Stille prustete jemand mit Mikrofon los, hauptverdächtig ist Nussbaumer. Dann lachte das ganze Publikum Stamm aus. Dieser fasste sich nach einer Schrecksekunde rasch und erwiderte nur, es gebe nichts zu Lachen. Danach sagte er wieder, was er den ganzen Abend sagte: Es gehe weder um Kroatien, noch um die Bilateralen Verträge noch um irgendwelche Rahmenabkommen. Es gehe einzig und allein darum, ob der Bundesrat die Zuwanderung aus der EU begrenze, was er müsse, weil es a) Volkswille sei und b) die Personenfreizügigkeit innerhalb der EU nur in der Theorie funktioniere. Und das tue der Bundesrat nicht.

Der Sieger heisst Luzi Stamm

Damit hat Stamm, der wegen Unterzahl etwa die Hälfte der Redezeit erhielt, seinen Teil dazu beigetragen, die übliche Rollenverteilung «Polternde SVPler vs. anständigen Rest» in der gestrigen «Arena» umzukehren. Während Kleiner, Nussbaumer, Müller und Freiburghaus in rudelhaftem bis peinlich-unhöflichem Überbiss über Stamm herfielen, blieb dieser ruhig und brachte höflich aber bestimmt den Standpunkt seiner Partei rüber und wirkte insgesamt und mit Underdog-Bonus am sympathischsten.

Nichtsdestotrotz wartet auf Achille Casanova am Montag eine Menge Arbeit. Er nimmt als Ombudsmann der SRG – neben wenig anderem – die Beschwerden von Zuschauern über SRF-Sendungen an, in denen SVP-Exponenten angegriffen werden.

Update:

Jonas Projer weist den Vorwurf in folgendem Wortlaut zurück (siehe Tweet unten): «Unsinn! Hier spielt Ihnen die eigene politische Gesinnung einen Streich. Die Bemerkung zielte natürlich darauf, dass die SVP die Ausweitung der Personenfreizügigkeit auf Koratien vehement ablehnt. Und ausgelacht hat Herrn Stamm überhaupt niemand. Nach der Sendung gratulierten ihm verschiedene Teilnehmer zu seiner Courage – unter anderem ich.»

Hier die ganze Sendung: