Vor dem Naturereignis war Anna Giacometti (56) die gewöhnliche Präsidentin einer Gemeinde in einem abgelegenen Bergtal, das die meisten Schweizer geografisch kaum verorten können.

Wie andere Kinder des Bergells verliess sie ihre Heimat für die Ausbildung. Dann lernte sie die Welt als Mitarbeiterin des konsularischen Diensts kennen, kam zurück, versuchte sich als Bäuerin – und stieg in die Politik ein. Massgeblich prägte sie 2010 die Fusion der Bergeller Dörfer zu einer einzigen politischen Gemeinde Bregaglia. Auf dem Bürotisch in ihrem Büro im Municipio stapelten sich vor allem Baugesuche und das wichtigste politische Geschäft waren die Gemeindefinanzen. Kurz: Es war ein Regieren im Normalfall.

Dann aber kam der Berg. Und mit ihm kamen die Journalisten, die sich für die Frau an der Spitze der Gemeinde interessierten. Und diese kam mächtig ins Rudern.

Wie von einem Logenplatz sieht man aus dem Büro von Anna Giacometti auf die verwüstete Landschaft zwischen Promotogno und Bondo. Wie eine Narbe zieht sich ein fürs Auge viel zu breites Flussbett, das inzwischen leergeräumte Auffangbecken, durch den Talboden. Vom Ausgang der Schlucht, in der das Val Bondasca ins Haupttal des Bergells abfällt, bis an den Gegenhang und talauswärts, der Maira entlang.

Nach dem Bergsturz vom 23. August und dem ersten von mehreren Murgängen, die Teile des Dorfs zerstörten, war nichts mehr wie vorher. «Ich reagierte nur noch, musste funktionieren», sagt Anna Giacometti. Und es funktionierte nicht schlecht, sie reagierte sicher nicht falsch, wie sie nun, vier Monate nach der Katastrophe, denkt.

Es war ein warmer Spätsommermorgen. «Das Fenster stand offen, ein Einwohner war bei mir. Um halb zehn hörten wir dieses dumpfe, aber heftige Rumpeln. Es kam aus dem hinteren Teil des Val Bondasca», erinnert sich Anna Giacometti. Sie ging nach draussen und schaute besorgt auf den Bergbach, der dem Tal den Namen gibt. «Wegen der Trockenheit führte die Bondasca kaum Wasser», sagt sie nun mit Blick zum Fenster hinaus auf das Rinnsal, das sich auch jetzt, drei Monate später, durch das Auffangbecken schlängelt. «Erst einmal veränderte sich der Pegelstand überhaupt nicht. Später kam etwas Schlamm, dann versiegte der Strom ganz.»

Die Zeichen standen auf Rot. Die Bergeller rechneten mit dem Schlimmsten. Fehlendes Wasser bedeutete, dass irgendetwas grosses den Bachlauf weiter talaufwärts verstopft haben musste. Und der ausgelöste Murgang-Alarm bestätigte sie darin. Anna Giacometti stieg in den Jeep des Gemeindearbeiters. Zusammen fuhren sie in den Ortsteil Bondo und halfen den bereits eingetroffenen Polizisten, die Bewohner zu evakuieren.

Eine halbe Stunde nach dem Rumpeln kam das Geschiebe. Anna Giacometti sagt: «Man hofft, es hört auf, man fühlt sich so machtlos, ausgeliefert. Doch niemand verfiel in Panik.»

Sandalen mussten weg

Die Schlamm- und Gerölllawine am Vormittag des 23. August riss alles mit sich, was im Weg stand. Und die Gemeindepräsidentin von Bregaglia katapultierte sie ins nationale Rampenlicht. Giacometti war nicht mehr bloss Kommunalpolitikerin in einem abgelege- nen Bergtal, sie wurde zur gefragten Medienperson, zur Katastrophen-Anna in Sandalen, die von der eingeflogenen Bundespräsidentin Doris Leuthard in Gummistiefeln tröstend in den Arm genommen wurde und die Fragen der Journalisten beantworten musste.

Die Sandalen, die sie in den ersten Tagen nach der Katastrophe noch trug, tauschte Anna Giacometti auf Anraten eines Kollegen gegen festeres Schuhwerk ein. Der Mediensprecher der Kapo Graubünden wich nicht mehr von ihrer Seite. Später übernahm ein privater Kommunikationsberater diese Aufgabe. «Er war einfach plötzlich da und setzte sich an die Arbeit. Und ich war froh darüber», sagt Anna Giacometti.

Zwar war die Gefahr, die vom Cengalo ausging, spätestens seit dem Bergsturz 2011 und dem Murgang vom Sommer 2012 bekannt. Das Bergell war aber vor allem wegen seiner Schönheit und als Ferienregion bekannt. In dieses Bild passt auch der Wakker-Preis des Schweizer Heimatschutzes, der 2015 ans Bergell ging. Inmitten dieser heilen Bergwelt nahm das Leben der Bergeller seinen Lauf. 2013 stimmte die Bevölkerung dem Bau des Auffangbeckens für den Hochwasserschutz zu und Anna Giacometti fand, eigentlich war es genug an der Spitze der Gemeinde. 2019 wollte sie sich nicht mehr zur Wiederwahl stellen. Das ist nun anders: Anna Giacometti glaubt, als Teil der Behörde vieles richtig gemacht zu haben. «Die Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung konnten gestillt werden. Die meisten Bewohner kehrten wieder in ihre Häuser zurück.» Wenn ihre Erfahrungen ge- fragt seien, so sei sie für eine weitere Kandidatur bereit, so Giacometti.

Plötzlich Held

Wie unentbehrlich ein Gemeindepräsident, der sich engagiert für ein geschundenes Dorf nach einer Naturkatastrophe einsetzt, ist, zeigt das Beispiel Gondo. Die Walliser Gemeinde auf der Südseite des Simplons liegt nicht nur ähnlich abgelegen wie das ähnlich klingende Bondo. In Gondo wurden auch schlimme Erinnerungen wach. Nach starken Regenfällen riss am 14. Oktober 2000 eine Schlammlawine das halbe Dorf weg und 13 Menschen in den Tod. Im Mittelpunkt damals: Roland Squaratti, damaliger und heutiger Gemeindepräsident von Gondo.

Auch er, der beim Unglück zwei Brüder verlor, wollte eigentlich von der Spitze der Berggemeinde zurücktreten. «Doch ich war nach der Bewältigung der Katastrophe so stark im Wiederaufbau-Dossier drin, ein neuer Gemeindepräsident hätte sich das alles erarbeiten müssen.» Squaratti fühlt mit den Bergellern und Anna Giacometti mit. Diese macht ihm Eindruck. «Der Umgang mit den Medien nach einer solchen Katastrophe ist nicht einfach. Plötzlich ist man eine öffentliche Person, dabei hat man noch mit den eigenen Gefühlen zu kämpfen. Doch Anna Giacometti hat das sehr gut gemacht, sie wirkt sehr authentisch und hat immer offen kommuniziert. Das ist wichtig: Sobald man nicht mehr offen kommuniziert, beginnen die Probleme.»

In Bondo, auf 800 Metern gelegen, fallen die ersten Schneeflocken. Den Umgang mit den Medien musste auch Anna Giacometti erst lernen. Die beiden Reporter fährt sie über die wiedereröffnete Kantonsstrasse ins kleine Bondo. «Madame nennen mich manche der Bewohner nun», sagt sie. Das Medieninteresse an ihrer Person ist den Bergellern auch aufgefallen. Die Bezeichnung zeugt von Anerkennung. Aber in ihr schwingt auch etwas Ironie. Bodenständig, wie die Bergeller sind, reagieren sie skeptisch auf den Promi-Status ihrer Gemeindevorsteherin. Und auch Anna Giacometti selbst tickt da nicht anders. Sie will für ihre Gemeinde da sein, aber sicher keine Heldin sein. Und auch keine Madame.

Die Arbeiten sind weit vorangeschritten. Im Zweischichtbetrieb haben Arbeiter das Auffangbecken mit schwerem Gerät leergeräumt. Mit dem Aushub konnten die Dämme um zwei Meter erhöht werden. Teil des Walls sind auch Häuser, die vom Geröll und den Schlammmassen als erste getroffen worden sind. Giacometti geht nicht davon aus, dass sie wieder bewohnt werden können.

Nun ist sie froh um die Verschnaufpause, die der Winter gewährt. Doch 1,5 Millionen Kubikmeter Geröll liegen noch im Bondascatal. Wenig verfestigt und mobilisierbar, wie die Experten sagen. Auch wenn sie hofft, es möge nicht passieren, über etwas macht sich Giacometti keine Illusionen: Spätestens mit den Gewittern vom nächsten Sommer könnten wieder Murgänge ins Tal schiessen. «Doch wir sind bestmöglich vorbereitet», sagt Giacometti.

Verlust der Leichtfüssigkeit

Und doch: Acht Menschen sind gestorben beim Bergsturz. Die Geologen des Kantons Graubünden und auch die Gemeinde Bregaglia sind in die Kritik geraten wegen der Schilder, die sie im Bondascatal aufgestellt hatten. Sie hätten Berggänger nicht ausdrücklich genug vor der Gefahr gewarnt, so der Tenor.

Die Experten und Giacometti stellen sich auf den Standpunkt, die mannshohen Schilder seien unübersehbar gewesen. Im Gemeindehaus zeigt Giacometti auf eine Satellitenaufnahme des Val Bondasca. «Die Stelle, an welcher die acht Bergsteiger vermutlich vom Bergsturz getroffen wurden, war in der roten Zone.» Glück im Unglück war, dass es beim unmittelbar auf den Bergsturz erfolgten Murgang «nur» Sachschäden gab. Anders als bei der Schlammlawine von Gondo 2000 wurden in Bondo und den anderen betroffenen Ortsteilen Menschen weder getötet noch verletzt.

So sind Anerkennung, Medienpräsenz und das Gefühl, in der Öffentlichkeit zum Kreis der bedeutenden Figuren zu gehören, nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist eine Last, die die Gemeindepräsidentin von Bondo so schnell nicht loswird: Die Last der Trauer um die verschollenen Bergsteiger und ihre Familien sowie die Last der Verantwortung, letztlich den Kopf für die Sicherheit des Dorfs hinhalten zu müssen. Mit dem erlangten Promi-Status nur umso mehr. Und so sagt sie etwas nachdenklich: «Ich freue mich auf die Normalität.» Sofern es überhaupt so etwas wie Normalität gibt nach der Katastrophe.