«Die Schweiz integriert sich mit dem Bau der Neat in das wachsende europäische Hochgeschwindigkeitsnetz», schwärmt Alptransit auf ihrer Homepage. Die SBB-Tochter ist Bauherrin der Neat. Die neue Flachbahn durch den Gotthard ist für Geschwindigkeiten von 250 Stundenkilometern ausgelegt.

Nur so ist garantiert, dass Reisende ab Zürich Mailand in weniger als drei Stunden erreichen und so die Anschlusszüge um die volle Stunde nicht verpassen.

Gravierende Folgen

Die SBB planen, dass ab 2016 oder 2017 Reisezüge im Halbstundentakt durch den Basistunnel brausen. Ein solches Angebot entspricht bereits heute dem Standard auf vielen wichtigen SBB-Strecken.

Dieser Fahrplan hätte allerdings beim Güterverkehr gravierende Folgen. «Ein Halbstundentakt mit 250 km/h ist im Gotthard-Basistunnel nur möglich, wenn auf den Güterverkehr weitgehend verzichtet wird», sagt Walter von Andrian, Chefredaktor der «Schweizer Eisenbahn-Revue».

Er schilderte jüngst in der Fachzeitschrift das Problem. Wenn zwei Hochgeschwindigkeits-Reisezüge einander in 30 Minuten Abstand folgen, schafft dazwischen kein einziger Güterzug mit 80 oder 100 Kilometern pro Stunde den 57 Kilometer langen Basistunnel. Die Reisezüge würden die Güterzüge vor Tunnelende einholen und dadurch gebremst.

Den Neat-Pionieren ist also ein Planungsfehler unterlaufen, der die Nutzung des Jahrhundertprojektes stark einschränkt. «Das Thema wird offiziell totgeschwiegen», sagt von Andrian. Alptransit-Gotthard kümmere sich darum, dass dereinst Personenzüge mit 250 km/h durch den Basistunnel fahren könnten. Die SBB ihrerseits gestalteten den künftigen Fahrplan.

Tatsächlich sind beide Firmen nicht sehr gesprächig. Alptransit verweist an die SBB-Medienstelle. Dort gab es gestern ohne Begründung keine Auskunft.

Politik fordert Klarheit

Klarheit fordert der Tessiner Ständerat Filippo Lombardi, der die Neat-Aufsichtsdelegation des Parlaments präsidiert. Die Delegation verlangt am kommenden Montag von den SBB Informationen dazu.

Lombardi sorgt sich um die Anschlüsse in Mailand, die bei Tempi unter 250 Stundenkilometern nicht mehr gewährt seien. «Das wäre schlimm. Die mit dem Ceneri-Tunnel gewonnene Reisezeit wäre gleich wieder verloren.»

Für SVP-Nationalrat und Fuhrhalter Ulrich Giezendanner ist die Kombination von langsamem Güterverkehr und schnellem Reiseverkehr auf derselben Strecke illusorisch.

Er fordert, die beiden Verkehrsträger auf den beiden Achsen Lötschberg und Gotthard zu entflechten. Deutschland und Frankreich hätten für ihre Hochgeschwindigkeitszüge auch eigene Strecken gebaut.

Im Bundesamt für Verkehr kennt man die Problematik. «Es besteht ein gewisser Zielkonflikt zwischen den Interessen von Güter- und Personenverkehr», sagt Sprecher Andreas Windlinger.

Es sei aber kein Problem, den Halbstundentakt im Personenverkehr mit sechs Güterzügen pro Stunde und Richtung zu kombinieren. Zum Preis allerdings, dass die Reisezüge nur mit 160 bis 200 Kilometern pro Stunde fahren können.

Walter von Andrian hat eine andere Lösung. Er schlägt einen Überholbahnhof in der Tunnelmitte vor, wo die Reisezüge die Güterzüge überholen könnten. Dafür sollten jetzt rasch die Voraussetzungen geschafft werden. Der Bau des Bahnhofs sei dann auch später noch möglich.